Christian Thielemann Alle Symphonien von Robert Schumann auf CD

Christian Thielemann. Foto: dpa

Die vier Symphonien von Robert Schumann mit der Staatskapelle Dresden unter Christian Thielemann

 

Kein Husten und kein Stühleknarzen gibt es auf diesem Doppel-Album. Wäre dieser Umstand nicht (und gäbe es die Information im Beiheft nicht), würde man glauben, dass es sich bei dieser Integrale der Symphonien von Robert Schumann um Live-Mitschnitte handelt.

Tatsächlich hat sie die Staatskapelle Dresden unter Christian Thielemann an nur zwei Tagen in der Suntory Hall in Tokio als Studioaufnahmen produziert. Offenkundig nahm Thielemann größtmögliche Abschnitte der Werke in einem Rutsch auf, was auch einige Unsauberkeiten in den Streichern anzeigen, die man noch hätte nachkorrigieren sollen.

Vornehme Zurückhaltung

Dem formalen Zusammenhang der einzelnen Sätze tut das jedoch gut. Anders wäre es Thielemann wohl gar nicht möglich gewesen, seinem Hang zum Rubato nachzugeben. Wie immer wirkt es sehr spontan, wie er etwa Stimmungstrübungen in der Symphonie Nr. 2 in C-Dur verbreitert, dafür aber in den Scherzi noch Spielraum hat, das Tempo vorübergehend anzuziehen.

Schlusspunkte von Phrasen wie etwa in der stolzen Einleitung zum Finale der Symphonie Nr. 1 B-Dur werden nicht triumphal herausgeschleudert, sondern artikulatorisch bewusst abgesetzt und dabei vornehm zurückgehalten.

Nicht immer sind Thielemanns Eingriffe nach Gutdünken nachvollziehbar, sie sind subjektiv, dafür aber auch tief empfunden. Den Musiziergewohnheiten des 19. Jahrhunderts kommen sie wohl näher als der völlige Verzicht auf Rubato, den die historisierende Aufführungspraxis meist übt.

Verweile doch, du Augenblick!

In der Symphonie Nr. 4 d-moll ersteht das symphonische Gebäude tatsächlich nahtlos, in einem großen Atem, dabei reich und sinnfällig ausgestaltet. Die Freiheiten, die sich Thielemann nimmt, gesteht er auch den Musikern der Staatskapelle Dresden zu, die innerhalb der großzügigen Tempi alle Zeit der Welt bekommen, um sie in voller Pracht zu verströmen. Hier hat man keine Scheu vor einem regelrecht verschwenderischen Klang, mit warmen, satten Streichern, die Doppelgriffe beherzt anreißen, und einem breit gezogenen Legato im Tutti, wie es sich heute kaum mehr jemand traut.

Das sollte man auch nicht vorschnell als altmodisch abtun, denn der reine Klang, der dabei entsteht, ist, etwa in den Mittelsätzen der Symphonie Nr. 3 Es-Dur, so wunderschön, dass man als Hörer oft sogar eher noch mehr verweilen möchte, als Thielemann es ohnehin gestattet.

An solchen Stellen geschäftig weiterzuhetzen, wie es viele glauben, tun zu müssen, wäre schlicht unmusikalisch. Denn was anderes ist Musik als Klang? 

Robert Schumann: Symphonien (2 CDs, Staatskapelle Dresden, Christian Thielemann, Sony)


Ein neuer Bildband

Christian Thielemann lässt sich nur ungern fotografieren. Das macht den Bildband des Österreichers Lois Lammerhuber umso bemerkenswerter. Er hat den Chefdirigenten der Staatskapelle Dresden zehn Jahre lang mit der Kamera beobachtet – in der Semperoper, dem Bayreuther Festspielhaus und bei den Salzburger Osterfestspielen.

Der anlässlich des 60. Geburtstags des Dirigenten im März erschienene Band zeigt ihn schonungslos nah, unter Verzicht auf jegliche Posen. Die Bilder vermitteln sowohl die Akribie als auch die Spontanität und Leidenschaft bei der Arbeit an der Musik von Mozart, Verdi und Wagner. 

Lois Lammerhuber, Clemens Trautmann: „Christian Thielemann: Dirigieren. 318 S., Edition Lammerhuber, Wien, 99 Euro

 

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