Cuvilliéstheater Insektenakrobat: Kafkas „Die Verwandlung“

Jens Atzorn (Mitte) als Gregor Samsa auf dem Weg zum Insekt. Foto: Matthias Horn

Leiser Horror: Kafkas „Die Verwandlung“ im Cuvilliéstheater mit dem agilen Jens Atzorn.

 

Von dem durchtrainierten Körper Jens Atzorns schwärmt die Begleiterin des Rezensenten nach der Aufführung, ach, diese muskulösen Arme!, und tatsächlich: Dieser Abend im Cuvilliéstheater – der Isländer Gísli Örn Garðarsson inszeniert Kafkas „Die Verwandlung“ – fließt verstärkt ins muskulöse Variété, sogar mit luftakrobatischer Nummer am Schluss: das Ungeziefer Gregor Samsa, gespielt von Atzorn, erhängt sich am roten Tuch, fliegt ein Stück in die Tiefe. Akrobat schön!

Kafkas Grusel, der auch jener eines männlichen Körpers ist, der sich eines Morgens in einen schwerfälligen Panzer verwandelt hat, übersetzt Garðarsson in die Faszination für die flinke Beweglichkeit des Insekts, beziehungsweise des Darstellers Atzorn, der auf der raffinierten Bühne – zwei Etagen, der obere Raum bietet sich dem Publikum in Vogelperspektive dar – herumturnt, während die anderen Spieler der Schwerkraft des Spießbürgerlichen unterliegen.

Das dunkel Groteske Kafkas zerfließt angesichts der Showeffekte ins leicht Betuliche einer Inszenierung für die ganze Familie; sogar die Musik von Nick Cave und Walter Ellis klingt brav. Aber all die Süßlichkeit reibt sich dezent unangenehm mit der untergründig wuchernden Feindseeligkeit der Familie gegenüber dem mutierten Sohn, der über ihren Köpfen wuselt.

Mit dem Filius ist auch der Ernährer verlorengegangen, „Arbeit?!“, sprechen Friederike Ott als Schwester Grete und die gewitzte Ulrike Willenbacher als Mutter im Chor. Gerhard Peilstein als gestrenger Vater muss wieder ans Malochen denken. Und der wandelbare Arthur Klemt darf in einer seiner Rollen als möglicher Ehepartner für Grete, sprich neuer Ernährer auftauchen.

Andeutungsweise lässt Garðarsson das Ungeziefer als sich Bahn brechendes Unterbewusste, als Verkünder verdrängter Wünsche erscheinen: Immerhin plädiert Gregor dafür, dass die talentierte Grete ins Konvervatorium gehen solle. Diese hält sich aber wegen des „Lärms“ die Ohren zu. Das aufblühende Mädchen möchte lieber vor dem sich eröffnenden Blumenpanorama schaukeln. Die Eltern stoßen es an. Indes baumelt das Insekt tot herab, und Nick Cave singt traurig schön vom Band dazu. Leise der Horror, laut der Applaus.

Cuvilliéstheater, 7., 10., 17., 18., 20., 21. 12., 20 Uhr, Tel.: 2185 1940

 

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