Burgtheater Mit den "Bakchen" und Ulrich Rasche gegen die FPÖ

Die "Bakchen" von Ulrich Rasche und Euripides im Burgtheater. Foto: Ulrich Pohlmann

Martin Kusej eröffnet die Saison mit einer Wiener Melange aus Euripides‘ „Die Bakchen“ und gezielten Schüssen gegen die FPÖ

 

Langsam bewegt er sich nach vorne, Schritt für Schritt, im Gleichtakt zu einem steten Beat, den eine Schlagzeugerin rechts der Bühne vorgibt, auf einem Laufband, das gegen seine Marschrichtung rotiert. Als er weiter vorne die ersten Worte dieses Abends spricht, sieht man ihn hoch über den Köpfen des Publikums im Scheinwerferlicht: Franz Pätzold, der 29-jährige Jungstar des Residenztheaters, den Martin Ku(s)ej, der neue Intendant des Burgtheaters, mit nach Wien geholt hat.

Acht Jahre lang hat Kusej das Residenztheater geleitet, und er hatte in seinem ersten Jahr in München doch Schwierigkeiten, sich mit seinem Team zu etablieren. In Wien wollte er nun als frisch gebackener Leiter des renommiertesten Theaters im deutschsprachigen Raum sicherlich nicht wieder mit stotterndem Motor starten, weshalb er bei dieser Saisoneröffnung auf bewährte, in Wien jedoch noch unbekannte Kräfte setzte: auf ein schauspielerisches Energiezentrum wie Franz Pätzold zum Beispiel und auf den Regisseur Ulrich Rasche, der mit seinem Maschinenüberwältigungstheater Basel oder München („Die Räuber“, „Elektra“) schon einige Blockbuster gelandet hat.

Ein Déjà-vu nach dem nächsten

In Wien kann Rasche noch mit seiner äußerst ausgeprägten Handschrift überraschen; als Münchner sitzt man in seiner Version von Euripides‘ „Die Bakchen“ etwas ausgebuffter im Parkett und erlebt ein Déjà-vu nach dem nächsten. Gerade das Bühnenbild, von Rasche selbst entworfen, ist wieder eine beeindruckende (und kostenintensive) Installation für sich. Sechs Laufbänder, paarweise montiert, laufen vor sich hin, je nachdem, ob sie gerade sichtbar sind. Angebracht sind sie auf einem drehbaren Stahlgerüst und können in diverse Neigungswinkel und Konstellationen gebracht werden.

Rasche erweist sich erneut als Meister darin, sein Ensemble ausdrucksstark zu positionieren. Da schreiten Franz Pätzold als Göttersohn Dionysos und Felix Rech, bekannt als Resi-Schauspieler zu Dorn-Zeiten, als Herrscher Pentheus nebeneinander auf zwei Laufbändern und tragen ein Wortduell aus, bei dem sie auch, Schritt für Schritt, das Machtverhältnis untereinander ausmessen. Später wird Pentheus hoch oben im Profil zum Publikum auf einem Laufband voran schreiten, Dionysos ein paar Meter hinter ihm, so dass der arme Pentheus gar nicht mitbekommt, wie der Göttersohn ihn grinsend auf den falschen Weg führt.

Ausschweifung im Laufschritt

Toll zunächst auch, wie präzise Rasche die Gefolgsleute von Dionysos in marschierende Linien bringt und chorisch sprechen lässt, in rhythmischen Einklang zu der von den Bühnenrändern eingespielten Musik: Die Streicher verausgaben sich in meist zum Crescendo anschwellenden Motiv-Loops, die Perkussionistin gibt unermüdlich synkopisch den Rhythmus dazu. Von dem verführerischen Sog, den Gruppen im Gleichschritt – und Minimal Music – erzeugen können, erzählt Rasche oft in seinen Arbeiten. Aber man fragt sich, ob gerade die Bakchen mit ihrer wilden Lust an der Ausschweifung sich tatsächlich so einfach in sein Konzept eingemeinden lassen.

Denn erzählt wird ja bei Euripides von einem Kampf zwischen Ordnung und Chaos, zwischen Thebens Herrscher, Pentheus, der Angst davor hat, dass die von ihm strikt geregelten Verhältnisse auch nur ein wenig aus dem Gleis geraten könnten; und Dionysos, der mit seiner Gefolgschaft die menschlichen Gesetze wieder durch die göttlichen ersetzen will und dabei den Staat in Anarchie stürzt. „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern zu gebären“, sagt Franz Pätzold und zitiert noch ein wenig mehr aus dem Vorwort von Nietzsches „Also sprach Zarathustra“.

Rasche und Chefdramaturg Sebastian Huber haben ihre Stückfassung mit anderem Textmaterial angereichert. Nur, von Hedonismus kann bei Rasche keine Rede sein. Stattdessen sieht man wie eh und je eine starke Truppe von Männern plus ein paar Frauen – die Männer mit freiem Oberkörper, die Frauen züchtiger bedeckt -, die wie Sklaven oder Soldaten diszipliniert marschieren und Parolen skandieren. Von Entfesselung und wildem Rausch keine Spur. Im Cuvilliéstheater waren „Die Bakchen“ in der letzten Resi-Saison unter Kusej noch als fulminante Tanzshow zu sehen. In Wien inszeniert Rasche den Kult um Dionysos als militaristische Bewegung mit rechtspopulistischem Drall.

Zitate von Hofer und Strache

So impft er dem Chor neben Passagen aus Elias Canettis „Masse und Macht“ auch Zitate ein, die von FPÖ-Politikern wie Norbert Hofer oder Ex-Vize-Kanzler Strache stammen. „Wir wollen dieses Land aus der Mittelmäßigkeit erheben“, skandiert zum Beispiel der Chor – genau das hat Hofer beim Wiener Akademikerball 2017 festgestellt. Während Pentheus bei Rasche demokratieliebenden, wenn auch manisch konservativen Figur mutiert, ist Dionysos der Anführer einer deutlich rechten Heerschar. Franz Pätzold erzeugt dabei mühelos den bösen Vorwärts-Drive eines Rechtspopulisten, Felix Rech hingegen wendet sich seinem Gesprächspartner auch mal ganz kurz zu. Ansonsten wird frontal ins Publikum gesprochen, mit viel Druck und ausweichlich Furor.

Zwei Wochen vor der Premiere sprang für die malade Sylvie Rohrer die Rasche-erprobte Katja Bürkle ein. Beim ausgedehnten Finale tritt sie als Agaue auf, Pentheus‘ Mutter, die erst im Nachhinein erkennt, dass sie im Blutrausch ihren eigenen Sohn umgebracht hat. Bürkles Mutter berührt in ihrer Seelennot, das Ensemble gibt insgesamt sein Bestes. Das Wiener Publikum spendete dafür Bravos. Und die politische Botschaft gegen rechts dürfte ganz nach dem Geschmack des neuen Intendanten sein. Martin Kusej setzt eine starke Duftmarke. Dass sein Regisseur Ulrich Rasche dabei nach Belieben sein übliches Konzept über einen alten Klassiker gestülpt hat, wirkt entschlossen autoritär. Das letzte Wort haben immer: die Götter.     

 

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