Countertenöre Neue CDs von Samuel Mariño und Franco Fagioli

Franco Fagioli widmet sich Leonardo Vinci. Foto: Igor Studio / Deutsche Grammophon

Samuel Mariño und Franco Fagioli werden oft verglichen, dabei trennt sie vieles. Was sie jedoch eint: Sie haben sehr hörenswerte neue Alben aufgenommen

 

Wenn neue Stimmen den Klassik-Markt erobern, werden oft und gerne Vergleiche bemüht. Manche hinken gewaltig. Samuel Mariño ist eine neue Stimme. In Kritiker-Umfragen wurde er bereits zum „Besten Nachwuchskünstler“ gekürt. Prompt wird der 26-Jährige mit anderen Countertenören verglichen, allen voran Franco Fagioli. Wer indessen die zwei jüngsten Alben dieser Sänger in das Wiedergabe-Gerät schiebt, nimmt gänzlich unterschiedliche Charaktere wahr.

Für seine CD „Care pupille“ hat Mariño mit dem Händel-Festspiel-Orchester Halle unter Michael Hofstetter Arien von Georg Friedrich Händel und Christoph Willibald Gluck gekoppelt. Die Arien aus den Gluck-Opern „Antigono“, „La Sofonisba“ und „Il Tigrane“ liegen hier als Ersteinspielungen vor, so auch das titelgebende „Care pupille“.

Im höchsten Register

Dagegen widmet sich Fagioli mit dem Ensemble „Il Pomo d’Oro“ auf seiner CD „Veni, Vidi, Vinci“ ganz dem Barock-Pionier Leonardo Vinci aus Neapel. Sieben der zwölf Dacapo-Arien auf Fagiolis Album sind ebenfalls Ersteinspielungen. Was zudem Mariño und Fagioli eint, ist ihre südamerikanische Herkunft. Sonst aber klaffen zwischen den Stimm-Profilen Welten. Mariño aus Venezuela nennt sich selbst nicht Countertenor, sondern dezidiert Sopran. Er ist fraglos im höchstmöglichen Register des Männergesangs unterwegs. Die Höhe der Stimme allein sagt aber noch gar nichts über die Nähe zum ehemaligen Kastraten-Gesang aus.

Hier geht es vor allem um Brillanz und Kraft. Schon in der Alessandro-Arie „Che sarà quando amante accarezza“ aus Händels Oper „Berenice, Regina d’Egitto“ wirken manche Koloraturen etwas angestrengt. Auch die Intonation ist nicht immer präzise. An die gestochen klare Ausgestaltung und Artikulation eines Fagioli reicht Mariños technisches Vermögen – noch – nicht heran.

Auf seinem Vinci-Album präsentiert sich der Argentinier Fagioli einmal mehr mit einer fesselnden Ausdrucksdichte. Dabei macht Fagioli nicht nur Kastraten wie Farinelli, Carlo Scalzi, Filippo Balatri oder Raffaele Signorini Konkurrenz, die die hier eingespielten Vinci-Arien seinerzeit gestaltet haben. In den Camilla-Arien aus der gleichnamigen Oper wetteifert er auch mit Faustina Bordoni. Die Mezzosopranistin, verheiratet mit dem Barock-Meister Johann Adolph Hasse, hatte seinerzeit die Titelpartie der Camilla gesungen.

Im galanten Stil

Genau das passt vortrefflich zu Fagioli. Er hat eine besondere Vorliebe dafür, ursprüngliche Kastraten-Rollen zurückzuerobern oder sich in das Terrain originärer Frauen-Rollen vorzuwagen. Gleichzeitig lässt Fagioli der melodischen Kunst von Vinci viel Raum. In ihrer Schlichtheit gibt sie sich überaus reich, samt subtilen Harmoniewechseln. Fagioli präsentiert sich als vortrefflicher Anwalt für den von Vinci mitbegründeten galanten Stil.

Mit seinem besonderen Timbre färbt er zudem die Klanglichkeiten wiederholt dunkel ein. Dagegen entfaltet sich das ganze Können Mariños in der hellsten, zart-fragilen Höhe. Er überzeugt vor allem im langsamen Zeitmaß, so im Lamento der Berenice aus Glucks „Antigono“ oder dem „Care selve“ aus Händels „Atalanta“. Hier gelingen Mariño bleibende Hörerlebnisse allererster Güte, und wenn seine Stimme in höchster Höhe entschwindet, stellt sich der Gänsehaut-Faktor ein: Chapeau!

Samuel Mariño: „Care pupille“ (erschienen bei Orfeo); Franco Fagioli: „Veni, Vidi, Vinci“ (erschienen bei der Deutschen Grammophon)

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading