Kult-Filmtheater in München Kino-Öffnung nach Corona-Pause: Das Cinema bereitet sich vor

Cinema-Betreiber Klaus Ungerer vor seinem Kino an der Nymphenburger Straße. Foto: Petra Schramek

Am Donnerstag geht’s im Cinema endlich wieder los – Kinochef Klaus Ungerer will sein Publikum sogar persönlich begrüßen. Doch mit nur 100 Zuschauern rechnet sich der Betrieb nicht.

 

In wenigen Tagen ist es soweit: "Es geht wieder los, endlich wieder Kino" strahlt Klaus Ungerer, Betreiber des Cinema in der Nymphenburger Straße, beliebter Pilgerort für Anhänger von Filmen in Originalversion. Zwar wird am 2. Juli nicht wie bei der Eröffnung des Cinema Filmtheaters am 23. Oktober 1954 ein Elefant die ersten Kinobesucher begrüßen, aber auf jeden Fall der Chef persönlich die Rückkehrer willkommen heißen.

Noch läuft nicht alles wie vor der Corona-Krise, aber die Wiedereröffnung nach mehr als dreieinhalb Monaten ist immerhin ein Schritt in die vermisste Normalität. Beim Lockdown im März dachte Unger wie so viele, dass der Alptraum in einigen Wochen wieder vorbei sei und stand noch hinter den Maßnahmen der Politik, auch wenn ihm das finanzielle Desaster schon klar war. Für sechs Angestellte wurde Kurzarbeit beantragt, es gab die Soforthilfe vom Staat und nach längerem Hin und Her reduzierte der Vermieter dann auch die Miete auf Zeit. Alles ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Die ganze Branche ist erschüttert

Die nationalen und internationalen Verleiher verschoben ihre Filmstarts, und mit der verordneten Besucherzahl von 100 rechnet sich der Betrieb nicht wirklich. "Wenn jetzt nicht der große Knaller kommt, wie der Leuchtturmfilm ,Tenet‘ oder ,Mulan’ von Disney, sieht es finster aus. Und sollte im Winter die Zweite Welle anrollen, dann Gnade uns Gott. Das wird ein ständiges Öffnen und Schließen", befürchtet Ungerer. Und es bestehe die Gefahr, dass zunehmend Filme aus Kostenersparnis direkt auf einer Streaming-Plattform landen. Eine Entwicklung, die die ganze Branche erschüttern und die Kinos in Schieflagen bringen könnte.

Auf Eis liegen erst einmal die beliebten Opern- und Ballett-Übertragungen aus der New Yorker Metropolitan Opera. Bereits die Rückzahlung der bisherigen Vorverkaufsgebühren bei Online-Tickets verursachte eine Heidenarbeit. Ob es im nächsten Jahr einen neuen Jahresvertrag für diese besonders beim älteren Publikum geschätzten Events gibt, ist noch unsicher.

Als "Lichtblick" bezeichnet Ungerer die populären Fantasynights am 11. und 12. Juli mit fünf Filmen täglich. "So ein Festivalcharakter sollte unsere eingefleischten Fans anziehen, da wäre natürlich eine Option auf mehr als 100 Zuschauer hilfreich", sagt der 53-Jährige und hofft zusätzlich auf schlechtes Wetter. Für ihn bleibt es völlig unverständlich, warum aus Profitgründen Busreisen ohne Abstandsregeln erlaubt sind, beim Kino aber geschäftsschädigende, rigide Regeln gelten, "das finde ich ungerecht. Uns fehlt einfach eine schlagkräftige Lobby", ärgert sich Ungerer.

Lenkung der Besucherströme ist eine Herausforderung

Dabei ist das Cinema bestens gerüstet mit seinem großen Foyer, bei dem man die Türen für Durchzug öffnen kann, einem hohen Saal mit mehr als 400 Plätzen und einem ausgeklügelten Lüftungssystem. Eine ironische Bemerkung kann er sich nicht verkneifen: "Ich glaube, die Ansteckungsgefahr in U- oder S-Bahn auf dem Weg ins Kino ist höher als beim Aufenthalt im Kino selbst".

Es wurmt ihn, dass die geplante Neu-Bestuhlung auf nächstes Jahr verschoben werden muss. Die sei jetzt kostenmäßig nicht zu stemmen. Eine Herausforderung stellt die schwierige Lenkung der Besucherströme dar mit abgestimmten Einlaßzeiten, größeren Pausen zwischen den Vorführungen und Erfassung der Kundendaten. Da muss sich das Publikum in Geduld üben.

Neidisch kann man da nur auf die Filmnation Frankreich mit ihren klaren Vorgaben gucken. Dort probiert man das sog. "Schweizer Modell", nach dem zwischen Gruppen keine Kontaktbeschränkung besteht und ansonsten nur ein Sitz frei bleiben muss. Damit steigt die Kapazität auf über 50 Prozent.

Cinema-Öffnung: Nur zwei Vorstellungen pro Tag

Aber die Vorfreude ist dennoch zu spüren. Nicht nur beim filmbegeisterten Ungerer, der unter dem legendären, vor zwei Jahren gestorbenen Kinobetreiber Dieter Buchwald Ende der 1970er Jahre im Cinema begann und heute als Geschäftsführer die Geschicke des Kultkinos lenkt, sondern auch bei den Mitarbeitern, die endlich wieder arbeiten möchten.

Das Cinema wird langsam öffnen mit zwei Vorstellungen am Tag, beginnend mit "Der Fall Richard Jewell", eine Woche später folgt "Harriet – Der Weg in die Freiheit". "Sneak Previews" für ein junges Publikum und die gemütlichen "Cinema-Filmnachmittage" für Senioren mit ausgewählten Film-Highlights in deutscher Sprachversion stehen derzeit noch nicht auf der Agenda.

Trotz allen Frusts erinnert sich Ungerer allerdings auch an Positives in der schrecklichen Zeit: "Wir kriegten Briefe und Mails, die Leute erzählten von ihren tollen Erlebnissen bei uns und viele verzichten auf die Ticketrückzahlung. Einige haben sogar gespendet, weil sie seit ihrer Jugend dem Cinema die Treue halten. Diese emotionale Unterstützung hat unheimlich gut getan".     

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