Bussi - Das Munical von Thomas Hermanns in der Reithalle In München steht ein Koksbräuhaus

In München steht ein Koksbräuhaus Foto: ho

Thomas Hermanns 80er-Jahre Show „Bussi – das Munical“ wird in der Reithalle frenetisch gefeiert.

München - Schon das Vorspiel überzeugt: Das Publikum darf nicht rein, denn zum Klang von Trio zeigt der Türsteher im Rhythmus von „Da-da-da“ nur auf die flippigsten Menschen im Vorraum, allesamt Tänzer und Darsteller, wir anderen müssen zunächst draußenbleiben. Das „Bussi“, der aufwändig gestaltete Club in der Reithalle, hat schließlich die härteste Tür der Stadt.

So ist man direkt drin im nächtlichen Lebensgefühl, das Thomas Hermanns als „Munical“ für das Gärtnerplatztheater inszeniert hat. Seine Liebeserklärung an die Neue Deutsche Welle und die 80er Jahre, die er selbst im Gärtnerplatzviertel erlebt hat, ist ein bestens funktionierendes Retrospektakel voller Hits.

Dass eigentlich eine Schnulze wie Markus’ & Nenas „Kleine Taschenlampe“ nie in einem Szeneclub brannte, weiß niemand besser als Hermanns selbst. Die Songs aber treiben textlich die überschaubar gehaltene Handlung voran: Der noch unverdorbene Neumünchner Ritchie (Benjamin Sommerfeld) verliebt sich in die schillernde Barfrau Stella. Diese aber ist noch liiert mit Klatschkönig Wolf Wahn (Leon van Leeuwenberg), dem „großen, bösen Machotier“ und Chef des Szenemagazins „Trend“. In Windeseile verliert Ritchie seine Unschuld und lernt das wichtigste Münchner Gesetz kennen: Dass die Form den Inhalt bei weitem übersteigen muss.

Das „Munical“ ist ein Genuss: Aufwändige Kostüme, liebevolle Dialoge mit viel Lokalkolorit und Wortwitz, temporeiche Tanzeinlagen und natürlich die live eingespielten und gesungenen Hits. Dabei überrascht Hermanns weniger mit der Auswahl, als mit der Umgestaltung: Ideals eigentlich so rockende „Blaue Augen“ überzeugen als eindringliches Liebeslied, vor allem, wenn man es so überragend interpretiert wie Sabrina Weckerlin als Stella, die große Entdeckung des Abends. Peter Schillings „Major Tom“ erhält ein packendes Chorfinale und Joachim Witts Wahn wurde noch nie so anschaulich wie in dieser Inszenierung: Als Stella, Wolf und Stylist Heli nach einer Drogenrazzia eingesperrt werden, stimmen sie den „Goldenen Reiter“ als todtraurige Gänsehautnummer an.

Kurz streift Hermanns auch die gesellschaftliche Situation der Paradiesvögel, die nach durchrauschter Nacht am Stachus auf das konservative Lodenmünchen stoßen.

Den drohenden Konflikt allerdings löst Marianne Sägebrecht in einem Kurzauftritt als „Bavaria Toleranta“ vom Bühnenhimmel aus. Sie stimmt das Loblied auf die Kunst der Versöhnung an und prophezeit ein buntes Gärtnerplatzviertel für das neue Jahrtausend. Auf Stellas Nachfrage, ob die Mieten dann auch noch so erschwinglich bleiben, weicht die Bavaria Toleranta lieber zum göttlichen Weißbier aus.

Das hatten sich auch alle Darsteller und Zuschauer verdient, denn die „Kultursauna“, wie Hermanns das glühend heiße „Bussi“ nannte, brachte alle ins Schwitzen – und in Erinnerungsschwelgerei. „Ich bin ja früher auch in viele Clubs nicht reingekommen“, erzählt Premierengast Günther Sigl, dessen Hits „Skandal im Sperrbezirk“ und „Sommer in der Stadt“ Stimmungshöhepunkte im „Munical“ sind. „Aber kaum hatten wir Erfolg, hieß es sofort: Komm rein Günther, willst a Schampus?“.

Schön, dass dieses Münchenkapitel nun ein eigenes Kultstück bekommen hat. Hermanns „Bussi“ ist das Münchner Pendant zum Berliner Milieumusical „Linie 1“ – allerdings wesentlich unterhaltsamer.

Heßstrasse 132, bis 17. Juli, am 15. Juli als Mitsingspektakel, Karten unter Tel: 2185 1960

 

0 Kommentare