Corona-Regeln in Flüchtlingsunterkunft Bewohnerin: "Ich habe Angst um meine Kinder"

Eine Mutter malt in einer Flüchtlingsunterkunft mit ihren Kindern. (Symbolbild) Foto: Armin Weigel/dpa

Wie hält man Abstand, wenn man in einer Unterkunft für Flüchtlinge lebt? Eine Betroffene spricht über ihre Sorgen. Und: 600 Menschen einer Anker-Einrichtung in Bayern müssen in Quarantäne.

 

München - Zwölf Quadratmeter. So groß – oder besser gesagt winzig – ist das Zuhause von Mariams Familie (Name geändert). Zwei Erwachsene, zwei Mädchen. Eins davon ist ein Baby, erst drei Monate alt, das andere zwei Jahre. Alle schlafen in einem Bett. Das dient nebenbei auch noch als Wickeltisch.

Die Flüchtlinge aus Somalia leben in einer Unterkunft im Münchner Osten. Sie haben ein Aufenthaltsrecht, aber noch keine Wohnung gefunden. Insgesamt wohnen dort 200 Menschen, wie die Flüchtlingshelferin Fadumo Korn der AZ berichtet.

Das Leben der Familie ist damit ohnehin beengt und weit entfernt von einem heimeligen Zuhause. Wenig Privatsphäre, wenig Rückzugsmöglichkeiten. Das ist jetzt zusätzlich belastend, seit es heißt: Abstand halten, Kontakte meiden, zuhause bleiben.

"Habe Angst, dass meine Kinder sterben könnten"

Wie ergeht es in Corona-Zeiten Flüchtlingen wie Mariam und ihrer Familie in Gemeinschaftsunterkünften? Was treibt sie um? Was sind ihre Ängste?

"Ich habe riesige Angst, dass meine Kinder sterben könnten", sagt Mariam der AZ über ihre Dolmetscherin Korn. "Ich gehe nicht mehr mit ihnen raus." Schaukel, Wippe, Sandkasten der Einrichtung sind ohnehin wie überall: geschlossen. "Meine große Tochter weint viel und schläft nicht gut, weil sie die anderen Kinder vermisst und weil wir nicht raus dürfen." Platz zum Herumtollen und Spielen bleibt in den vier Wänden der Familie nicht.

Das größte Problem aber sind die Gemeinschaftsräume wie die Küche und die sanitären Anlagen, erklärt Mariam. Auf ihrem Stockwerk gibt es eine gemeinsame Küche, drei Duschkabinen und drei Toiletten. In einem weiteren Raum stehen drei Waschmaschinen und drei Trockner.

Sie schildert den Alltag so: "Wenn ich in die Küche gehe, dann kann ich nicht eine Stunde neben dem Topf stehen und aufpassen, dass kein anderer Bewohner, der vielleicht infiziert ist, meinen Topf anfasst." Auch bei den Gemeinschaftsbadezimmern verspürt sie diese Angst. "Alle fassen Türgriffe und Maschinen an." Das sei alles sehr anstrengend für sie, auch und gerade wegen der kleinen Kinder. "Ich weiß nicht, wie ich mich und meine Kinder schützen soll."

Eine Notbesetzung an Personal sei vor Ort, schildert sie weiter. In mehreren Sprachen steht auf einem Schild, dass das Eintreten ins Büro untersagt ist. Man müsse auf einer roten Linie warten, die Post werde auf den Boden gelegt – um Kontakt zu vermeiden. Die Sozialarbeiterinnen sind laut Mariam im Homeoffice, kümmerten sich aber auf noch möglichen Wegen um sie. Per E-Mail, Whats-app, Telefon.

Zurückgefahrene Beratungsmöglichkeiten und eingestellte ehrenamtliche Hilfsangebote machen dem Asylbeauftragten der Erzdiözese München, Rainer Boeck, Sorgen. Der "Süddeutschen Zeitung" sagte er vor wenigen Tagen: "Man kann die Leute nicht sich selbst überlassen."

Alle Neuankömmlinge werden jetzt durchgetestet

Gerhard Mayer, Chef des städtischen Amtes für Wohnen und Migration, sagte der "SZ": Noch sei die Lage ruhig. "Ich bin nicht so optimistisch, wenn man das zwei, drei, vier Monate durchhalten muss." Auch die Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtsverbände, Andrea Betz, wird zitiert: "Wir machen uns Sorgen um die Stimmung in den Häusern."

So geht es auch Helferin Fadumo Korn: "Wann immer ich mit meinen Klientinnen spreche und das ist im Moment täglich, merke ich, wie verunsichert sie alle sind." Sie kritisiert, dass in der Öffentlichkeit viel zu wenig darüber gesprochen wird, wie es den Menschen in Gemeinschaftsunterkünften geht. "Viele von uns, die jetzt auf einem sehr hohen Niveau jammern, sollten mal kurz innehalten und in sich gehen. Stellt euch mal vor, eine schwangere Frau mit einem Kleinkind, die jeden Tag in der Früh überlegen muss, in welchen Zustand sich die Toiletten heute befinden, wenn mehr als 30 Menschen sich einige wenige Klos teilen müssen."

Die AZ hat beim Bayerischen Innenministerium nachgefragt und wollte wissen: Was wird zum Schutz der Menschen in Gemeinschaftsunterkünften unternommen? Das sind die Antworten im Wortlaut:

  • In Bayern werden seit 27. Februar alle Neuzugänge und Asylsuchenden, die seit 30. Januar 2020 angekommen sind, verdachtsunabhängig auf Covid-19 getestet.
  • Die Regierungen haben Maßnahmen getroffen, um die Belegung in den Unterkünften zu entzerren. Dies gilt sowohl für die Unterkunftsgebäude, als auch für einzelne Zimmer.
  • Für Verdachtsfälle und Infizierte werden separate Unterkunftsmöglichkeiten genutzt.
  • Möglichkeiten für eine gesonderte Unterbringung besonders gefährdeter Personen aufgrund von Alter, Vorerkrankungen oder sonstiger Aspekte befinden sich in der Umsetzung.
  • Zugangsbeschränkungen für nicht in Unterkünften untergebrachte Personen oder dort fest eingesetztes Personal.
  • Die Essensversorgung im Anker (Ankunfts- und Rückführungszentrum, d. Red.) erfolgt grundsätzlich weiter in den Kantinen. Hier wird durch "Entzerrung" die Einhaltung des Mindestabstandes von 1,5 Meter sichergestellt. Zudem erfolgt eine Ausweitung der Öffnungszeiten.
  • Begründete Verdachtsfälle, noch im Testverfahren anstehende Asylsuchende und positive Getestete werden jeweils separiert von den übrigen Anker-Bewohnern versorgt. Gleichzeitig besteht in vielen Einrichtungen bereits die Möglichkeit, die Speisen mitzunehmen und auf dem eigenen Zimmer zu essen.
  • Schließung von Sport- und Spielplätzen.
  • Die Informationsblätter vom RKI und anderen Stellen wurden in zahlreichen Übersetzungen zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus werden die Bewohnerinnen und Bewohner durch das Personal vor Ort regelmäßig informiert und stehen den Untergebrachten als Ansprechpartner zur Verfügung.
  • Darüber hinaus gelten alle Maßnahmen analog der von der Staatsregierung eingesetzten Ausgangsbeschränkung.

Reichen diese Maßnahmen aus? Der Bayerische Flüchtlingsrat findet: nein. Entzerrungen und mehrsprachige Informationen lobt er, aber die vorgeschriebenen Abstandsregeln und weniger Kontakte sind in solchen Wohnungssituationen schwierig.

Der Flüchtlingsrat teilt mit: "Wer in Mehrbettzimmern lebt, aus einer Kantine versorgt wird und sich Toiletten, Duschen und Küchen mit bis zu 50 Menschen teilen muss, kann keinen Sicherheitsabstand einhalten und soziale Kontakte reduzieren. Die Belegung muss dringend weiter entzerrt werden. Dafür können derzeit leerstehende Hotels genutzt werden."

Im Innenministerium ist man noch über etwas anderes besorgt: Rechte und rechtspopulistische Gruppen könnten die allgemeine Corona-Lage nutzen, um gegen Asylbewerber mobil zu machen. Ein Sprecher sagt zur AZ: "Niemand braucht Angst zu haben, Asylsuchende könnten das Virus unbemerkt nach Bayern eintragen. Ebenso unbegründet ist die Befürchtung, in den Anker-Einrichtungen könnte sich das Virus unbemerkt verbreiten." Der Sprecher zieht die Test-Fakten heran: Insgesamt wurden bei mehr als 2000 durchgeführten Tests bislang nur 19 Bewohner (Stand: 28. März) positiv auf Corona getestet.

Zudem ist die Zahl der ankommenden Menschen laut dem Sprecher ohnehin deutlich zurückgegangen, derzeit seien es pro Tag rund 20 Personen.

Dass eine Infektion nicht unbemerkt bleibt, zeigte sich am Wochenende: Nahe Schweinfurt hieß es in der Anker-Einrichtung: Corona-Alarm. Die rund 600 Bewohner müssen nun in Quarantäne, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern.

Mariam behält dennoch ihre Hoffnung auf bessere Zeiten in ihrem so ins Herz geschlossene München: "Ich bete für alle, dass wir Corona bald überstanden haben." An alle Bürger gerichtet, will sie an dieser Stelle ausrichten: "Bitte bleibt gesund."

Lesen Sie hier: Etwa 600 Flüchtlinge in Ankerzentrum unter Quarantäne

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