Coronakrise Die Münchner Opernfestspiele sind abgesagt

Wir alle sollten uns darauf einstellen, dass Massenveranstaltungen wie Oper für alle heuer ausfallen. Foto: Wilfried Hösl

Die Münchner Opernfestspiele sind abgesagt. Wie es mit dem kulturellen Leben in den nächsten Monaten weitergeht, bleibt unbefriedigend unklar

 

Zu Theatern, Opernhäusern, Konzertsälen, Kinos und Museen gab es weder am Mittwoch bei der Pressekonferenz im Kanzleramt noch am Donnerstag in der Staatskanzlei eine klare Ansage. „Großveranstaltungen“ sind bis 31. August untersagt. Genannt werden in diesem Zusammenhang Volksfeste und Open airs wie Wacken oder Rock im Park.

Die große Überraschung ist es nicht, dass nun auch die Münchner Opernfestspiele abgesagt wurden. Dies war am Donnerstag – vorläufig ohne nähere Begründung – aus dem Kunstministerium zu hören. Die Staatsoper verwies auf eine Erklärung, die am heutigen Freitag abgegeben werde.

Jede Vorstellung eine Großveranstaltung

Das Nationaltheater fasst 2100 Besucher. Da ist jede Vorstellung im Prinzip eine Großveranstaltung, was normale Vorstellungen auch vor Ende Juni eher unwahrscheinlich macht. Ohnehin dürfte es angesichts der Einschränkungen im Flugverkehr auch noch im Juli schwierig sein, international tätige Sänger nach München zu holen.

Aber was ist mit kleineren Veranstaltungen bis, sagen wir, 1000 Besuchern? Söder erklärte, sie nach wie vor für untersagt. Dann sprach er viel über die Ostergottesdienste und die Religionsfreiheit, sagte aber kein Wort zur Kunst, über die in der Bayerischen Verfassung und im Grundgesetz auch einiges steht. Erst auf Nachfrage kam er ausweichend darauf zu sprechen, dass im „Lauf der Zeit“ Kriterien entwickelt würden und man nach dem 30. April weitersehen werde.

Die Staatsoper, das Staatstheater am Gärtnerplatz und das Residenztheater haben dem Vernehmen nach eine Wiederaufnahme des Betriebs mit den derzeit geltenden Abstandsregeln durchgespielt. Mit vergleichsweise ernüchterndem Ergebnis: Das Residenztheater müsste vor 163 Zuschauern spielen. Und damit ist weder die Frage beantwortet, wie der Garderobenbetrieb, die Pausengastronomie und die Benutzung der Toiletten zu organisieren wäre, geschweige denn, wer hinein dürfte: Treue Abonnenten oder Besucher mit Karten aus dem freien Verkauf?

Musiker zwischen Plastikfolien

In der Staatsoper und am Gärtnerplatz stellt sich außerdem die Frage, wie ein Orchester im Graben mit Abstandsregeln spielen soll. In der Konsequenz läuft das auf Liederabende als Gemeinschaftserlebnis von 400 Versprengten im Nationaltheater und auf einen Spielplan hinaus, der am Gärtnerplatz über „Opern auf Bairisch“ kaum hinauskommt. Und wäre es wirklich sinnvoll, die Münchner Philharmoniker oder das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit auf dem ganzen Podium verteilten 30 Mann zwischen Plastikfolien ein Brandenburgisches Konzert spielen zu lassen?

Das soll keine Absage an kreative Lösungen im Einzelfall sein, sondern nur eine Warnung: Niemand sollte auf normale Theater- und Opernvorstellungen vor Beginn der nächsten Saison Mitte Oktober hoffen. Auch dann wird nichts ohne Hygienekonzept laufen. Und vor der Entwicklung eines Impfstoffs werden auch außerhalb der Risikogruppen nicht alle Besucher bereit sein, sich dem Risiko einer Infektion auf größeren Veranstaltungen mutwillig auszusetzen.

Mut zu kreativen Lösungen

Allerdings wäre es gut, staatlicherseits nicht nur Veranstaltungen zu untersagen, sondern gerade die staatlichen und städtischen Häuser zu ermutigen, ihre Fantasie spielen zu lassen – analog und virtuell. Das Staatstheater Augsburg nutzt derzeit die 500 für eine Inszenierung von Glucks „Orfeo et Euridice“ angeschafften Virtual-Reality-Brillen für einen „VR-Theater-Lieferservice“, bei dem Zuschauer mit Wohnsitz in Augsburg das Stück auf gelieferten VR-Brillen im eigenen Wohnzimmer verfolgen können. Die „Judas“-Inszenierung wurde nur für diesen Zweck produziert. Ein Ballett und eine weitere Schauspielinszenierung sind schon in Arbeit.

Wenn derlei möglich ist, spricht nichts mehr dagegen, die Anfang April unterbrochenen Montags-Livestreams aus der Staatsoper so schnell wie möglich wieder aufzunehmen und auf diese Weise einen Beitrag zur Normalisierung des kulturellen Lebens zu leisten.

Was die großen Häuser brauchen, ist eine Planungssicherheit. Kultur lässt sich nicht „auf Sicht fahren“. Jede Wiederaufnahme des Spielbetriebs setzt einen Vorlauf an Proben voraus, die ihrerseits nicht ohne Vorbereitung und Sicherheitsmaßnahmen durchgeführt werden können.

Für private Veranstalter, Kinos, Kleintheater und die vielen schon vor der Coronakrise prekär Beschäftigten im Kulturbereich wird es dagegen langsam richtig brenzlig. Ein, auch zwei Monate lassen sich überbrücken. Aber ein halbes Jahr nicht.

 

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