Cuvillièstheater Tschechows „Die Möwe“, inszeniert von Alvis Hermanis

Tschechows "Die Möwe" im Cuvillièstheater. Foto: Pedrotti

Staatsschauspiel: Anton Tschechows Komödie „Die Möwe“, inszeniert von Alvis Hermanis

"Warum gehen Sie immer in Schwarz?“ fragt Medwedenko, und Mascha, die Dame in Schwarz, antwortet: „Ich trauere um mein verlorenes Dasein. Ich bin unglücklich“. Diesen ersten Sätzen des Stücks schaltet Regisseur Alvis Hermanis ein stummes Spiel vor: Wenn sich langsam der schwere Vorhang des Cuvilliéstheaters öffnet, hält Sorin (René Dumont) eine Pistole an seine Schläfe. Der Kranke drückt nach einem ewig wirkenden Moment nicht ab, sondern humpelt an seiner Krücke nach hinten, um sich auf Stühlen hinzulegen und zu schlafen. Mascha und Medwedenko kommen herein, um auf den Beginn einer privaten Theatervorstellung zu warten.

Es kommt zu einer kleinen Vefolgungsjagd, denn er sucht ihre Nähe und sie ist auf der Flucht vor ihm. Die ersten fünf Minuten sind die besten dieser mehr als dreistündigen Aufführung, die mit der Eröffnungsszene bereits auserzählt erscheint. Mehr als die bleierne Trauer über ein am eigenen Dasein vorbeigelebtes Leben kommt dann nicht mehr.

Rauschhafte Opulenz

Die völlige Stagnation, von der Anton Tschechow in „Die Möwe“ und seinen anderen als „Komödien“ gekennzeichneten Gesellschaftspanoramen so wirkungsvoll und lebendig zu erzählen verstand, ist für Alvis Hermanis das einzige Motiv. Sehr, sehr langsam und sehr, sehr leise wird gelitten, geharmt und geschluchzt. Nur manchmal bricht Emotion laut aus. Wenn etwa die Theaterdiva Irina feststellt, dass ihr Geliebter, der erfolgreiche Schriftsteller Trigorin, in die blutjunge Nina verliebt ist, zerfetzt sie einen Blumenstrauß.

„Die Möwe“ ist zum einen ein sehr unrund laufender Liebesreigen: Irina glaubt Trigorin zu lieben, liebt aber vor allem sich selbst. Trigorin liebt Nina, kommt aber aus Irinas Entourage nicht heraus. Irinas Sohn Kostja liegt Nina zu Füßen, aber die verehrt Trigorin. Die traurige Mascha (Anna Graenzer) wiederum liebt Kostja, wird aber pragmatisch Medwedenkos Werben nachgeben und mit dem Lehrer eine unglückliche Familie gründen.

Zum anderen ist das Stück ein Künstlerdrama: Kostja fühlt sich zum Dramatiker berufen, der um eine „neue Form“ für das Theater ringt, Trigorin leidet unter der Einsamkeit des Schreibenden, Nina träumt von einer Schauspielerinnenkarriere und findet ihren Platz weit weg vom Glanz Moskaus in einer Kleinstadt und Irina lebt isoliert in ihrer Theaterblase. Sogar der joviale Gutsbesitzer (Wolfram Rupperti), dessen Anwesen der Sommersitz der beiden Promis aus der Welt des Theaters und der Literatur ist, wäre lieber Dichter.

Gelangweilte Muffigkeit

Bei Alvis Hermanis ist diese verzwickte Konstellation nur noch in unbelebten Klischees von Tschechow-Figuren zu erkennen. Sogar die rauschhaft hypernaturalistische Opulenz der Ausstattung, für die der lettische Regisseur berühmt wie berüchtigt ist, wirkt nur noch wie ein Zitat. Die Wände des Bühnenraums bleiben untapezierte Spanplatten, so roh, wie sie die Schreiner schufen, großbürgerlich möbliert mit schweren Schränken, Vitrinen und einem Klavier.

Mit den Damen weiß Hermanis wenig anzufangen. Sophie von Kessel darf als Irina nur an der Oberfläche dessen entlang spielen, wie man sich eine gefeierte Mimin landläufig vorstellt, und zum großen Auftritt von Nina im fünften Akt wird Mathilde Bundschuh ins Dunkle geschickt.

Besser geht es dem einen oder anderen der Herren. An die gelangweilte Muffigkeit von Michele Cuciuffo als Trigorin gewöhnt man sich gerne und Tim Werths gibt als Medwedenko in Hochwasserhose und geplagt von einer Reihe ulkiger Tics den traurigen Clown. Vor allem Marcel Heuperman aber entwickelt für Kostja als pummeliges Riesenbaby ein starkes Profil und grinst sich in die Herzen des Publikums, das sich am Premierenabend beim Schlussapplaus auffällig zurück hielt.

Cuvilliéstheater, wieder am 30. Januar, 5., 7., 13. Februar, 19.30 Uhr, Karten unter Telefon 21851940
 

 

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