Coronakrise Heinrich Heine über die Cholera

Die Cholera ist – vor allem in Indien und Pakistan – noch immer nicht ausgerottet. Dieses Plakat informiert mit drastischen Bildern über die Symptome der Krankheit. Foto: dpa

Heinrich Heines Bericht über die Cholera-Epidemie in Paris enthält manche Parallele zur gegenwärtigen Coronakrise

 

Zuvor in Asien stationierte russische Truppen brachten die Krankheit bei der Niederschlagung des polnischen Aufstands von 1830 nach Warschau und an die Ostsee. Von hier aus verbreitete sich die Cholera in Europa. In der Mitte des Jahrhunderts und im letzten Viertel kehrte sie wieder zurück. Mit der Verbesserung hygienischer Verhältnisse und insbesondere der Trinkwasserversorgung verschwand diese massenhaft tödliche Infektionskrankheit, die durch ein Bakterium verbreitet wird, das dreckiges Wasser liebt.

Die großen Cholera-Epidemien des 19. Jahrhunderts haben im kulturellen Gedächtnis nur geringe Spuren hinterlassen, obwohl in Berlin der Philosoph Hegel der Krankheit zum Opfer fiel. München war 1836, 1853 und 1872 stark betroffen. Bis vor 50 Jahren erinnerte eine Cholera-Prozession an die Seuche. Heute erinnern nur noch zwei kleine Kreuze am Eingang zum Haidhauser Friedhof an die vielen Opfer.

Ansteckung im Karneval

Der einzige bekanntere deutsche Text stammt von Heinrich Heine. Er berichtete für die in Augsburg erscheinende und deutschlandweit gelesene „Allgemeine Zeitung“ aus Paris, wo 1832 die Cholera ausbrach. Dieses später in die „Französischen Zustände“ aufgenommene Feuilleton hat der Verlag Hoffmann und Campe neu herausgebracht, weil sich Gemeinsamkeiten mit der Corona-Pandemie aufdrängen.

Man habe, so berichtet Heine, der Epidemie in der französischen Metropole „um so sorgloser entgegengesehen, da aus London die Nachricht angelangt war, daß sie verhältnismäßig nur wenige hingerafft.“ Die Pariser tummelten sich im sonnigen Märzwetter auf den Straßen und verspotteten mit ihren Karnevalsmasken die Cholera-Ängste, ehe „plötzlich der lustigste der Arlequine eine allzu große Kühle in den Beinen verspürte, und die Maske abnahm, und zu aller Welt Verwunderung ein veilchenblaues Gesicht zum Vorscheine kam.“

Aus Furcht vor Ansteckung habe man die ersten Toten noch in ihrem Karnevalskostüm beerdigt; „lustig wie sie gelebt haben, liegen sie auch lustig im Grabe.“ 

Geschichten von den tot umfallenden Tänzern im Karneval sind ein beliebtes Requisit solcher Geschichten seit der Pest. Ob es für Heines Erzählung auch andere Quellen gibt, verrät der Kommentar zur Neuausgabe leider nicht. Edgar Allen Poes „Maske des roten Todes“ kann Heine nicht inspiriert haben, denn diese Erzählung entstand erst zehn Jahre später – ebenfalls unter dem Eindruck der Cholera-Epidemie, die das amerikanische Baltimore schon ein Jahr vor Paris erreichte.

Protest der Lumpensammler

Wer an Cholera erkrankt, erleidet durch Erbrechen und Durchfall einen massiven Flüssigkeitsverlust, der tödlich sein kann. Verursacht wird die Krankheit durch ein Bakterium, das erst in der Mitte des Jahrhunderts beobachtet und 1883 von Robert Koch identifiziert wurde. Max von Pettenkofer, Professor für medizinische Chemie in München, glaubte hingegen, dass auf feuchtem Grund errichtete Städte besonders gefährdet seien. Trotz dieser falschen These drängte die verbesserte Stadtentwässerung die Krankheit zurück, weil sich der Erreger über Fäkalien verbreitet.

Schon früh ahnten die Mediziner einen Zusammenhang zwischen dem engen Zusammenleben in der Großstadt und der Krankheit. Auch in Paris verbesserte man laut Heines Bericht die öffentliche Hygiene. Doch die Lumpensammler protestierten gegen die Schmälerung ihrer Einkünfte. Auch in München gab es Widerstände abortgrubenleerender Bauern, als nach der zweiten großen Epidemie von 1854 eine Kanalisation gebaut werden sollte.

Heine berichtet von Fake News über Vergiftungen und dem Ausbruch des Volkszorns: „Auf der Straße Vaugirard, wo man zwei Menschen, die ein weißes Pulver bei sich gehabt, ermordete, sah ich einen dieser Unglücklichen, als er noch etwas röchelte, und eben die alten Weiber ihre Holzschuhe von den Füßen zogen und ihm damit so lange auf den Kopf schlugen, bis er tot war.“ Ein wunderschönes, „wutblasses Weibsbild mit entblößten Brüsten“ habe dem Leichnam einen Tritt gegeben und Heine um Geld für ein Trauerkleid gebeten, weil ihre Mutter eben verstorben sei.

Wer diese Schilderung als Reflex auf das 1830 entstandene Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ von Eugéne Delacroix versteht, liegt kaum falsch. Für Heine ist die Cholera ein Gespenst der Revolution von 1789, das sich bereits 1830 beim Sturz der nach Napoleon zurückgekehrten Bourbonen gezeigt hat.

Robespierres Rezepte

Die Seuche für Heine ein „verlarvter Henker“, der mit seiner „unsichtbaren Guillotine ambulant“ durch Paris zieht. Die anfangs nicht ernst genommene Krankheit habe aus „Furcht vor dem Ridikül“ zu dem Mittel gegriffen, „welches schon Robespierre und Napoleon als probat befunden, dass sie nämlich, um sich in Respekt zu setzen, das Volk dezimiert.“

Heine, so scheint es, interessiert sich mehr für die Symbolik und den Grusel. Er selbst gibt den harten Hund: „Ich wurde in dieser Arbeit viel gestört, zumeist durch das grauenhafte Schreien meines Nachbars, welcher an der Cholera starb.“

An die norditalienischen Bilder von Militärtransporten mit Corona-Toten erinnern seine Beschreibung einer Markthalle voller Leichensäcke und die Möbelwagen, die Särge zum Friedhof Père-Lachaise transportieren. Sein Artikel schließt mit einem Besuch dieses Schreckensortes und dem Blick auf „nichts als Himmel und Särge“ einer bitter-ironischen Beweinung der „Heilandstadt“ Paris, die „für die weltliche Erlösung der Menschheit schon so viel gelitten“ habe.

Der Dichter selbst will sich mit „Leibbinden von Flanell“ vor der Cholera gerettet haben. Warum das half, bleibt ein wenig rätselhaft. Auch der einleitende, etwas lieblose Essay des Geschäftsführers von Hoffmann und Campe gibt darauf keine Antwort. Wer mag und eine Lupe sein Eigen nennt, kann die Version der Heine-Gesamtausgabe mit den im Faksimile beigegebenen Artikeln aus der „Allgemeinen Zeitung“ vergleichen.

Aus Pflichtbewußtsein zu früh an die Uni

Wie kundig und detailreich analytisch über das Thema Cholera geschrieben werden kann, ist derzeit gratis auf der Website des „Merkur“ nachzulesen: In der Juni-Ausgabe der „Zeitschrift für europäisches Denken“ berichtet Karl Heinz Götze unter dem Titel „Der absolute Geist, die Cholera und die Himmelfahrt des Philosophen“ über die Umstände des Todes von Georg Wilhelm Hegel.

Der Philosoph war 1831 vor der Cholera aufs Land geflohen und wurde ein Opfer der zweiten Welle: Er kehrte zum Semesterbeginn zurück, weil er den Höhepunkt der Epidemie überwunden glaubte.

Götze schreibt zwar längst nicht so literarisch wie Heine. Dafür erfährt man aus seinem Artikel nicht nur die Privatadresse der Bundeskanzlerin, sondern allerlei (durchaus gruselige) Details über die Entsorgung der mit einem „stumpfen eisernen Haken“ in den Sarg zu befördernden Choleratoten und ihre Unschädlichmachung unter einer Mischung aus Kohle, Salpeter, Salz und Schwefelsäure nach preußischer Vorschrift.   

Heinrich Heine: „Ich rede von der Cholera. Ein Bericht aus Paris von 1832“ (Hoffmann und Campe, 64 Seiten, 14 Euro). Der Text von Karl Heinz Goetze über Hegel online auf www.merkur-zeitschrift.de
 

 

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