Claudia Bauer inszeniert am Residenztheater "Der eingebildete Kranke" von PeterLicht nach Molière

Krankenbesuch: v.l. Ulrike Willenbacher, Max Rothbart, Antonia Münchow, Thomas Lettow, Florian Manteuffel (im Bett), Myriam Schröder, Pia Händler. Foto: Sandra Then

„Der eingebildete Kranke“: Claudia Bauer inszeniert PeterLichts Molière-Überschreibung im Residenztheater.

 

Das Leben mag ein einziges leidiges Auf und Ab sein, aber sterben möchte halt keiner. Insofern wäre es doch ganz hübsch, wenn man auf ewig vor sich hin bouncen könnte – wie auf einem Trampolin. Hoch und runter geht es auf der Bühne im Residenztheater, wo nicht nur eine Showtreppe über mehrere Etagen eines Turms führt, sondern sich eben auch ein versteckter Trampolinboden im Innenhof der drehbaren Theateranlage für diverse Sprünge anbietet. Gegen Ende wird Argan, der eingebildete Kranke, auf diesem Trampolin hüpfen und lauthals verkünden, dass er stirbt, ja, stirbt!!

Sterben, aber hüpfend auf dem Trampolin 

Allein für solche schön verrückten Momente kann man Claudia Bauers Inszenierung lieben – so tragikomisch ist dieses Bild, so einprägsam wird eine seltsame Dualität vor Augen geführt: Zwischen Todesversessenheit und quickfideler Vitalität lässt der hypochondrische Lebemann Argan sich immer wieder fallen. Bereits zum vierten Mal hat der Musiker und Autor Meinrad Jungblut, besser bekannt unter seinem Künstlernamen PeterLicht, eine Barock-Komödie von Molière in unsere digital-depperten Selbstoptimierungszeiten hineinkatapultiert und meint dazu im Programmheft, dass er sich in diesen Molière wie in ein Trampolin plumpsen ließ, um von dort aus irgendwohin zu fliegen.

Eine Stückübeschreibung von PeterLicht

Tatsächlich hat der Barde eine vogelwilde Stücküberschreibung verfasst, die einem allein schon beim Durchlesen bald den letzten Nerv raubt. Denn das Trampolin-Prinzip durchzieht auch sprachlich das Molière-Update: PeterLicht hüpft auf einzelnen Sätzen solange herum, bis wirklich jeder (Un-)Sinn in der Variation herausgeschüttelt wurde und man der manischen Sprachspielerei gerne Einhalt gebieten würde. Aufhören, bitte! Aber genau das ist ja der Punkt: Argan hofft, dass das Reden und damit das Leben niemals enden werde – das Durchplappern als verzweifelte Überlebensstrategie.

Auf die Bühne will dieser Argan erstmal gar nicht treten, sondern zeigt sich per Live-Übertragung auf einer Videowand als vom Lampenfieber infizierter Superstar: Alles gut, Argi? Ja, ja, alles gut… Aber natürlich leidet er, ganz schlimm sogar, und muss dennoch raus, weil er seine Fans unterhalten soll.

Nach der Backstage-Hektik, launig vom formidablen Musiker-Duo Cornelius Borgolte und Henning Nierstenhöfer mit orgelnder Mucke umspült, steht Florian von Manteuffel als Argi dann wie ein durchgeknallter Sonnenkönig in seinem felligen Outfit plus Riesensmartphone um den Hals allein auf weiter Flur und muss die tödliche Stille irgendwie vertreiben. Bis zur Unkenntlichkeit ist das gesamte Ensemble geschminkt, ausgepolstert und verkleidet, die Frisuren hoch aufgetürmt, voll Rokoko also, aber sie sehen auch wie Comicfiguren aus, die einen gehörigen Schuss Commedia dell’arte intus haben (Kostüme: Vanessa Rust).

Stirbt mit der Pointe die Erwartung darauf? 

Über elaboriert gestaltete Briefköpfe auf Rechnungen schwadroniert Argan dann genauso wie er sich einen Mini-Osteopathen in seinem Mund vorstellt, der ihm die Kauleisten richtet. Solchen peter(irr)lichternden Schmarrn gibt es an diesem Abend zuhauf, ohne dass sich die kabarettistischen Nummern unbedingt auf Pointen zuspitzen. Aber stirbt mit der Pointe nicht sowieso etwas, zum Beispiel die Erwartung darauf?

Beim Kreiseln um Themen wie Angst, Krankheit und Schmerz ergeben sich Wortwechsel von geradezu valentinesker Anmutung. „Also ich hab was, und es spricht dafür, dass ich was habe, weil ich ausdrücklich sage, dass ich was habe“, sagt Argan. „Ja gut“, erwidert sein Bruder Béralde, „aber das heißt doch noch nicht, dass du auch ausdrücklich was hast, wenn du nur sagst, dass du was hast.“

Und ja, Argan hat was und zwar eine Schaffenskrise; es quillt aus ihm, dem Künstler, nichts Gescheites mehr heraus, weder aus seinem Hirn, noch aus seinem Darm. Während PeterLicht sich einige Wortdurchfälle und einen Schicki-Micki-Sprech erlaubt, den man in München vielleicht in den Achtzigern pflegte, hakt es, ähnlich wie bei Molière, im Ausscheidungstrakt des Anti-Helden. Um den Stückuntertitel „Das Klistier der reinen Vernunft“ vollends zu rechtfertigen, bekommt Argan eine Darmspülung verpasst – den behandelnden Arzt gibt Christoph Franken herrlich dampfig als munter plaudernden Quacksalber. Ein erster Todeskampf folgt kurz darauf, im Angesicht der Arztrechnung.

Wenn Klamauk zum Vergnügen wird

Dass dieser Klamauk letztlich zum Vergnügen wird, liegt daran, dass PeterLicht völlig klar, mit maximaler Fabulierlust die Nervenkostüme belastet, sowie daran, dass Claudia Bauer seinen Text gemeinsam mit Dramaturgin Constanze Kargl ein wenig gesundgeschrumpft hat und das Ensemble zum vollen Ausleben der Farce anleitet. Um im proktologischen Jargon zu bleiben: Die scheißen sich nichts. Florian von Manteuffel ist als Narziss, der mit dem Mantra „Mir geht es grad nicht so gut“ die Aufmerksamkeit der anderen ständig zu erhaschen versucht, eine Diven-Schau für sich. Um diesen eitel-einsamen Planeten zirkulieren ein paar exzentrische Satelliten, die auch einen blumigen Chor bilden können, so dass Argi mal Pause hat und sogar zuhören muss, was die so alles philosophieren.

Pointiert ironisch wird das Stück, wenn Pia Händler als Gattin Béline sich mit ihrem Argi über ein potentielles Partner-Ableben Sorgen macht: „Also ich habe beschlossen: wenn einer von uns beiden stirbt, dann mach ich endlich meine Weltreise…“ Ihre gemeinsame Tochter Angélique will Argi an den Doktor verheiraten, aber seine „Likki“ hat schon mit Cléante angebandelt. Einmal singen die zwei, Antonia Münchow und Max Rothbart, ein Stück PeterLicht-Prosa und bilden ein wahrlich leuchtend musizierendes Paar.

Das Globe Theatre winkt aus London

Etwas Magie und den Ernst der letzten Dinge hat Claudia Bauer schon im Blick, und sie hat den Dreh heraus, durch Bühnenrotationen bildstarke Situationen aufpoppen zu lassen. An das Globe Theatre in London erinnert der von Andreas Auerbach eingerichtete Turm und bietet in seinen Gängen viel Raum für fit machende Aktivitäten. Wobei das, was sich backstage abspielt, per Videoübertragung vorne im Vierer-Split-Screen zu sehen ist. Insofern befinden sich Argan und seine erbschleicherische „Crew“ ganz modern in einer panoptischen Anlage, in der jede noch so profane (Darm-)Bewegung überwacht wird.

Aus diesem Ich-Gefängnis, in dem der Star und sein Gefolge stecken, gibt es kein Entrinnen. Oder doch: Es gibt ja den Tod. Zuvor darf Argan aber hüpfen, hebt sogar völlig ab. Ach, so ein Trampolin macht ja bei aller Redundanz, auch beim Zuschauen Spaß.

Residenztheater, 23. Dezember, 4. und 18. Januar, 19.30 Uhr, sowie 31. Dezember, 18 Uhr, Karten: Tel: 2185 1940
 


 
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