Calais, Lampedusa, Lesbos Flüchtlingskrise: Die Brennpunkte in Europa

Übersichtskarte: Die Brennpunkte der Flüchtlingskrise in Europa. Foto: Google/AZ

Menschen versuchen, auf Züge aufzuspringen, klammern sich an meterhohe Stacheldrahtzäune und müssen unter freiem Himmel schlafen: Die Flüchtlingskatastrophe in Europa wird immer dramatischer. Ein Blick auf die Krisenherde.

 

Berlin - Über das Mittelmeer, über den Brenner oder durch den Eurotunnel unter dem Ärmelkanal. Hunderttausende sind auf der Flucht. Sie begeben sich in Flüchtlingsboote, klettern über Stacheldrahtzäune und springen auf fahrende Lastwagen oder Züge auf, um ihr Glück in den EU-Staaten zu suchen - weit weg von Tod und Elend in ihren Heimatländern. Allein in diesem Jahr wurden bereits über 340.000 Asylanträge gestellt. Noch nie haben so viele Menschen in Europa Asyl gesucht.

Die betroffenen Staaten sind hoffnungslos überfordert mit dem Flüchtlingsstrom. Sehen Sie unten die größten Brennpunkte:

Calais, Frankreich

Szene aus Calais: Auch Stacheldrahtzaun hält die Menschen nicht auf. (Alle Fotos: dpa)

Immer mehr Flüchtlinge im nordfranzösischen Calais versuchten in den vergangenen Tagen, durch den Eurotunnel nach Großbritannien zu gelangen. Zuletzt zählte die Polizei mehr als 1500 solcher lebensgefährlichen Versuche pro Nacht. Allein seit Juni starben zehn Menschen. Doch die Migranten nehmen die Gefahr in Kauf. In Großbritannien erhoffen sie sich bessere Aussichten auf Arbeit als im wirtschaftlich schwächelnde Frankreich.

Paris und London aber gehen hart gegen die Migranten vor. Mit Spürhunden, Hunderten Polizisten und immer mehr Zäunen wollen sie gegen den Flüchtlingsstrom ankämpfen. Dies zeigt offenbar Wirkung. Wie die Behörden mitteilen, sinkt die Zahl der Versuche, durch den Ärmelkanal zu gelangen.

Ventimiglia, Italien

In Ventimiglia haben Migranten direkt an der Küste ihr Lager aufgeschlagen.

Neben Calais hat Frankreich einen weiteren Flüchtlings-Krisenherd. Im italienischen Ventimiglia harrten erst vor einem Monat Hunderte Flüchtlinge tagelang an der Grenze zu Frankreich aus, bis schließlich die Polizei anrückte. Die französischen Behörden hatten den meist aus Afrika stammenden Migranten die Einreise verweigert. Die italienischen Ordnungskräfte räumten das Flüchtlingslager an der Riviera und brachten die Einwanderer in eine andere Auffangeinrichtung.

Seitdem herrscht Streit zwischen den beiden Ländern. Rom und Paris werfen sich gegenseitig vor, im Umgang mit den Flüchtlingen die Regeln zu brechen.

Melilla, Spanien

Wie eine Festung ist die spanische Exklave Melilla umzäunt.

Nirgendwo ist die Festung Europa so greifbar wie in Melilla und Ceuta, den beiden spanischen Exklaven an Nordafrikas Küste. Hier trennen bis zu sechs Meter hohe Stacheldrahtzäune Spanien von Marokko. Sie sollen Europa vor den Flüchtlingen „sichern“.

Am 15. Oktober 2014 spielten sich in Melilla dramatische Szenen ab: Mindestens 24 Flüchtlinge hängen am letzten Grenzzaun, der sie von Europa trennt. Ein Video dokumentiert, wie sie sich in die Drahtmaschen krallen – die meisten schon auf spanischer Seite. Aber unten warten Grenzpolizisten. Als ein Migrant herabsteigt, prügelt ein Beamter mit seinem Schlagstock auf den Mann ein, die anderen reißen ihn aus zwei Metern zu Boden.

Lampedusa, Italien

Jedes Jahr sterben unzählige Flüchtlinge auf der Überfahrt.

Die italienische Insel Lampedusa im Mittelmeer ist wie kein anderer Ort zum Symbol der Flüchtlingskatastrophe geworden. Eine der wichtigsten Routen von Afrika nach Europa führt hier vorbei. Die Insel liegt nur etwa 295 Kilometer von der libyschen Hauptstadt Tripolis entfernt. Die Einwanderer kommen meist in völlig überfüllten Schlepper-Booten.

Jedes Jahr sind es rund tausend Menschen, die auf der gefährlichen Überfahrt ertrinken. Die Küstenwachen sind hoffnungslos überfordert. Die EU hat zwar Maßnahmen wie die Zerstörung der Schlepper-Boote beschlossen, doch offenbar wirken diese nicht. Denn nahezu wöchentlich ist von neuen Flüchtlingsunglücken vor Lampedusa zu hören.

Lesbos, Griechenland

Lesbos: Helfer tragen den angespülten Leichnam eines Menschen davon.

Für viele Flüchtlinge – vor allem aus Syrien – sind die Inseln in der Ägäis das Tor nach Europa. 50 000 Menschen reisten auf diesem Weg seit Anfang des Jahres nach Griechenland.

Allein auf der Insel Lesbos, die nur wenige Kilometer vom türkischen Festland entfernt liegt, waren es 25 000. Die Auffanglager auf Lesbos und anderen Inseln wie Kos sind längst überfüllt, teilweise müssen die Flüchtlinge tagelang auf der Straße übernachten. Die hygienischen Zustände sind katastrophal.

Die meisten Boote, mit denen die Migranten unterwegs sind, sind kaum seetüchtig und schaffen es nicht bis ans rettende Ufer. Immer wieder sterben Menschen. Ihre Leichen werden dann an den Stränden angespült.

Szeged, Ungarn

Flüchtlinge werden an der ungarisch-serbischen Grenze gestoppt.

Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres sind in Ungarn etwa 80 000 Menschen illegal eingereist. Zum Vergleich: Bis 2012 waren es pro Jahr nur 2000 unerlaubte Einreisen (also ohne gültige Papiere).

Ein Großteil der Migranten sucht den Weg über Serbien und landet in Szeged. Die Stadt an der Grenze ist wegen der guten Anbindung nach Budapest zu einem Drehkreuz für Flüchtlinge geworden. Doch die rechtsnationale Regierung von Ministerpräsident Viktor Orban will den Flüchtlingsstrom stoppen. Derzeit baut Ungarn einen vier Meter hohen Zaun an der Grenze zu Serbien.

Außerdem hat die Regierung in Budapest am Samstag das Asylrecht drastisch verschärft und das Asylverfahren auf 15 Tage verkürzt. Amnesty International wirft Ungarn deshalb vor, sich über Völkerrechtsverpflichtungen hinwegzusetzen, weil die neuen Bestimmungen es ermöglichten, Asylanträge pauschal abzulehnen.

Traiskirchen, Österreich

In Traiskirchen müssen Flüchtlinge in Zelten oder unter Bäumen schlafen.

Neben München (AZ berichtete) ist auch Wien mit dem Flüchtlingsstrom völlig überfordert. Die größte Aufnahmeeinrichtung Österreichs befindet sich in Traiskirchen, nur gut 30 Kilometer südlich der Hauptstadt. Etwa 2200 von 4500 Einwanderern steht dort derzeit nicht einmal ein Bett zur Verfügung. Sie schlafen in Garagen oder sogar unter Bäumen.

Deshalb hat das Land Niederösterreich nun einen Aufnahmestopp in Traiskirchen verhängt, der noch diese Woche in Kraft treten soll. Eine von der Landesregierung angeordnete Prüfung durch die Gesundheitsbehörde hatte ergeben, dass aufgrund der „medizinischen und hygienischen Lage“ Maßnahmen erforderlich seien.

Sieben neue Aufnahmezentren im ganzen Land sollen Traiskirchen entlasten. Noch sind nicht alle funktionsbereit.

Brenner, Italien/Österreich

Eine der Hauptrouten auf dem Weg nach Deutschland: Die Brenner-Autobahn.

Bis zu 200 Flüchtlinge kommen täglich am Brenner in Bozen an. Ihr Ziel: Österreich oder Deutschland. Viele versuchen ihr Glück mit dem Zug oder in überfüllten Transportern auf der Brenner-Autobahn.

Bis vor dem G7-Gipfel war das der italienischen Polizei ganz recht. Sie kontrollierte kaum, weil Italien über jeden Migranten froh ist, der das Land verlässt. Zum G7-Treffen mussten die italienischen Behörden aber strikter kontrollieren. Das Resultat: Für Tausende Flüchtlinge hieß es: Endstation Italien. Mittlerweile ist die vorübergehende Grenzkontrolle wieder aufgehoben, der Weg für die Flüchtlinge gen Mitteleuropa ist wieder frei.

Laut Bundespolizeidirektion München wurden allein in Bayern von Januar bis Ende Mai dieses Jahres 19 800 illegale Einreisen registriert. Dabei kamen die meisten der Flüchtlinge über den Brenner.

 

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