Chef der Stadtwerke: München steigt aus - bis 2025

Kurt Mühlhäuser (67) ist seit 16 Jahren Chef der Stadtwerke München. Unter seiner Leitung wurden die Stadtwerke von einer defizitären Behörde zu einem profitablen Wirtschafts-Unternehmen. Die Gewinne kommen der Stadtkasse zugute. Foto: dapd/Gregor Feindt

Wie fühlt man sich als Atomkraftgegner, wenn man ein Atomkraftwerk mitbesitzt? Warum ist Ökostrom im Internet billiger? Wie viele Windräder verträgt die bayerische Landschaft? Kurt Mühlhäuser im großen AZ-Interview

 

AZ: Die Atompolitik entscheidet Wahlen – was sagen Sie als Stadtwerke-Chef zum Hin und Her der Bundesregierung beim Atom-Ausstieg?

KURT MÜHLHÄUSER: Fakt ist: Wenn Kernkraftwerke länger laufen, bremst das den Ausbau regenerativer Energien. Dann werden die Ausbauziele in Deutschland nicht so schnell wie eigentlich möglich erreicht. Die Stadtwerke München halten aber auf jeden Fall an ihren Ausbauplänen fest – wir wollen bis 2025 so viel Ökostrom in eigenen Anlagen erzeugen, dass wir damit ganz München versorgen könnten.

Wollen die Stadtwerke München denn aus der Atomkraft aussteigen?

Ja, natürlich! Wir waren immer gegen die Verlängerung der Laufzeiten, weil sie die Energiewende bremst. Atomkraftwerke sind keine Brücken in eine neue Energie-Welt, sondern sie verzögern die Wende.

Warum wollen Sie die Wende?

Für mich ist die drohende Klimakatastrophe das überzeugendste Argument. Man muss sich nur die Schadensentwicklung der Rückversicherungen anschauen und stellt fest: Klimabedingte Katastrophen werden häufiger und heftiger. Deshalb braucht die ganze Welt den Umstieg – und den Ausstieg aus der Kernkraft. Wir sehen ja, was bei den angeblich sicheren Atomkraftwerken in Japan passiert ist. Das ist eine Technologie, die hohe Risiken in sich birgt und ganze Landstriche auf Dauer unbewohnbar machen kann. Was in Fukushima geschehen ist, ist fürchterlich.

Die Münchner haben Isar 1 und 2 direkt vor ihrer Haustür – auch da gibt es Ängste. Ein Viertel von Isar 2 gehört den Stadtwerken. Warum haben Sie dann den Anteil nicht längst verkauft?

Der Entschluss zur Beteiligung ist in den siebziger Jahren getroffen worden. Seit den neunziger Jahren versuchen wir, die Anteile zu wirtschaftlichen Bedingungen zu veräußern. Dass das nicht gelingt, ist wohl nicht zuletzt dem Hin und Her bei den Laufzeiten der Atomkraftwerke geschuldet. Aber selbst, wenn es uns gelungen wäre, unseren Anteil zu verkaufen, würde Isar 2 weiter Atomstrom produzieren. Es wird dort immer Restrisiken geben, völlig unabhängig davon, wer daran beteiligt ist.

Nach Fukushima und Merkels Ausstieg vom Ausstieg vom Ausstieg dürfte der Wert der Anteile endgültig im Keller sein.

Bei der derzeit völlig unklaren Lage wird es nicht leichter, einen Käufer zu finden.

Also drängen Sie darauf, dass Isar 2 wie von Rot-Grün eigentlich geplant im Jahre 2020 abgeschaltet wird?

Ja, das ist richtig.

Wie fühlt man sich eigentlich als Atomkraftgegner, der ein Atomkraftwerk besitzt?

Zumindest hat man eine Chance: die Gewinne daraus dafür zu nutzen, die Energie-Wende schneller zu schaffen. Es ist ein gutes Gefühl, wenn man dabei an der Spitze marschiert.

Greenpeace schätzt, dass Isar2 pro Tag eine Million Euro Gewinn abwirft. Das wären für die Stadtwerke 250000 Euro täglich. Stimmt die Summe?

Sie hat sich jetzt durch die Brennelementesteuer deutlich reduziert.

Die schlägt 2011 angeblich mit 45 Millionen Euro zu Buche – zahlbar an den Bund. Wie viel verdienen die Stadtwerke also an Isar 2?

Wir machen dort derzeit weniger als zehn Prozent unseres Gewinns.

Der sich nach dem Jahresabschluss 2009 auf 392 Millionen Euro belief. Waren Sie eigentlich schon einmal auf einer Anti-Atom-Demo?

Am vorigen Samstag hatte ich keine Zeit, aber bei der Menschenkette im Oktober 2010 war ich dabei. Es ist gut, wenn die Menschen für die Energiewende auf die Straße gehen. Und wir können sogar noch viel mehr tun, wir arbeiten daran. Das gibt einem ein sehr gutes Gefühl.

Schaffen Sie es, München bis zum Jahr 2025 komplett mit erneuerbaren Energien zu versorgen?

Dann werden die SWM den gesamten Münchner Strombedarf von 7,5 Milliarden Kilowattstunden aus regenerativen Energien decken können – als erste Millionenstadt der Welt. Mit den angestoßenen Projekten haben wir nach deren Realisierung mit 2,4 Milliarden Kilowattstunden schon rund ein Drittel erreicht. Es sieht recht gut aus. Das ist ein Marathonlauf, da darf man nicht loslaufen wie ein Sprinter, sonst geht einem schnell die Puste aus. Im Moment läuft es gut.

Sie haben gerade einen neuen Ökostromtarif aufgelegt. Wie kommt der an?

Viele Münchner haben sich bereits für unser Internet-Angebot M-Ökostrom entschieden. Zusätzlich bieten wir diesen Tarif auch bundesweit an. Und auch da sind wir über unsere Erwartungen hinaus erfolgreich.

Was heißt das in Zahlen?

Wir haben mit Zuwächsen im niedrigen vierstelligen Bereich gerechnet, aber es sind deutlich mehr. Vor dem Hintergrund der Ereignisse in Japan sagen viele Kunden: Ich möchte zu einem Unternehmen gehen, das glaubwürdig den Ausbau der regenerativen Energien vorantreibt. Da sind wir mit Sicherheit das Unternehmen in Deutschland, das am meisten dafür macht.

Wieso kann man das Angebot nicht bekommen, wenn man kein Internet hat?

Wir haben verschiedene Ökostrom-Produkte im Angebot. Das von ihnen angesprochene Produkt M-Ökostrom ist ein reines Internet-Angebot. Es ist im Geschäftsleben üblich, Leistungen im Internet kostengünstiger anzubieten. Wir geben die Kostenvorteile, die sich durch die reine Online-Abwicklung ergeben, an unsere Kunden weiter.

Viel Ökostrom wird per Windenergie in Norddeutschland erzeugt – gegen die geplanten Stromtrassen Richtung Süden gibt es zum Teil massiven Widerstand.

Erneuerbare Energien sollten da erzeugt werden, wo die günstigsten Standorte sind. Fossile Kraftwerke kann man dort bauen, wo der Strombedarf ist. Die größte Bedrohung bleibt die Klimakatastrophe. Und wer aus der Atomkraft aussteigen will und zugleich weniger fossile Energien einsetzen will, der hat nur die Alternative, verstärkt auf regenerative Energien zu setzen. Dann kommen wir aber um den Ausbau des Stromnetzes nicht herum, um zum Beispiel in Offshore-Windparks erzeugten Strom in die Verbrauchsschwerpunkte zu transportieren.

Bekommt München mehr Windräder?

Wir versuchen, hier vor Ort das gesamte Potenzial der Erneuerbaren zu nutzen. Dazu gehört auch die Windkraft. Innerhalb des Burgfriedens gibt es dafür nur sehr geringe Möglichkeiten.

Wie groß schätzen Sie das Potenzial von Windkraft in Bayern ein?

Die Windkraft hat in Bayern das Potenzial, etwa zehn Prozent des gesamten Stromverbrauchs im Freistaat decken zu können. Heute liegt der Anteil bei nicht einmal einem Prozent.

Dann wird unsere schöne bayerische Landschaft mit Stangenwäldern verschandelt?

Finden Sie unser Windrad auf dem Müllberg nicht gelungen? Mir gefällt es. Und wenn man mit Windkraft die Klimakatastrophe verhindern kann, ist das doch der richtige Weg.

Die Proteste werden trotzdem kommen.

Eine Kernschmelze bei Atomkraftwerken und die Klimakatastrophe sind die weit größeren Übel

 

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