Chorgemeinschaft Neubeuern Abschied von Enoch zu Guttenberg

Er wollte mit Musik erzählen und aufrütteln: Enoch zu Guttenberg zwischen Fotos seiner Kollegen Leopold Stokowski und Georg Solti (re.). Foto: Markus C. Hurek

Kent Nagano dirigiert den letzten Auftritt der Chorgemeinschaft Neubeuern beim Gedenkkonzert für Enoch zu Guttenberg im Herkulessaal

 

Libera me. Errette mich. Pianissimo haucht der Chor die letzten Worte aus Giuseppe Verdis „Requiem“ in den Raum. Dann Stille, minutenlang. Rechts am Bühnenrand ein großes Foto Enoch zu Guttenbergs auf einer hölzernen Staffelei, links, tief in sich versunken, die Sopranistin Susanne Bernhard. Mit ihr verband Guttenberg, der im Juni mit nur 71 Jahren gestorben ist, eine letzte, erfüllende Liebe. Die beiden waren schon verlobt, zur Heirat kam es nicht mehr.

Endlich senkt Dirigent Kent Nagano seine Arme und ein Jubelsturm bricht los, minutenlang. Der Beifall im Stehen gilt der Klangverwaltung, Guttenbergs langjährigem Orchester, sie gilt dem prächtigen Solistenquartett – neben Bernhard sangen Anke Vondung (Alt), Sun Min Song (Tenor) und Tareq Nazmi (Bass) – und dem einstigen Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper und heutigem Musikchef der Hamburgischen Staatsoper, der eigens aus Montreal eingeflogen war.

Kompromisslos in jeder Lebenslage

Vor allem jedoch gilt sie der Chorgemeinschaft Neubeuern, jenem Ensemble, das Guttenberg von einer ländlichen Liedertafeln zu einem weltweit beachteten Klangkörper („Das Wunder von Neubeuern“) formte. Die Damen und Herren in Dirndl und Trachtenjanker hatten bei diesem von der Familie Guttenberg im Herkulessaal der Residenz veranstalteten Gedenkkonzert nach fast genau 51 Jahren ihren letzten Auftritt. Unter den mehr als tausend geladenen Gästen waren die Ex-Ministerpräsidenten Edmund Stoiber und Günther Beckstein, der frühere Bundesinnenminister Otto Schily und Herzog Franz von Bayern.

Zur Guttenbergs Beerdigung auf dessen Schloss in Oberfranken war auf ausdrücklichen Wunsch des Verstorbenen auf Trauerreden verzichtet worden. Diesmal hatten dem Vernehmen nach gleich mehrere Dutzend Familienangehörige, Freunde und Wegbegleiter ihren Wunsch angemeldet, dem großen Dirigenten und Umweltschützer ein paar Worte hinterherzuschicken. Das wäre dann doch ein wenig viel der Ehre gewesen, weswegen man sich auf vier kurze Ansprachen beschränkte.

Musikalische Gottesbeweise

Den Anfang machte Karl-Theodor zu Guttenberg, Enochs ältester Sohn und frühere Wirtschafts- und Verteidigungsminister, der über eine plagiierte Doktorarbeit sein Amt verloren hatte und jetzt die meiste Zeit in den USA lebt. Seine von respektvoller Ironie durchzogenen Rede war alles andere als eine Eloge. Man ahnte, wie schwer es Enoch zu Guttenberg, kompromisslos in jeder Lebenslage, es oft sich selbst und seinen Mitmenschen gemacht haben musste.

Karl-Theodor zu Guttenberg versuchte, die zahllosen Facetten des Vaters mit Gegensatzpaaren zu charakterisieren: Intellektueller und Kindskopf, Revoluzzer und Westentaschenmonarch, radikaler Ver- und Entzauberer, der in seinen Konzerten „Gottesbeweise“ geschaffen habe, um sie sofort wieder zu verwerfen. Ein Mann, der nie habe gefallen, nur überwältigen wollen. Der ein Leben geführt habe, „gnadenlos kurz wie gnadenreich erfüllt.“

Mit dem oberbayerischen Charme von Hildegard Eutermoser, der langjährigen Leiterin des „Musikbüros Enoch zu Guttenberg“ in Neubeuern, eine Mischung aus Konzertagentur und Privatsekretariat, konnten aber auch der wortgewandte Ex-Minister, sein jüngerer Bruder Philipp, jetzt Chef des Hauses Guttenberg, sowie der Neffe und Philosophieprofessor Franziskus Freiherr Heereman von Zuydtwyck als weitere Redner nicht mithalten.

Eigentlich habe er, erzählte die „Euti“, nur ein paar Jahre bleiben wollen, der junge Baron, den sie in Neubeuern immer den „Guttei“ nannten. Dann habe es sich aber bekanntermaßen „länger hingezogen“. Ein halbes Jahrhundert blieb man zusammen, feierte Erfolge in mehr als 600 Auftritten, feierte rauschende Feste, betrank sich, lachte, weinte, trauerte.

Guttei, das „Phämon“

Ja, manchmal habe es auch mächtig gekracht in den Proben, erzählt Eutermoser. Wie ein Rumpelstilzchen habe er getobt. Aber am anderen Tag habe sich Guttei dann entschuldigt und alles sei wieder gut gewesen. Eigentlich sei er immer auf der Suche nach der heilen Welt gewesen. Und ein großes Herz habe er gehabt, der Guttei, das „Phämon“, wie mal ein Chormitglied wortschöpfte „Du gehst uns allen furchtbar ab, aber unsere Gedanken und unsere Herzen sind immer bei Dir.“

Nagano hatte Verdis Requiem kurz nach Guttenbergs plötzlichem Tod schon im Sommer als Einspringer beim Rheingau Musikfestival dirigiert. Auch diesmal ließ er die Klangverwaltung und die Choristen und Solisten weitgehend das machen, was sie unter Guttenberg gemacht hätten. Doch ohne den feurigen Inspirator fehlte das letzte Quäntchen Unbedingtheit, das Guttenbergs Konzerte oft zu einmaligen Erlebnissen werden ließ.

Wie Bachs Passionen, seine h-Moll-Messe, Beethovens „Missa solemnis“ und Mozarts „Requiem“ zählte Verdis prächtige Totenmesse zu jenen großen Sakralkompositionen, die sich der Baron immer wieder aufs Neue vornahm. Zum Glauben hatte der Antiklerikale und Agnostiker eine ähnlich gespaltene Beziehung wie der Komponist selbst, der gleichwohl eine der ergreifendsten Totenmessen der Musikgeschichte schrieb. Vielen standen an diesem Abend die Tränen in den Augen. Den schwersten Part hatte wohl Susanne Bernhard, die ihrem verstorbenen Geliebten mit dem schlichten, an einen gregorianischen Choral erinnernden Agnus Dei und dem finalen, auf einem Ton geflüsterten „Libera me“ im noch einmal aufflackernden Toben des Dies irae, des Jüngsten Gerichts, ihre ganz persönliche Totenklage entbot.   

Die für die in München angekündigten Konzerte der Neubeurer mit Bachs Weihnachtsoratorium (23. Dezember) und der Matthäuspassion (19. April) übernimmt der Chor der Klangverwaltung, Infos unter Telefon 93 60 93
 

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading