Filmfestspiele Wenig USA, viel Kunst, keine Selfies: Das ist neu in Cannes

Auf dem Festival-Plakat von Cannes: Jean-Paul Belmondo und Anna Karina in "Pierrot Le Fou von 1965. Foto: imago/PanoramiC

Am Dienstag startet das Internationale Filmfestival in Cannes. Es wird weiblicher, weniger amerikanisch und setzt stärker auf Filmkunst. Was sich sonst noch alles ändert.

 

Cannes - "Die Welt wird nicht mehr die selbe sein!" Das hatte der Direktor des größten Filmfestivals der Welt pathetisch erklärt - nach der MeToo-Lawine, die gleich mal "unseren Mann in Hollywood" begrub: Harvey Weinstein, der Jahrzehnte hier eine Art Faktotum war und mit seinen Filmkontakten für US-Starglanz an der Côte d'Azur-sorgte. 

Jetzt ist alles anders bei der 71. Ausgabe des Festival du Cannes, wie Direktor Thierry Frémaux einräumt: Da gibt es schon mal einen weiblichen Juryvorsitz mit Cate Blanchett, "auch wenn es eine positive Diskriminierung zum Vorteil von Frauen niemals geben wird." Frankreich, das Klischeeland der Liebe, ist eben nicht Amerika, hier kann Catherine Deneuve ein selbstbewusstes "Recht auf sexuelle Belästigung" fordern.

Cannes: Wenige US-Produktionen im Rennen um die Goldene Palme

Neben der Australierin Blanchett sitzt noch die Jungamerikanerin Kirsten Steward in der Jury. Aber ansonsten sind die USA diesmal extrem dünn vertreten. Im Wettbewerb um die Goldene Palme zeigt der schwarze Agitprop-Provokateur Spike Lee seine schwarze Komödie "BlacKkKlansman" über einen afroamerikanischen Polizisten (gespielt von Denzel Washingtons Sohn), dem - nach einer wahren Geschichte - in Colorado die Aufnahme in den KuKluxKlan gelang. Und Andrew Garfield im Neo-Noir-Film "Under the Silver Lake" von Robert Mitchell.

Das war's dann auch schon mit US-Präsenz, sieht man von der Weltpremiere der Saga-Auskoppelung "Solo - A Star Wars Story" ab, in der aber der noch unbekannte Alden Ehrenreich die Rolle von Harrison Ford in jungen Jahren übernimmt.

Streit um Streamingdienste: Verhandlungen mit Netflix gescheitert

Was also ist mit der traditionell guten US-Cannes-Connection geschehen? Ein nicht zu stoppendes Medien-Phänomen setzt dem Traditionsfestival zu: Streamingdienste, die immer häufiger große Star-Filme produzieren, aber eben nicht mehr fürs Kino. Und da blieb Fremaux - im Gegensatz zu den Konkurrenzfestivals in Berlin und Venedig - stur: Ohne Kinostart keine Wettbewerbsteilnahme. Amazon hat deshalb generell versprochen, Festivalfilmen ausnahmsweise eine Auswertung auf der großen Leinwand zu gewähren. Die Verhandlungen mit Netflix platzten im Streit.

Wie man Streits auch wieder vergessen kann, zeigt aber der Film "The House That Jack Built" in der offiziellen Wettbewerbsauswahl, wenn auch außer Konkurrenz: Vor sieben Jahren hatte Lars von Trier auf einer wilden Pressekonferenz zum Film "Melancholia" erst seine Hauptdarstellerin Kirsten Dunst als depressiv zwangsgeoutet und dann sich bei Fragen zum Einsatz von Wagner-Musik in seinen Filmen verheddert und am Ende provokativ gesagt: "Ok, I'm a Nazi", was ihm - einmalig in der Festivalgeschichte - ein Hausverbot bescherte.

Das aber ist nach sieben Quarantänejahren aufgehoben: Trier kann wieder mit seinem Wohnmobil anreisen und seine Stars - Matt Dillon, Bruno Ganz und Uma Thurman - kommen auch zur Weltpremiere des als "sehr blutig" angekündigten Films.

21 Filme im Wettbewerb von Cannes

Was also macht Cannes in so schwierigen Zeiten? Noch stärker auf Kunstfilme setzen. Und die können ja sogar große Pressewirkung erzielen, wenn sich Stars für sie gewinnen lassen. So hat der Oscar-Iraner Asghar Farhadi ("Nader und Simin", "The Salesman") das großartige Schauspielehepaar Penelope Cruz und Javier Bardém gewonnen für den auf Spanisch gedrehten Eröffnungsfilm "Everybody Knows".

Frankreich stellt vier Filme des Wettbewerbs, der 21 Filme umfasst. Ein Veteran ist darunter, der allerdings die letzten Jahrzehnte nur assoziativ Kryptisches zustande gebracht hat: Der 87-jährige Jean-Luc Godard. Der inszenierte das diesjährige Festivalplakat. Der klassische Kuss zwischen Jean-Paul Belmondo und Anna Karina stammt aus seinem Film "Pierrot Le Fou von 1965.

Alden Ehrenreich (Han Solo) und Joonas Suotamo (Chewbacca) in „Solo: A Star Wars Story“. Foto: Jonathan Olley/Lucasfilm Ltd./Disney/dpa

Vor genau 50 Jahren hatte Godard sich mit der Studentenrevolte solidarisiert, die im Mai 1968 bis nach Cannes schwappte. Das Festival wurde zum ersten Mal in seiner durchgehenden Geschichte seit 1946 abgesagt. Auch Godards damaliger Film wurde nicht gezeigt, jetzt präsentiert er sein "Le livre d'image", sein Bilderbuch, das schon in der Ankündigung irritiert: "Nichts als Schweigen, nichts als ein revolutionäres Lied in fünf Kapiteln wie die Finger einer Hand."

Im Wettbewerb fällt neben amerikanischer Unterpräsenz auf, dass auch kein lateinamerikanischer Film dabei ist - und kein deutscher. Das ist - auch wenn der absolute Kunstfilm "Toni Erdmann" von Maren Ade vor zwei Jahren von Cannes aus seinen Welterfolg antrat - nicht sehr ungewöhnlich. Denn deutsche Filmemacher bewerben sich erst einmal um die Berlinale. im Wenders aber darf an der Croisette "außer Konkurrenz" seinen Papstfilm als Weltpremiere zeigen, und in der Nebenreihe für Außergewöhnliches, "Un certain regard", ist Ulrich Köhlers "In Her Room".

Selfieverbot für die Promis auf dem Roten Teppich

Was also bleibt von Cannes als Grande Dame des Films in Zeiten von Internet, "MeToo" und Streiks in Frankreich, die schon die Anreise der knapp 5.000 akkreditierten Journalisten erschweren? Filmkunst - und eben auch ein großer Glanz. Damit das auch würdig so bleibt, hat Fremaux ein Selfieverbot für den Roten Teppich ausgesprochen. Smoking ist Pflicht, und auch die Frauen werden wohl weiterhin auf hohen Schuhen in sexy Abendkleidern - und nicht im wohlfeilen Solidaritätsschwarz - posieren. Und damit die goldene Palmenstimmung bei den abendlichen Weltpremieren nicht mehr durch vorheriges Getwitter, Getratsche oder Online-Rezensionen getrübt wird, wurden auch gleich die vorgezogenen Pressevorführungen abgeschafft.

Schöne Kleider auf einem roten Teppich sind das Sahnehäubchen eines Film-Festivals – hier Elle Fanning in Flieder. Foto: Thibault Camus/AP/dpa

Eine Farce gibt es auch um den Schlussfilm: Fast zwanzig Jahre hat Ex-Monty Python Terry Gilliam mit seinem "Don Quichote"-Projekt gekämpft: weggespülte Kulissen in der Wüste, Johnny Depp war zwar auf der Höhe, aber Hauptdarsteller Jean Rocheford - mittlerweile gestorben - konnte wegen eines Bandscheibenvorfalles nicht reiten, ein nahegelegener Nato-Flughafen lärmte, ein Versicherungsprozess tobte über Jahre. "Jeder vernünftige Mensch hätte aufgegeben, aber manchmal gewinnt am Ende der eigensinnige Träumer", sagt Gilliam jetzt, wo sein "The Man Who Killed Don Quixote" das 71. Festival du Cannes abschließen soll.

Aber: Ein Mann, dem nach dem Dreh-Desaster vor 18 Jahren Teile der Filmrechte zugefallen sind, prozessiert gerade gegen das Festival, um eine Aufführung zu verhindern. Diese unendliche Filmgeschichte bleibt also weiter eine Farce. Ist die Filmwelt also wirklich nicht mehr die selbe! Ob sich Frémaux' eigene Behauptung bewahrheitet, lässt sich jedenfalls für Cannes nicht in diesem einen Kinokrisenjahr entscheiden. 

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