Chaos im Untergrund Sendlinger Tor: 145 000 Fahrgäste, zwei Treppen

In der Rush Hour bringt alle zweieinhalb Minuten ein neuer Zug weitere Passagiere ans Sendlinger Tor. Die Folgen: Gedränge, Geschiebe und Stau an der Rolltreppe. Foto: Tim Wessling

Der alte U-Bahnhof wird zum Nadelöhr: Im Berufsverkehr herrscht hier Stau. Ein Bericht direkt aus der Rush Hour.

 

München - Sechs Uhr am Montagmorgen. Die Sonne müsste eigentlich gerade aufgehen. Doch acht Menschen sehen sie erst mal nicht. Sie stehen hier in blauen Hosen und orangenen Warnwesten und schaufeln Pendler in Alu- und Stahlröhren im Auftrag der MVG.

U-Bahnhof Sendlinger Tor: 145000 Menschen steigen hier jeden Tag um. Die meisten zwischen den Nord-Süd-Linien U3/6 zu den Ost-West-Linien U1, 2 und 7. Und kaum ein Bahnhof ist so eng: Auf der oberen Ebene ist der Bahnsteig teils nur zwei Meter breit und auf die untere Ebene führen nur zwei Treppen. Ein Nadelöhr.

Jetzt, um 6.10 Uhr, ist es noch still. Ein paar verschlafene Pendler steigen in die U2 nach Feldmoching, blicken verwirrt die vier MVG-Mitarbeiter an, die ihre Hand heben, wenn die Türen geschlossen sind.

Dort, wo die Rolltreppen auf dem Bahnsteig ankommen, ist der Boden blau schraffiert. Es hängen Schilder an den Säulen: „Den Durchgangsbereich bitte frei halten.“

Dass diese Schilder Sinn ergeben, wird um 7.20 Uhr klar. Ein Rumpeln kündigt die U3 auf der oberen Ebene an. Unten fährt parallel die U2 ein. Von den blauen Streifen auf dem Boden ist nichts mehr zu sehen.

Hunderte Passagiere wollen gleichzeitig hoch und runter. Es gibt nur zwei Treppen um den Bahnsteig zu wechseln. Die MVG-Arbeiter werden lauter: „Weiter gehen!“ 40 Jahre ist der U-Bahnhof am Sendlinger Tor schon alt und war bei seiner Eröffnung offensichtlich auf deutlich weniger Passagiere ausgelegt.

Heute halten zur Rush Hour die Züge im 2,5-Minuten-Takt. „Der Zugabstand ist auf keinem anderen Abschnitt so dicht“, erklärt MVG-Sprecher Matthias Korte. Damit das fluppt, müssen sich die Fahrgäste verteilen.

Lautsprecher-Ansagen weisen unaufhörlich darauf hin: „Bitte nutzen Sie die volle Bahnsteigbreite.“ Sie kommen nicht vom Band, sie werden live eingesprochen – wie zur Oktoberfest-Zeiten an der Theresienwiese. 8 Uhr. Die Rush Hour dauert an. Auf gähnende Leere am Bahnsteig folgt drückende Enge.

Auch die MVG-Mitarbeiter sind mittlerweile angespannt. „Weg da!“, rufen sie einem Mann mit Koffer zu. Er versteht nicht. „Please go!“, legen sie nach. Der Mann schaut verwirrt, nickt dann und geht zur Seite. Er käme aus London, sagt er und dass er Hektik in der U-Bahn schon gewohnt sei – aber zum Weitergehen wurde er noch nie aufgefordert. Außerdem: „This is Munich and not Tokio“.

„Mit den Pushern aus Japan haben unsere Mitarbeiter nichts zu tun“, sagt MVG-Sprecher Korte. Dennoch seien sie notwendig. Denn mit der Umstellung des Fahrplans im letzten Dezember gibt es zwischen Hauptbahnhof und Kolumbusplatz so genannte Verstärkerfahrten.

Dichter geht der Fahrplantakt eigentlich nicht. Wenn eine Bahn nicht pünktlich weg kommt, stehen die nachfolgenden im Stau.

Es ist schon ein faszinierendes Schauspiel, wenn wie jetzt um 8.30 Uhr auf beiden Ebenen Züge einfahren und Menschenmassen an den Engstellen bei den Rolltreppen aufeinander treffen.

Es liegt in der Natur einer Rolltreppe nicht anzuhalten. Dass auf dem Bahnsteig in Richtung Westen kein Platz mehr ist, stört sie nicht. Immer mehr Menschen schaufelt sie in den Haufen aus Pendlern.

Dass das so nicht weitergeht, hat auch die MVG erkannt. 2015 soll der U-Bahnhof umgebaut werden. Zwischen den beiden Bahnsteigen kommen zwei neue Treppen dazu, die untere Ebene bekommt einen neuen Ausgang ins Sprenggeschoss und sowieso soll mehr Platz geschafft werden.

Bis dahin werden die acht MVG-Mitarbeiter in den orangefarbenen Westen wohl weiter die Pendler aus dem Durchgangsbereich verjagen: Jeden Werktag von 6 bis 10 Uhr morgens.

Denn wer eingekeilt zwischen hunderten Pendlern auf dem Weg zum Anschlusszug ist, kann keine blau-grau schraffierte Fläche auf dem Boden erkennen.

 

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