Coronakrise In den Grundfesten erschüttert

Stefan Laux (links) mit dem Bariton Peter Schöne. Foto: privat

Die Corona-Krise hat die Konzertbranche tief erschüttert – die Zukunft sieht düster aus

 

Tausend Euro monatlich hat Ministerpräsident Markus Söder am Montag den freischaffenden Künstlern zugesichert – erst einmal für die nächsten drei Monate. Doch ob es in naher Zukunft überhaupt wieder kulturelle Veranstaltungen geben kann, werden die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten Ende des Monats entscheiden. Schon jetzt aber ist klar: Das Corona-Virus hat nicht nur den Konzertsommer zerstört, es hat die Branche in ihren Grundfesten erschüttert – mit desaströsen Folgen.

Konzertveranstalter und Branchenprimus Marek Lieberberg (73) sieht düsteren Zeiten entgegen: „Man muss sich das vorstellen wie nach einem Krieg: Die Branche liegt in Trümmern“, sagte der Geschäftsführer von Live Nation Deutschland in der 3sat-Sendung Kulturzeit. „Man muss sehen, wie man auf den Trümmern aufbaut. Es werden keine Strukturen mehr da sein und man wird auch nicht wissen, ob das Publikum noch die Ressourcen haben wird, um sich Konzerte zu leisten.“

"Wir werden die letzten sein"

Großveranstaltungen sind in Deutschland bis 31. August verboten. Lieberberg kritisierte den Umgang der Politik mit der Live-Branche in der Corona-Krise. „Wir sind sofort als verzichtbar eingestuft worden. Wir waren die ersten, die der Bann getroffen hat und wir werden die letzten sein, wenn die Verbote wieder aufgehoben werden“, sagte er.

Hunderttausende Menschen seien betroffen: Hallenbetreiber, Dienstleister, Aufbauhelfer, Ordner, Caterer und Reinigungskräfte. Lieberberg forderte „einen Schutzschirm für die Unternehmen, denen der Atem ausgeht“. Live Nation Deutschland, das zu dem riesigen, international tätigen US-Unternehmen Live Nation Entertainment gehört, veranstaltet den Angaben zufolge etwa 1500 Konzerte und Events pro Jahr, die von fünf bis sechs Millionen Menschen besucht werden.

Wie schnell Kulturschaffende in Nöte kommen, verdeutlicht der Münchner Pianist und Liedbegleiter Stefan Laux. „Ich habe seit 16 Jahre ein gewerbliches Studio mitten in München zu finanzieren, bestehend aus Miete, Nebenkosten, laufenden Krediten für Instrumente (Flügel, Klavier), Tonanlage, Pflegekosten, Notenleihgebühren und bin Vater zweier Kinder“, schreibt er in einem offenen Brief. Am 26. März und am 1. April hat er Anträge auf Soforthilfe gestellt, geschehen ist nichts. Seit 42 Jahren ist er als Musiker berufstätig und weiß nun nicht mehr, wie es weitergehen soll. Die Betriebskosten sind hoch, die Einkünfte auf lange Sicht äußerst spärlich.

Ausverkaufte Konzerte sind nun weg

1000 Euro monatlich für den Lebensunterhalt erhalten ohnehin nur diejenigen, die in der Künstlersozialkasse sind. Die Hürden für die Aufnahme sind hoch, offenbar orientiert sich die Staatsregierung an diesen Standards, frei nach dem Motto: Wer nicht in die KSK kommt, ist auch kein richtiger Künstler. Doch das stimmt nicht.

Ein gestandener Musiker wie etwa Ludwig Seuss ist auch kein KSK-Mitglied. Der Pianist der Spider Murphy Gang hätte um diese Jahreszeit eigentlich Hochkonjunktur. Die Tournee der bayerischen Rock’n’Roll-Legenden musste im März unterbrochen werden. Sie hätte als Jahreshöhepunkt zwei ausverkaufte Tollwood-Konzerte im Sommer vorgesehen. Alles Geschichte. Tollwood wurde gestern abgesagt.

Zwischendurch wollte Seuss mit seiner eigenen Band noch seine Leidenschaft für die Musik aus den Sümpfen Louisianas ausleben und sein neues Album „Views of the Blues“ vorstellen. Nun weiß er nicht, wann er überhaupt mal wieder vor Publikum spielen kann. „Das geht einem schon ab“, sagt Seuss. Zwar glaubt er, dass der Hunger auf Live-Musik beim Publikum nach langer Abstinenz riesig sein wird, aber er sieht auch die Gefahr, dass gerade ältere Fans noch längere Zeit bräuchten, um wieder mit einem guten Gefühl unter die Menschen zu gehen.

Für Musiker ist die Zwangspause auch deswegen besonders schlimm, weil sie nicht einfach doppelt so viel Konzerte im kommenden Jahr als Kompensation machen können. Erstens konkurrieren die jetzt verschobenen Konzerte schon mit den ohnehin für das kommende Jahr terminierten Auftritten. Die Bühnen sind also schon weitgehend ausgebucht. Und zweitens ist noch überhaupt nicht sicher, wieviele gerade der kleineren Clubs die lange Dürreperiode überstehen können.

 

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