Bürgerkrieg in Syrien Wie Münchner Syrer ihren Familien helfen wollen

Bewohner von Damaskus bringen sich in Sicherheit vor den Kämpfen. Foto: Michael Heinrich

Wie viele andere Syrer wollen zwei junge Frauen aus München ihre Angehörigen zu sich holen. Der Weg ist voller Hürden. Flüchtlingsvertreter sehen Bayern in der Pflicht

 

MÜNCHEN Zwei Monate sind vergangen, seit Heba Al Yamani ihren Bruder zum letzten Mal persönlich gesprochen hat. Für die junge Frau, die seit 14 Jahren in München zuhause ist und die deutsche Staatsbürgerschaft hat, fühlt es sich an wie eine Ewigkeit.

Denn ihr Bruder lebt in Damaskus und ist wegen der Kriegswirren untergetaucht. Nachrichten bekommt Al Yamani nur über ihre Schwägerin. „Es geht ihm sehr schlecht, er ist Diabetiker und braucht seine Medikamente“, sagt Al Yamani. Deswegen will sie ihren Bruder und seine Familie nach Deutschland holen. Doch die aktuelle Rechtslage lässt das nicht zu. Diese Lücke prangern jetzt der Bayerische Flüchtlingsrat und Refugio München an und sehen Bayern in der Pflicht.

Anfang des Jahres hatte Deutschland erklärt, 5000 syrische Bürgerkriegsflüchtlinge aufzunehmen, die beim Flüchtlingshilfswerk UNHCR im Libanon registriert sind. 760 von ihnen sollen in Bayern unterkommen. Aktueller Stand: Bislang sind 140 Syrer in Bayern untergekommen und in Übergangswohnheimen in Nürnberg und Augsburg untergebracht.

Als „Tropfen auf den heißen Stein“ bezeichnet Tobias Klaus vom Bayerischen Flüchtlingsrat die Kontingente. „In den vergangenen zwei Jahren sind mehr als zwei Millionen Menschen aus Syrien geflohen.“ Gut und notwendig seien deswegen Programme der einzelnen Bundesländer, damit Syrer in Deutschland ihre geflohenen Angehörigen aufnehmen können. „15 Bundesländer haben solche Programme, nur Bayern nicht“, klagt Klaus.

Das bayerische Innenministerium weist die Kritik jedoch von sich. Man wolle erst die 760 Syrer aufnehmen und dann weiter entscheiden. „Wir bemühen uns beim Bund, dass er das für Bayern vorgesehene Kontingent in Höhe von 760 rasch auffüllt und möglichst viele Verwandte von hier lebenden Mitbürgern syrischer Abstammung über das Bundesprogramm Aufnahme finden“, heißt es aus dem Innenministerium.

"Es ist schon jetzt klar, dass das Kontingent nicht ausreichen wird", sagt dagegen Tobias Klaus. "Das Problem wird nur in die Zukunft geschoben." Für ihn und andere Flüchtlingsvertreter ist die bayerische Haltung „ein Schlag ins Gesicht für alle, die in panischer Angst um ihre Angehörigen sind“.

So wie Heba Al Yamani. Da ihr Bruder es nicht aus Damaskus und bis in den Libanon geschafft hat, konnte er sich dort nicht im geforderten Zeitraum als Flüchtling beim UNHCR registrieren. „Der Weg über das UNHCR, den das bayerische Innenministerium empfiehlt, existiert für ihn faktisch nicht“, erklärt Anwalt Hubert Heinhold von Pro Asyl.
Die Versuche der Schwester, den Bruder zu unterstützen, laufen seit neun Monaten ins Leere. Auch der Briefwechsel mit dem bayerischen Innenministerium brachte keine Lösung. „Es kann doch nicht sein, dass ich in ein anderes Bundesland ziehen muss, um meinen Bruder zu mir zu holen“, sagt Al Yamani.

Die Hoffnung auf ein gutes Ende will die 34-Jährige, die insgesamt vier Geschwister in Syrien hat, nicht aufgeben. „Ich werde für meinen kranken Bruder weiterkämpfen, egal wie lange es dauern wird“, sagt sie.

Was passieren kann, wenn die legalen Wege ausgeschöpft sind, davon kann Hala Hasan berichten. Ihr Bruder, der vor einigen Monaten mit Schwester und Mutter aus Syrien nach Ägypten geflohen war, bestieg dort vor kurzem ein Flüchtlingsboot. Das Boot, vollgestopft mit fast 300 Menschen, geriet nachts in Seenot und drohte zu kentern. Doch ein Schiff kam zu Hilfe. „Zum Glück ist alles gut gegangen“, sagt Hala Hasan. Ihr Bruder ist mittlerweile in Bayern und will einen Asylantrag stellen.

Und noch eines zeigt der Fall: Wie der syrische Bürgerkrieg Familien auseinanderreißt. Vater und ein weiterer Bruder von Hala Hasan leben unter widrigsten Bedingungen im vom Krieg zerstörten Damaskus. Schwester und Mutter, die es nach Ägypten schafften, auf engstem Raum mit anderen Flüchtlingen. Mehrere Versuche, wenigstens die beiden Frauen zu sich nach München zu holen, scheiterten.

 

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