Cuvillièstheater Wim Vandekeybus über „Die Bakchen“

Die "Backchen" in der Inszenierung von Wim Vandekeybus. Foto: Danny Willems

Choreograf Wim Vandekeybus bringt „Die Bakchen“ auf die Bühne des Cuvilliéstheaters

 

Wim Vandekeybus ist in München kein Unbekannter. Immer wieder war der Belgier mit seiner Extremtanzgruppe „Ultima Vez“ hier zu Gast – bei der Tanzwerkstatt Europa oder zuletzt 2017 mit „Mockumentary of a contemporary saviour“ im Rahmen von Dance. Nun bündeln erstmals seine Kompanie und das Residenztheater ihre Kräfte. Die Uraufführung „Die Bakchen – Lasst uns tanzen“ von Peter Verhelst nach Euripides hat im Cuvilliéstheater Premiere.

Herr Vandekeybus, was reizt Sie als Choreograf an einer Theaterinszenierung?
Dass es für mich etwas Neues ist. Ich habe in über 30 Jahren viele Filme und um die 35 choreografische Arbeiten gemacht. Bei dieser Produktion fühle ich mich frei von dem Druck, mich womöglich zu wiederholen. Genau aus diesem Grund schätze ich die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern.

Sie haben Dijf Sanders als Komponisten und mit Vincent Glowinski einen Maler mit ins Boot geholt. Was erwartet das Publikum?
Das Nachexerzieren klassischer (Theater)Formate ist nichts für mich. Es bringt uns nicht weiter. Ich hoffe, uns gelingt, diese antike „Hippie“-Geschichte über Rache, Emanzipation und die Befreiung von Angst angesichts von Veränderung auf eine ungewöhnlich neue Art zu erzählen. Allein schon Vincent mit seiner komplett anderen Denkweise verändert den gesamten Kreationsprozess. Mein nächster Gedanke war, keinen vorproduzierten elektronischen Sound zu verwenden, sondern einen guten Live-Musiker dazu zu holen. Der kann auf der Bühne aktiv auf die Schauspieler, Tänzer und Vincents Live-Painting reagieren. Dijf, der sich viel mit den Klangwelten indonesischer Stämme beschäftigt hat, wird verschiedene Instrumente spielen.

Das hört sich sehr atmosphärisch an…
Manchmal wird es auch richtig laut. Dionysos hat die Leute in seiner Gewalt, weil er sie um den kleinen Finger wickelt und in einen Zustand versetzt, in dem sie keine Angst mehr kennen. Sich wie unter Drogen öffnen. Am Ende hat man den Eindruck, das Ganze war ein gigantischer, grausamer Trip.

Bleiben Rollen und Plot erhalten?
Auf jeden Fall. Die Schauspieler übernehmen die Charaktere Pentheus (Till Firit), Dionysos (Niklas Wetzel), Agave (Sylvana Krappatsch), Tiresias (René Dumont) und Kadmos (Wolfram Rupperti). Aber Dionysos ist eine Gottheit, die sich gern in fremden Körpern verbirgt. Meine Tänzer interpretieren vornehmlich die Bakchen, können aber auch Teil des Palasts, zu Pentheus Gefolge oder sogar Dionysos selber werden. Die Story steigert sich langsam über 90 Minuten hinweg.

Sie haben den flämischen Dramatiker Peter Verhelst mit einer Neubearbeitung des Texts beauftragt. Warum?
Agave hat im Original nur am Ende eine Stimme. Dann, wenn sie ihren Fehler erkennt. Ich aber wollte ihre Rolle von Anfang an zeigen und sie sprechen lassen. Peter war bereit, der Struktur der Vorlage treu zu bleiben. Dabei zählt er zu jenen Autoren, die nicht einfach beschreiben, was man sieht. Er geht metaphorisch vor. Spannend, wenn der Ballast szenischer Beschreibungen wegfällt, der Text nicht länger informativ, sondern eigenständiges Modul neben Musik, Malerei und Tanz ist. Zutaten, die nie eins sind, sich aber permanent wie ein Räderwerk verzahnen.

Werden die Aufführungen sich unterscheiden?
Ja, was Vincent Glowinski betrifft. Er hasst es, sich vorab festzulegen und entwickelt seine visuelle Kunst aus dem Augenblick heraus. Unsere Arbeit ist ein organischer Prozess. Dennoch bleibt jede Vorstellung ein Gig – für den Musiker ebenso wie für den Maler. Es ist ihre erste Zusammenarbeit!

Wie darf man sich die Bühne vorstellen?
Wir beginnen sozusagen mit einem leeren Blatt Papier.

Es gibt keinerlei Dekor?
Doch – aber zu Beginn ist alles weiß. Ich habe Vincent gebeten, uns alles Notwenige zu malen. Und auch meine Darsteller mit einzubeziehen. Das Bodypainting ermöglicht den Figuren, sich in etwas anderes zu verwandeln. Wobei das Geschlecht meiner Meinung nach nicht wirklich von Bedeutung ist.

Mögen Sie den Premierenort?
Ich finde das Cuvilliéstheater gar nicht so schön. Das Ambiente unterscheidet sich total von unserer Arbeit. Der Kontrast zwischen Bühne und Zuschauerraum ist gigantisch. Letztendlich aber gefällt es mir, ein Rokokotheater zu bespielen. Schließlich beinhalten Euripides „Bakchen“ mit den Fraktionen der Götter, Menschen, Frauen, Männer, Anführer und Anhänger Gegensätze en masse.

Uraufführung „Die Bakchen – Lasst uns tanzen“ von Peter Verhelst nach Euripides in der Regie von Wim Vandekeybus. 15. (Premiere), 17., 27., 29., 30.3. Karten: 21851940

 

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