"Chemiewolke", "Sägespäne!" Krankenhaus-Essen in München: Und davon soll man gesund werden?

Polenta mit Gemüse, Toastbrot wie "Sägespäne" und Fleisch mit Kartoffeln und Gemüse: Krankenhausessen in München. Foto: Sabine Gerst/Ben Neudek/AZ

Braten, Brot und Bohnen reisen stundenlang mit dem Lkw an: Die Speisenversorgung in Münchens Kliniken wird immer öfter ausgelagert.

 

München - Außer der Erinnerung an den Schmerz bleibt von einem Krankenhaus-Aufenthalt meistens vor allem: die Erinnerung an das Essen dort. Selten ist das eine gute. Sabine Gerst (Name geändert) zum Beispiel war gerade vier Tage im Rechts der Isar wegen einer Operation. Gegessen hat sie dort: fast nichts.

Auch, weil sie Lebensmittelallergien hat – aber vor allem: "Weil ich die Qualität des Essens extrem grenzwertig fand", sagt die Münchnerin. "In einem Krankenhaus erwarte ich natürlich keine großen Menüs, keine Sterneküche, kein Bio. Aber leichte Küche, die sättigt."

Stattdessen schlug ihr, als sie den Deckel vom "Schweinsbraten mit Knödel und Bayrisch Kraut" hob, etwas entgegen: "Eine Chemiewolke! Und da übertreibe ich nicht." Das Weißbrot: Toastbrot – "die schlimmste Sorte: wie Sägespäne". Die Nachtisch-Kiwi: so hart, dass die Krankenschwester riet: "Nehmen Sie sie mit heim, in zwei Wochen ist sie reif."

23 Reklamationen bei 476.647 Gerichten

Gerst hatte das Glück, dass ihr Mann ihr Essen brachte. Andere behalfen sich anders: "Abends begegnet einem dann der eine oder andere Lieferdienst im Krankenhaus." Für das Jahr 2017 seien bisher 23 Reklamationen eingegangen, bei 476.647 ausgegebenen Mahlzeiten, gibt das Rechts der Isar auf AZ-Anfrage an – außerdem 31 Lobäußerungen. Sein Gesamtbudget für Patientenverpflegung, teilt das Klinikum mit, sei um 8,34 Prozent gestiegen – seit 2010.

"Das Essen im Krankenhaus ist ein Kostenfaktor", sagt Christian Reischl, Gewerkschaftssekretär bei Verdi München. "Da wird um Cents gestritten. Es gibt permanent den Druck, die Kosten zu senken." Und relativ gut gehe das bei vermeintlich einfachen Tätigkeiten – wie der Zubereitung des Essens. Die Tendenz geht hier zu teilvorgefertigten Speisen, die von Hilfskräften im Krankenhaus nur noch aufgewärmt werden.

Die Lieferketten werden dabei immer länger: Große Teile des Frühstücks wie Wurst, Butter, Brot, Marmelade werden über Nacht aus Osteuropa geliefert. "Da sitzen dann morgens um halb 6 Menschen in einer externen Firma und portionieren für den Mindestlohn 1.000 Frühstücke", sagt Reischl.

Drehen an der "finanziellen Schraube"

Das Städtische Klinikum zum Beispiel will ab 2018 die Speisenversorgung in zwei Tochtergesellschaften mit abgesenktem Lohnniveau auslagern und vorgekochtes Essen zukaufen. Das staatliche LMU-Klinikum stellt zu November auch auf das "Cook & Freeze System" um. Die Mahlzeiten werden dann in Nordrhein-Westfalen zubereitet, tiefgefroren in Lkw zu einem Verteilzentrum in Gilching gefahren, aufbereitet und zu den beiden Campi gefahren, wo sie aufgewärmt werden – das alles drei Mal täglich.

Ein langjähriger Küchen-Mitarbeiter sagt: "Die Qualität unseres Essens hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr verbessert. Seit zwei Jahren wird aber enorm an der finanziellen Schraube gedreht." Wie hoch das Budget für einen Verpflegungstag ist, will er nicht verraten, aber: "Früher waren wir öfter zehn, 15 Prozent darunter. Heute sind wir meist etwas darüber." Die Flexibilität sei jetzt schon "total dahin", mit einem externen Dienstleister werde es noch schlimmer.

Die Städtischen Kliniken versichern: "Die bisherige Erfahrung zeigt, dass diese Lösung Qualität und Flexibilität bietet." Auch das LMU-Klinikum erklärt, in die Patienten-Verpflegung werde viel investiert. "Dies zeigt sich gerade daran, dass ab November eine hochmoderne Speisenversorgung zur Verfügung gestellt wird."

Die Qualität werde aber mittelfristig eher sinken, vermutet Hans Nebi, Betriebsratsvorsitzender der KUM DL, einer der beiden Servicetöchter des Klinikums, die für die Küche zuständig sind – noch. "So ein Caterer will ja auch was verdienen. Und die Bedingungen, mit denen man eine Ausschreibung gewinnt, hält man selten durch." Die Verpflegung, sagt Nebi, werde immer mehr behandelt, als sei sie keine Kernaufgabe des Krankenhauses. "Dabei gehört sie doch zum Gesundwerden dazu."


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