„Crosseyed Heart" Der Seelenverkäufer und schielende Herzbube

Keith Richards hat eine neue CD rausgebracht; „Crosseyed Heart“ ist eine Blues-Hommage.

 

Metallica nur Schrott? „SgtPepper’s“ von den Beatles ein „Mischmasch aus Müll“? Das rief die Jakobiner des guten Geschmacks und der politischen Korrektheit auf den Plan, die das Blasphemie-Gesetz zur Anwendung brachten und Anklage wegen Hochverrats erhoben. Um diesen Angriff der geballten Mainstream-Meinungs-Keule zu überstehen, muss man eine unantastbare Ikone der Götzenmusik Rock ‘n’ Roll sein. Sonst würde man der Musik-Inquisitation zum Opfer fallen.

Keith Richards, Gitarrist der Rolling Stones, diesem angeblich aufmüpfigen, aber musikalisch viel tradierterem und angepassterem Gegenentwurf zu den Pilzköpfen, war der Verbal-Übeltäter. Wer so gewaltig auf die Schaumschläger-Düse drückt, handelt meist in der Absicht, irgendwas zu verkaufen. Da die Stones schon immer Könige darin waren, die PR-Maschine mit Skandalen anzukurbeln, macht das auch Richards, der mit „Crosseyed Heart“ (schielendes Herz) sein drittes Solo-Album promotet.

23 Jahre nach „Main Offender“. Der 71-Jährige legt die relaxte Coolness eines Mannes an den Tag, der nicht mehr in adoleszenten Adrenalinschüben jedem Rock hinterherjagen muss – schlicht der Tatsache geschuldet, dass er eh schon alle hatte. Der schielende Herzbube, der mit seinem charismatischen Gitarrenspiel die Rollenden Steine prägte, dieser weiße Knabe aus England ist der Mann, der die DNA des Blues entschlüsselt hat. Der Ton ist im Blues ein Einzelgänger. Er braucht Freiraum. Er muss zittern, atmen, weinen, schreien können. Ohne, dass er in seiner Freiheit durch den nächsten Ton seiner Identität beraubt wird.

In einer Ära, in der viele Gitarristen dem Irrglauben verfallen sind, es sei große Kunst, möglichst viele Noten in möglichst kurze Zeit zu pressen, errettet Richards mit seinem langsamen, akzentuierten Spiel die Töne von der Gesichtslosigkeit der Masse und haucht ihnen so erst Leben ein. Paradebeispiel ist der Titeltrack, der eine Hommage an Blues-Gott Robert Johnson ist, der 1938 im Alter von 27 Jahren an einer Alkoholvergiftung starb. Der Legende nach hat ihn der Beelzebub so zu sich gerufen, weil Johnson ihm im Gegenzug für den Erfolg seine Seele verkauft hatte.

Norah Jones singt mit ihm, der gar nicht singen kann

Andere Highlights sind die an Jam-Sessions erinnernden „Blues in The Morning“ und „Substantial Damage“. Auch das gefühlvolle Duett mit Norah Jones weiß zu gefallen, obwohl Richards Stimme hier in seiner Limitiertheit schonungslos offenbart wird. Sie ist rau, verlebt, passt zum Gesicht, dessen Falten, nein, Furchen vom Leben am Abgrund erzählen. Es ist mehr ein Sprechgesang, der irgendwo zwischen Bob Dylan und dem singenden Indianeraktivisten John Trudell angesiedelt ist. Mit Richards am Mikro wären die Stones nie Legenden geworden, aber zu „Crosseyed Heart“ passt sie. Richards weiß, was er kann – und was er nicht kann. Er setzt Effekte wie Chöre oder Streicher ein, wenn die Stimme zu dünn wird und er davon ablenken will.

Mit den Covers „Goodnight, Irene“ (Huddie Ledbetter) und „Love Overdue“ (Gregory Isaacs) zieht er anerkennenden Rockerhut, auf „Nothing On Me“ wird der Stones Überhit „Satisfaction“ variiert zitiert. „Crosseyed Heart“ erfindet das Rock-‘n’-Rollende Rad nicht neu. Das war auch nie Richards Anspruch. Trotzdem: Der Herzbub macht Spaß, auch wenn er in seinen schwachen Momenten ein bisschen „Mischmasch aus Müll“ produziert. So viel Blasphemie muss sein.

 Keith Richards
„Crosseyed Heart“
(EMI Universal)

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