"Carolina war ein Sonderfund" Münchner Pathologe lüftet 200 Jahre altes Mumien-Geheimnis

Carolina von Jordan wurde von Andreas Nerlich (61) untersucht. Die Mumie verriet ein Geheimnis. Foto: Konrad Verlag

Andreas Nerlich hat mit der Untersuchung einer Kinderleiche ein 200 Jahre altes Geheimnis gelüftet: Bayerns erstem König Max I. Joseph ist ein Baby untergejubelt worden.

 

München - Im Alltag beschäftigt sich Andreas Nerlich mit Gewebeproben von lebenden Patienten, in seiner Freizeit ist der Leiter der Pathologie in der München Klinik Bogenhausen und Schwabing leidenschaftlicher Mumienforscher.

In den vergangenen sieben Jahren forschte er zu fünf Leichen aus einem alten Adelsgeschlecht, die in einer Gruft in Dötting bei Ingolstadt lagen. Darunter war ein kleines Mädchen, das 1816 im Alter von 16 Monaten in Neapel gestorben und dort einbalsamiert worden war: Carolina von Jordan.

Nerlich untersuchte die Kindermumie und ihre Verwandten nicht nur pathologisch, er recherchierte auch intensiv in Archiven. In seinem Buch "Prinzessin Wackerstein", das jetzt erschienen ist, enthüllt er einen historischen Krimi um Bayerns ersten König Max I. Joseph, dessen Flügeladjutanten Friedrich Wilhelm Jordan und die Hofdame der Königin, Gräfin Violante von Sandizell.

AZ: Herr Professor Nerlich, wie kam es dazu, dass Sie diese Toten aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt haben?
ANDREAS NERLICH: 2011 rief ein Herr aus der Gemeinde an. Die Gruft sollte renoviert werden. Er wollte wissen, was man in dieser Zeit mit den Toten machen kann. Wir sind hingefahren und haben festgestellt, dass es sich nicht nur um skelettierte Tote handelt wie im Regelfall. Aufgrund der besonderen Umstände in der Gruft war es zu einer natürlichen Mumifikation der Erwachsenen gekommen. Außerdem gab es den Sonderfund: dieses kleine, künstlich einbalsamierte Mädchen.

Was fasziniert Sie an Mumien?
Mumien sind die authentischste Quelle der Vergangenheit. Jeder trägt ein Bioarchiv mit sich herum. Es liefert Erkenntnisse über Krankheiten, menschheitsgeschichtliche Entwicklungen und auch Verwandtschaftsverhältnisse.

Wie war das, als Sie Carolina erstmals gesehen haben?
Ich war außerordentlich überrascht von der exzellenten Erhaltung des Körpers. Es schaut aus, als ob das Kind schlafen würde. Ich kenne viele mumifizierte Verstorbene, auch Kinder. Aber ich kenne keine aus der Zeit, die so gut erhalten ist.

Woran lag das?
Es liegt zum einen an der sehr professionellen Präparationsart. Dazu kommt, dass die kleine Carolina nach ihrer Rückkehr aus Italien im Eiskeller der elterlichen Brauerei von Schloss Wackerstein lag. Die Gruft wurde erst 20 Jahre später gebaut.

Wann schöpften Sie Verdacht, dass es ein Geheimnis gibt um Carolina?
Sie ist in Neapel geboren und gestorben. Wir sind auf viele merkwürdige Fakten gestoßen: Die Hochzeit der Eltern fand heimlich statt, die überstürzte Reise dauerte auffällig lange, das Kind wurde erst drei Monate nach seiner Geburt getauft. Das war damals wegen der hohen Kindersterblichkeit äußerst unüblich.

Wann kam der König ins Spiel?
Wir haben Kontakt zum Nachfahren eines baden-württembergischen Gesandten bekommen. Er gab mir den Tipp, dass hier ein übles Spiel mit Max I. Joseph gespielt worden war.

Der König und Carolinas Mutter, die Hofdame, sollen eine Affäre gehabt haben. Das Kind soll dem König untergejubelt worden sein.
Ja, es gibt Dokumente, die belegen, dass Jordan an der eigenen Vaterschaft Zweifel hatte. Und es gibt eine dokumentierte Aussage vom König, dass er seit mehr als einem Jahr keinen intimen Kontakt mehr zu Violante gehabt habe. Trotzdem hielt er eine Vaterschaft wohl nicht für ganz ausgeschlossen.

Carolinas Eltern haben davon sehr profitiert...
Wilhelm Jordan wurde bayerischer Freiherr und bekam ein Adelsgericht zweiter Klasse. Das bedeutete 5000 Gulden – das doppelte Gehalt eines Generals. Seine Frau erhielt die Hofdamenpension komplett ausbezahlt. Außerdem bekam Jordan über Umwege einen Kredit vom König, als seinem Schloss Wackerstein die Versteigerung drohte.

Konnten Sie eindeutig klären, wer Carolinas Vater war?
Ja, die DNA-Analyse hat ergeben, dass nicht der König, sondern Wilhelm Jordan der Vater war.

Ihre Forschungsergebnisse werfen ja kein so gutes Licht auf diese Adligen. Wie haben die Nachfahren reagiert?
Dieser Familienzweig ist schon lange ausgestorben. Es gibt noch sehr weit entfernte Verwandte aus einem anderen Zweig. Sie haben die Nachforschungen sehr unterstützt und auch das Familienarchiv für uns geöffnet.


"Prinzessin Wackerstein, Geheimnisse einer bayerischen Kindermumie" von Andreas Nerlich, Konrad Verlag, Preis: 34,95 Euro, ISBN: 978-3-87437-589-4

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