Coronakrise und Kino Und was kommt danach?

Nach gutem Start abgewürgt: Aber viele Kinobetreiber wollen nach der Corona-Krise mit den „Känguru Chroniken“ da anknüpfen, wo seit Mitte März Schluss war. Im Bild: Das Känguru und Dimitrij Schaad als Alter Ego von Marc-Uwe Kling. Foto: X-Verleih

Niemand in der Filmwelt rechnet ernsthaft damit, dass nach dem 19. April der Betrieb wieder anlaufen könnte

Man kennt das, wenn man warten muss: Um nicht völlig nervös zu werden, will man ein Gefühl bekommen, wie lange es ungefähr dauern wird. Spätestens seit dem 17. März sind flächendeckend in Deutschland die Kinos geschlossen. In Bayern gilt die bisherige Ansage: Nach den Osterferien, am 19. April, könnte das kulturelle Leben wieder anlaufen. Nur daran glaubt in der Kinobranche niemand mehr. Von Mitte Juni ist jetzt die Rede.

Und selbst dann ist fraglich, ob Kinos ihre Plätze voll belegen dürfen oder immer ein Sitz rundherum frei bleiben muss: Wer sich das einmal auf einem karierten Block aufmalt, kommt zum Ergebnis: Für vier verkaufte Kinoplätze braucht man 16 Sitze, um immer einen Sitz Abstand zum Nachbarn zu haben. Jedes Kino könnte dann nur noch mit einem Viertel der Plätze belegt werden.

 

Die Einnahmen brechen weg

Für die rund 700 deutschen Kinos bedeutet die derzeitige Situation und diese Zukunftsaussicht ein Desaster. Schätzungen des Hauptverbandes Deutscher Filmtheater gehen von 17 Millionen Euro pro Woche Einnahmeausfall in deutschen Kinos aus, darunter die Arthouse Kinos mit ca. 2,8 Mio Euro. Die vertritt Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender der AG Kino und Geschäftsführer der Berliner Yorck-Kinos: „Das Geld, das jetzt verlorengeht, kann man ja nicht nachholen, so wie wenn jemand den Kauf seines neuen Laptops verschiebt. Den kauft der dann eben später. Aber Kinoplätze sind halt später nicht doppelt zu verkaufen.“ Und jetzt sind die Ausgaben mit Pacht und teilweise noch Gehältern immer noch hoch und die Einnahmen bei Null.

Gerade der immer so viel gelobte Mittelstand brauche jetzt direkte Hilfe, meint Christian Pfeil, der in München das Monopol und Arena sowie weitere Kinos in Gera und Jena betreibt: „Wenn da nicht sofort, und zwar mit der großen Kanne was passiert, sind viele Kinos für immer am Ende.“

Den Mittelstand schützen

Der Präsident der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft, Thomas Negele, sieht das auch so: „Die Ausfälle, die wir in allen Bereichen jetzt haben muss der Staat ersetzen, und zwar 1:1. Nur dann können wir normal weiterfahren, sonst haben wir ein Mords-Minus und kommen in eine komplette Rezession. Wir müssen den deutschen Mittelstand schützen“. Von der Forderung, erst das Eigenkapital aufzubrauchen, hält er nichts, da bei Kinobetreibern meist nicht viel da ist.

Hoffnung macht das bundesstaatliche Rettungspaket in Höhe von 40 Milliarden Euro für Kleinstunternehmer bis 10 Beschäftigte und Solo-Selbstständige, davon 10 Milliarden als direkte Zuschüsse und 30 Milliarden als Darlehen.

Was aber passiert nach der Kino-Zwangspause? Wird es einen Filmstau geben? Geht man von 10 bis 15 Filmstarts pro Woche aus, könnte der sich nach 10 Wochen schon auf 150 Filme belaufen, was natürlich nicht funktionieren kann.

Kannibalismus nach der Pause

Beim Neustart, wann auch immer, heißt es also: Kannibalismus, bei dem viele Filme es nie mehr ins Kino schaffen werden. Unter die Räder sind gerade die Berlinale-Filme „Udine“ und „Berlin Alexanderplatz“ geraten, die jetzt starten sollten. Und dass der gute Lauf an der Kinokasse von Haifaa Al Mansours „Die perfekte Kandidatin“ oder Dani Levys „Die Känguru-Chroniken“ abrupt gebremst wurde, ist nicht nur für Verleih und Kinos, sondern auch für den Zuschauer schmerzhaft.

Christian Pfeil geht davon aus, dass man auch mit diesen Filmen wieder startet. Das sei besser als gleich zuviel Neues auf den Markt zu werfen. Fabien Aséguel, Geschäftsführer des Arthouse-Filmverleih Alamode, sieht in der Krise auch eine Chance: „Wir Verleiher haben vielleicht die Möglichkeit, ein wenig unsere Einkaufspolitik zu ändern, auf weniger Filme zu setzen.“

Jetzt aber droht Hollywood, selbst panisch geworden, das Kino zu zerlegen: Als erstes Hollywood-Studio nutzte Universal Pictures die Corona-Krise, um gerade erst im Kino angelaufene Filme wie „The Hunt“, „Emma“ oder „The Invisible Man“ als Streaming-Angebot verfügbar zu machen: 19,99 Dollar für 48 Stunden Nutzungsfenster. Das entspricht etwa dem Preis von zwei Kinokarten.

Gleich ins Netz

Ein weiteres Beispiel für den Tabubruch: Ohne Kinoauswertung geht ab 10. April der Dreamworks-Animationsfilm „Trolls World Tour“ direkt in die Video-on-Demand-Auswertung. Und der schon angelaufene Paramount-Blockbuster „Sonic the Hedgehog“ geht kommende Woche digital. Disneys „Onward“ wird auf dem neuen Channel Disney+ ab 3. April zu erwerben sein. Bisher galt eine Frist von 90 Tagen ab Kinostart für die nachfolgenden Verwertungswege. Wenn das die Zukunft ist, wird es das Kino noch viel schwerer haben.

Die Angst aber, dass ähnliche Brachial-Methoden kommen, plagt Negele aber noch nicht zu stark: „Ein Film ohne Auswertung im Kino bringt auf VoD nicht die erhofften Zahlen.“ Ein guter Kinostart sichert erst die gute VoD-Auswertung. AG Kino Vorsitzender Christian Bräuer ist da weniger optimistisch. Er befürchtet, es könnten sich die Geschäftsmodelle ändern: „Einigen ist es egal, ob sie ihre Umsätze im Kino, online oder im Streaming machen. Da müssen wir aufpassen“.

Optimismus aus China

Aufpassen müsse man auch bei den scheinbar freundlich gemeinten, neuen VoD-Kanälen, die versprechen bei gestreamten Filmen auch Geld für Partnerkinos zu sammeln, glaubt Christian Pfeil: „Die sammeln unsere Kundendaten, indem sie versprechen, das Lieblingskino zu unterstützen. Aber letztlich wollen die unser Publikum abgreifen für ihre Streamingplattformen.“

Wenn es also im Juni wieder los geht, was erwartet da die Branche? „Der große Feind ist das Wetter. Und bei schönem Wetter wird das ein Kaltstart!“, meint Pfeil. Dass die Fußball-EM und bis dahin sicher auch Olympia in Tokyo abgesagt sind, ist da nur ein schwacher Trost. „Die Kinolandschaft wird im Herbst eine andere sein“, meint Pfeil: „Marktbereinigung, könnte man zynisch sagen. Aber mir fällt hoffentlich das Richtige zur richtigen Zeit ein. Denn die Leute wollen sich sicher auch weiterhin fürs Kino mit Freunden treffen!“

Immerhin eine gute Nachricht für die Filmwelt gab es gestern: In China sind angeblich wieder 500 Kinos geöffnet worden.
 

 

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