Christkindlmarkt? China-Kindlmarkt! München: Asien-Ramsch auf Weihnachtsmärkten

AZ-Lokalredakteurin Jasmin Menrad.
Marienplatz im (Elektro-)Kerzenlicht: 1,6 Millionen Menschen haben heuer schon den Christkindlmarkt besucht. Foto: Sigi Müller

Woher stammt das Kunsthandwerk, das auf dem Marienplatz angeboten wird, denn nun wirklich? In einer BR-Sendung wird angebliche Handarbeit als Billig-Schrott enttarnt. Die AZ schaut sich um.

 

München - Der Nussknacker soll echte Handarbeit aus dem Erzgebirge sein und kostet gerade mal 14,50 Euro. „Wird hier Billigware ,Made in China’ als echtes deutsches Handwerk verkauft?“ Dieser Frage ist die BR-Sendung „Quer“ im Beitrag „Kunst oder Krempel? Schummeln mit Weihnachtsschmuck“ nachgegangen. Ergebnis: Händler würden dreist lügen, wenn es um die Herkunft ihrer Ware gehe.

Dreimal hat eine Redakteurin auf dem Christkindlmarkt auf dem Marienplatz eingekauft. Sie lässt sich versichern, dass alles handgefertigt und aus Deutschland sei. Dreimal wird sie übers Ohr gehauen. Im Beitrag heißt es: „Fachleute warnen, dass die Importwelle aus Asien längst bayerische Christkindlmärkte erreicht hat.“

Bei erwähntem Nussknacker ist das Urteil von Kunsthandwerksexpertin Birgit Handke eindeutig: „Importware“. Das erkennt Handke an der schlechten Klebung, der verräterischen Plastikverpackung und dem Kunstfellbart. Auch die Christbaumkugeln seien nicht mundgeblasen, und das Räuchermännchen ist ein Asiate und nicht - wie behauptet- aus dem Erzgebirge. Handgemachte Unikate seien nun mal ohnehin teurer.

Die AZ hat auf dem Christkindlmarkt noch mal ganz genau hingeschaut – und dabei Ramsch und Kunsthandwerk entdeckt:


Alles handgemacht - fast

Janina Wartenberg (55) sitzt versteckt hinter hunderten von Christbaumkugeln. Ihre Hose glitzert, denn gerade pinselt sie eine Schneelandschaft auf eine Glaskugel, und der Glitzerstaub rieselt auf ihre Kleider.

„Meine Kugeln sind Unikate und alle von mir signiert“, sagt sie. Viele Kunden kommen mit einem Foto oder Bild zu ihr, das sie auf eine Kugel malt. Das Portrait auf der Christbaumkugel gibt’s ab 35 Euro: Je filigraner die Arbeit, desto teurer. Die Künstlerin kennt nur zwei Jahreszeiten: Weihnachten und Ostern, denn schon Monate vorher beginnt die Ingolstädterin mit dem Bemalen von Ostereiern oder Christbaumkugeln. Die Große Kugel mit dem „München“-Schriftzug kostet 19 Euro.

Da sich das nicht jeder leisten kann, verkauft sie ein paar Weihnachtskugeln aus der Fabrik. Da sie auf ihre eigenen so stolz ist, weist sie aber immer darauf hin, welche von ihr sind.


"Zigtausend Teile" - und wenig Import

So ein Zinnstern, wie ihn Gunnar Schweizer (47) anbietet, ist die Urform des Christbaumschmucks. Die Zinngießerei Schweizer fertigt seit über 200 Jahren Spielzeug, Geschirr und Christbaumschmuck aus Zinn.

„Wir haben ein Repertoire von zigtausend Teilen“, sagt Schweizer. „Die hauchdünnen Anhänger werden in Formen aus Metall oder Schiefer gegossen und bemalt.“ Alles von Hand. „Da hat sich in 200 Jahren nicht viel verändert“, erklärt er. Ein bemalter Zinnanhänger für den Christbaum kostet um 12 Euro. Sein teuerstes Stück, ein etwa zehn Zentimeter großer Christbaum, aus einer uralten Form gegossen und filigran bemalt, kostet 98 Euro.

An seinem Stand hat Schweizer auch Christbaumkugeln. „Bei 99,9 Prozent der Sachen kann ich sagen, wo sie herkommen“. Die Werkstätten in Thüringen, Tschechien und Polen inspiziere er persönlich. Bereitwillig erklärt er, welche Produkte an seinem Stand aus China kommen. Es sind nur fünf kleine Teile.


Hier wird Fernöstliches zu deutscher Ware

Standl Nummer 42 nah an der Mariensäule wird vom BR-Magazin „quer“ als unseriös angeprangert. „Wir beziehen unsere Ware aus Deutschland“, sagt eine Verkäuferin. Woher der Händler seine Ware beziehe, wisse sie nicht. Billige Verarbeitung und Verpackung weisen darauf hin, dass es sich um asiatische Nussknacker handelt. Zudem ist in der Verpackung ein Beutel mit Silicagel-Kügelchen. Das zieht die Feuchtigkeit heraus, typisch für weit gereiste Produkte.

Die Situation am Stand ist angespannt. Die Frauen beharren darauf, ihre Ware aus dem niedersächsischen Twistringen zu verkaufen: „Kunsthandwerk mit Tradition“. Und das schon ab 6,50 Euro ?! „Auch im Erzgebirge wird nicht jede Nase von Hand hingeklebt“, sagt die Verkäuferin. Ein Zugeständnis gibt es dann doch: „Wir werden uns bei Zeiten ganz genau mit unserem Händler unterhalten.“

Das hat die AZ schon für sie erledigt. Auf Nachfrage erklärt er, seine Nussknacker würden in Fernost gefertigt – in Handarbeit.


"Importe aus China drücken die Preise"

Am Stand mit der Aufschrift „Traditionelle Wachsarbeiten“ gibt es Christbaumanhäger aus Wachs und vor allem Rauschgoldengel. Wer gerne selber bastelt bekommt die Engel auch in Einzelteilen. Der Stand gehört Hildegard Schreiner. Ihre Mitarbeiterin erklärt: „Die Hildegard macht das als Hobby. Leben kann man davon nicht. Die Kundschaft wird immer weniger, die China-Importe drücken die Preise.“ Und: „Aber unsere Engel sind alle handgemacht, das ist eine Wahnsinnsarbeit.“

Die Köpfe und Hände werden aus Wachs gegossen und per Hand bemalt.

Der Körper besteht aus einem einfachen Zylinder aus Karton, der dann ein ebenfalls handgenähtes Kleid aus Samt bekommt. Der kleinste Engel mit zwölf Zentimetern kostet 35 Euro, eine geübte Person sitzt ungefähr fünf Stunden daran. Der größte Engel mit gut 40 Zentimetern kostet 125 Euro. „So einen Rauschgoldengel hat man ein Leben lang“, sagt die Verkäuferin.


Und das sagen Besucher auf dem Markt

Allein in diesem Winter sind bereits 1,6 Millionen Besucher zum Christkindlmarkt gekommen. Zu ihnen gehört der Münchner Unternehmensberater Oliver Haase. Der hat seinen Freund Sascha Nies samt Familie aus Dortmund zu Besuch. Ein Besuch auf dem Christkindlmarkt gehört um diese Zeit natürlich zum Programm. Aber: „Manche Sachen sind so hässlich, die würde ich nicht mal zum Wichteln mitnehmen“, sagt der Dortmunder. „Das schaut nicht nach richtigem Handwerk aus.“ Er kaufe lieber hochwertig, teurer, dafür aber auch nur einmal. Er sorge sich um seine drei Kinder: „Der Weihnachtsschmuck muss sicher sein. Wir dekorieren ja für die Kinder.“

Da seine Großmutter Figuren aus dem Erzgebirge gesammelt hat, kennt der Oliver Haase den zertifizierten Erzgebirgs-Stempel. Bei Christbaumkugeln hingegen könne man ihm sicher einen Bären aufbinden, glaubt Haase: „Da kann es dann schon passieren, dass ich überteuerte Ware aus Fernost kaufe.“


Ein Stempel gibt Auskunft

Simone Sonntag (21) und ihre Kollegin Maria Huber (46) zeigen den Kunden an ihrem Stand den Unterschied zwischen einem Nussknacker aus dem Erzgebirge und einen aus Asien, denn sie verkaufen beides. Der Nussknacker aus dem Erzgebirge kostet 57 Euro, sein Kollege aus Fernost nur 19 Euro. „Wenn er zu billig ist, kann er nicht echt sein“, sagt Maria Huber.

Der echte Nussknacker ist qualitativ hochwertiger bemalt, sorgfältiger zusammengebaut, und die Details sind feiner ausgeführt. Außerdem ist er mit einem Stempel zertifiziert.

Seinem chinesischen Halbbruder sieht man die Herkunft an den Haaren an: Die bestehen oft aus einem zuckerwatteähnlichen Kunsthaar. Die Kunden seien kritischer geworden und würden nach dem Unterschied zwischen den teuren und billigen Produkten fragen, sagt Susanne Sonntag: „Touristen und Einheimische sind auf der Suche nach Handgemachtem aus Deutschland.“
 

 

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