Cuvillièstheater "Die Verlobung von St. Domingo" nach Kleist

"Die Verlobung in St. Domingo" im Cuvilliéstheater. Foto: Federico Pedrotti

Robert Borgmann bringt im Cuvillièstheater Heinrich von Kleists Novelle „Die Verlobung in St. Domingo“ auf die Bühne

Unsere wenig erfreuliche koloniale Vergangenheit hat in der deutschen Literatur bisher kaum Spuren hinterlassen. Dafür hat die Haitianische Revolution gegen die französische Kolonialherrschaft gleich zwei Klassiker umgetrieben: Heinrich von Kleist in seiner „Die Verlobung in St. Domingo“ und Heiner Müller in seinem Drama „Der Auftrag“, das die zum Theaterkalenderspruch abgesunkenen Worte „Die Revolution ist die Maske des Todes. Der Tod ist die Maske der Revolution“ enthält.

Robert Borgmanns hat in seine Bühnenfassung der Kleist-Novelle daher auch dieses Zitat und weitere Müller-Texte aufgenommen. Die Eingangsszenen zurren das Thema fest: Erst erwehrt sich eine Farbige der Grapschereien mehrerer Embryos mit der Bach-Arie „Ich habe genug“. Eine etwas anstrengende Dame möchte anschließend aus einem Bürgerkriegsgebiet ausgeflogen werden – ähnlich wie Christoph von Ried bei Kleist. Der bittet auf der Flucht vor aufständischen Farbigen ausgerechnet im Haus des „fürchterlichen Negers“ Congo Hoango um Asyl, wo ihm zwei farbige Damen mit bewegter Vergangenheit nach dem Leben trachten.

Wer diesen Klassiker-Thriller heute auf die Bühne bringen will, darf sich vor dem N-Wort nicht fürchten. Und er muss eine Antwort auf die zuletzt heftig diskutierte Frage parat haben, ob es im 21. Jahrhundert noch statthaft ist, dass sich weiße Schauspieler auf der Bühne ihr Gesicht schwarz anmalen.

Deutsches Geraune

Borgmann umgeht das Blackfacing-Problem durch die Mitwirkung der gleichberechtigt agierenden Marie-Christiane Nishimwe. Sie spricht zwar wenig, tauscht aber mit Marcel Heuperman und Mathilde Bundschuh unablässig die Rollen und Perücken der drei Kleist-Hauptfiguren durch. Anspielungen auf den Voodoo-Kult bleiben eine exotische Oberfläche. Und man tut Horst Seehofer und seiner Asylpolitik zu viel Ehre an, wenn man ihn auch nur als Luftballon auf die Bühne bringt.

Das bleibt ein Gag ohne echten politischen Standpunkt. Für Kleists Unbedingtheit der Liebe samt ihrer Dialektik von Versehen und Erkennen interessiert sich Borgmann leider auch zu wenig. Der etwas trottelige Christoph versucht – anders als bei Kleist – Toni Gewalt anzutun. Die in der Novelle beschwiegene Liebesnacht ersetzt Borgmann durch eine alptraumhafte Passage über die ihre Kinder fressende Revolution mit Texten von Heiner Müller. Dann erhebt sich Thomas Schmauser als Michael Jackson von einem Sektionstisch und tänzelt, den Anfang der Erzählung sprechend, hochvirtuos über die Bühne, ehe die Inszenierung den Schluss der Novelle verweigert und ins peinlich Biografische springt.

Natürlich scheint es dem nachgeborenen Leser, als habe Kleist in seiner „Verlobung“ das eigene Ende vorweggenommen, wenn Christoph erst Toni und dann sich selbst erschießt. Aber es bleibt ein sehr deutsches Geraune, die haitianischen Verstrickung der Novelle mit dem rätselhaften Doppelselbstmord eines Schwierigen und einer unheilbar Krebskranken am Wannsee zusammenzubringen.

Zuletzt zieht, das in diesem Zusammenhang offenbar unvermeidliche „Luftschiffer“-Zitat aus Kleists Abschiedsbrief illustrierend, der Seehofer-Ballon Marie-Christiane Nishimwe in den Bühnenhimmel. Das ist, wie Rocco Peukers beweglicher Leuchtstoffröhren-Lüster, eines der vielen starken Bilder, dessen Suggestion durch Borgmanns eigenen Sound gesteigert wird. Als Etüde über das Blackfacing-Problem wirkt der Abend gelungen, doch der politisch-psychologischen Dimension Kleists scheint er kaum gewachsen, weil der Regisseur zu sehr seinen allerersten Assoziationen vertraute.      

Wieder am 4., 11. und 16. Oktober sowie am 5., 25. und 29. November im Cuvilliéstheater

 

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