Bürger wehren sich Für neues Kraftwerk: Ösis graben den Alpen das Wasser ab

AZ-Lokalredakteurin Jasmin Menrad.
80 Prozent des Wassers des Fischbachs in den Stubaier Alpen sollen für das Kraftwerk abgeleitet werden. Foto: Jasmin Menrad

In den Ötztaler und Stubaier Bergen soll ein Kraftwerk ausgebaut werden. Alpenvereine und Bürger wehren sich dagegen – ihre Gründe.

 

Kühtai - Die Alpenvereine sind für Erneuerbare Energien und für die Energiewende, trotzdem machen die Alpenvereine aus Österreich, Tirol und Deutschland (DAV) mobil gegen ein geplantes Wasserkraftwerk.

Viele Alpenvereinshütten werden mit Solar- oder Wasserkraft betrieben, so wie die Amberger Hütte in den Stubaier Alpen. Deren Kleinkraftwerk pumpt 15 Liter in der Sekunde aus einem nahen Bach ab, damit die Wanderer nicht im Dunkeln sitzen und der Backofen für die hausgemachten Kuchen läuft. Doch die Zukunft der Amberger Hütte ist gefährdet – wegen der Erweiterung des Wasserkraftwerkes Sellrain-Silz im 25 Kilometer Luftlinie entfernten Kühtai.

Hütten-Wirt fürchtet Schließung

Unweit der Amberger Hütte will der landeseigene Tiroler Energieversorger Tiwag bis zu 80 Prozent des Wassers vom Fischbach und fünf weiteren Wildbächen ableiten und in einem Stollen, der in den Berg gesprengt und in den das Wasser gepumpt wird, in einen neuen Speichersee ins hintere Längental nach Kühtai leiten.

Geplant sind dann laut Alpenverein, bis zu 6.000 Liter in der Sekunde abzuleiten. Das Projekt sieht einen zusätzlichen Speichersee mit 31 Millionen Kubikmetern Fassungsvermögen sowie ein Pumpspeicherwerk vor.

Der Wirt der Amberger Hütte, Serafin Gstrein, fürchtet, dass er dann seine Hütte schließen muss: Drei bis vier Jahre soll die Bauzeit sein, zu Hochzeiten sind mehrere Hundert Lkw, Tieflader und Bagger im Einsatz, Detonationen werden die Berge erschüttern, Baulärm sowieso. Die Menschen in den Stubaier Alpen fürchten aber nicht nur um den sanften Tourismus, sie machen sich auch Sorgen um ihre Sicherheit.

Denn ein natürlicher Fluss hat eine natürliche Abflussdynamik: Geschiebe nennt man das, was ein Fluss von der Quelle bis zur Mündung vor sich herschiebt. "Wenn aber die Tiwag das Wasser wegnimmt und natürliche Hochwasserspitzen kappt, besteht die Gefahr, dass sich immer mehr Material anlagert, das als Murgang abgeht und das Wasser staut. Bei Starkregen kann das innerhalb von Stunden passieren – bis sich das löst und ein Abgang ins Tal geht", sagt Tobias Hipp, Umweltexperte vom DAV. Die Lösung der Tiwag: Sie will regelmäßig das Geschiebe abbaggern lassen. Doch Umweltschützer und Bürger fürchten, dass das bei einem Unwetter nicht reicht.

Große Sorge um die Fische

Die Sorgen der Menschen in den umliegenden Orten drehen sich aber nicht nur um sich selbst, sondern auch um die Natur. "Fische sind leise Wesen", sagt Luis Töchterle, Naturschützer und Geschäftsführer der Fischereigesellschaft Innsbruck, "wenn ihr Leben in den Gewässern vernichtet wird, kriegt man das nicht mit."

Er warnt davor, dass die Fische unter permanentem Stress stehen werden, weil sich durch das Wasserkraftwerk der Pegelstand innerhalb von Minuten eklatant ändern kann, die Fische stranden und verenden oder nicht mehr ablaichen – und das wiederum hat Einfluss auf viele andere Lebewesen. So einen Bach oder Fluss müsse man von der Quelle bis zur Mündung denken. Was hier in den Stubaier (und auch den Ötztaler) Alpen passiert, könne Auswirkungen auf das Schwarze Meer haben.

Sicher ist, dass es Auswirkungen auf die Alpen haben wird: Moorflächen werden zerstört, die Au verlandet – und das in einem Gebiet, das als sogenanntes Ruhegebiet deklariert ist und dem ein besonderer Schutz zusteht. Allerdings: Für die Energiewende wurde hier eine Ausnahmeregelung geschaffen.

Die Ausbaupläne für das Wasserkraftwerk Sellrain-Silz.
Die Ausbaupläne für das Wasserkraftwerk Sellrain-Silz. (Zum Vergrößern bitte auf die Karte klicken.) Grafik: DAV

Massive Energieleistung der Wasserkraftwerke

1.019 Wasserkraftwerke mit einer Leistung von mehr als fünf Megawatt gibt es bereits in den Alpen. Sie haben ein jährliches Erzeugungsvermögen von 166 Terawattstunden. Zum Vergleich: Die Stadt München verbraucht etwa 7,5 Terawattstunden pro Jahr.

"Wie viele andere Naturschutzverbände wissen auch die Alpenvereine um die Wichtigkeit der Energiewende. Unsere tiefe Überzeugung ist es aber auch, dass die Alpen einen unersetzbaren ökologischen und sozialen Wert haben", sagt Thomas Bucher vom DAV.

Töchterle wird da deutlicher: "Die Wasserkraft hat so ein sauberes Image, aber was alpine Kraftwerke in den Fließgewässern anrichten, ist eine Katastrophe."

Erst im Juni war das Bundesverwaltungsgericht auf die Einwände des Verwaltungsgerichtshofs (VwGH) eingegangen und hatte wieder grünes Licht für den Kraftwerksausbau gegeben. Der VwGH hatte zuvor den positiven Bescheid aufgehoben, nachdem der deutsche und der österreichische Alpenverein, sowie die Gemeinde Neustift umfangreiche Beschwerden eingelegt hatten. Es ist davon auszugehen, dass das Verfahren erneut vor dem Höchstgericht enden wird.

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