Buchvorstellung in München "Tagesthemen"-Moderator Ingo Zamperoni spricht über Amerika

"Es gibt keine einfachen Antworten", sagt Ingo Zamperoni. "Es geht nur durch Dialog und das Hochhalten der gemeinsamen Werte." Foto: dpa

Ingo Zamperoni, Moderator der „Tagesthemen“, spricht über Donald Trump, die aktuellen Entwicklungen in den USA und sein neues Buch.

 

München - Erst ein paar Stunden vor dem Interview ist er aus Washington zurückgekehrt. Die ganze letzte Woche hat Ingo Zamperoni für die ARD über die US-Präsidentschaftswahl berichtet. Den Ausgang der Wahl können viele Deutsche nicht nachvollziehen. In seinem neuen Buch „Fremdes Land Amerika“ erklärt er, warum es den Deutschen so schwerfällt, die USA richtig einzuschätzen. Doch besonders jetzt sei es wichtig, unser Verhältnis zu den USA neu zu bewerten. Der US-Kenner verbindet in seinem Buch seine persönliche Erfahrungen mit Hintergrundwissen, um zu erklären, was gerade in den USA passiert.

AZ: Herr Zamperoni, der Titel Ihres Buches ist „Fremdes Land Amerika“. Spätestens seit der Nacht auf letzten Mittwoch scheint Amerika vielen Deutschen besonders fremd. Hätten Sie gedacht, dass Donald Trump wirklich der 45. Präsident der USA wird?
INGO ZAMPERONI: Nach dem Vorwahlsieg bin ich vorsichtig geworden und habe immer gesagt: ,Unterschätzt ihn nicht’. Ich habe auch keine Wetten angenommen. Sobald er im Finale stand, war alles möglich, entweder sie oder er. Dennoch habe ich, auch den Umfragen zufolge, bis zum Schluss gedacht, dass es für Hillary reichen könnte, und war über den Ausgang überrascht. Man darf nicht vergessen: Hillary Clinton hat mit knappem Vorsprung die Abstimmung gewonnen. Aber das amerikanische Wahlsystem macht es möglich, dass jemand, der nicht die Mehrheit hat, dennoch Präsident werden kann. Die Mehrheit der Amerikaner ist für Hillary, aber nicht in den entscheidenden Staaten.

Warum fällt es uns so schwer, die USA realistisch einzuschätzen?
Ich glaube, weil wir zum einen viele Vorurteile oder Erwartungshaltungen haben. Das umschreibe ich in dem Buch auch mit „Vetrauensillusion“. Wir denken, wir sind so ähnlich wie die Amerikaner, wir kennen die doch, aber dann ticken sie eben doch ganz anders. Das Land ist uns fremder, als wir gedacht haben. Wir haben Trump auch nicht für möglich gehalten, weil wir weite Teile des Landes nicht kennen und uns nicht vorstellen können, wie die Leute wirklich drauf sind. Das habe ich in den letzten drei Jahren als Korrespondent versucht zu transportieren, aber es sind immer nur kleine Schlaglichter hier und da. Insgesamt ist dieses Land viel vielschichtiger und unterschiedlicher, als wir denken.

Alleine durch die ländlichen Regionen und die große Fläche des Landes.
Dort haben die Menschen andere Sorgen, andere Ängste und andere Nöte, die man auch ernst nehmen muss. Ein großer Fehler beziehungsweise Erfolg für Trump war auch, dass die Eliten an den Küsten, Medien und Politikwissenschaftler meinten, die moralische Deutungshoheit haben zu müssen, und die anderen immer ein bisschen belächelt haben. Wenn gerade Amerikaner im Heartland eins nicht abhaben können, dann ist es, von oben herab belächelt zu werden. Das war auch ein bisschen eine Revolte dagegen.

Ich möchte, dass wir ein differenziertes Bild voneinander bekommen

Sie beschreiben die deutsch- amerikanischen Beziehungen in Bezug auf Obama als „schweren Fall von enttäuschter Liebe“. Was denken Sie wird von seiner Regierungszeit bleiben?
Das ist natürlich immer die große Frage, deswegen haben Barack und Michelle Obama so vehement Wahlkampf für Hillary Clinton geführt, weil sie wussten, mit einer Präsidentin wie Clinton ist auch sichergestellt, dass viele Elemente, viele Weichenstellungen, die Obama gemacht hat, bestehen werden. Ich denke, Trump wird natürlich so manches wieder abändern. Andererseits, wenn er die große Krankenversicherungsreform Obamacare, die ein Herzstück von Obamas Vermächtnis ist, antastet, dann muss er 20 Millionen jetzt Neuversicherten erklären, wie es anders laufen soll. Es ist immer leicht, gegen etwas zu sein. Aber seit Trump in der Regierungsverantwortung ist, habe ich das Gefühl, dass ihm der Respekt auch anzusehen ist. Zum Beispiel bei dem Treffen mit Obama letzten Donnerstag oder auch am Wahlabend selbst. Seine Siegesansprache war keine euphorische Feuerbrand-Rede, wie man es sonst kannte. Viele Elemente Obamas wird man retten. Die Ölpipeline durch North Dakota wird vielleicht wieder erlaubt werden. Gleichzeitig ist in den USA auch eine riesige Industrie durch die grüne Revolution Obamas entstanden. Und das sind auch Arbeitsplätze. Trump will ja Arbeitsplätze schaffen. Aber Trump hat jetzt erstmal zwei Jahre Zeit, mit der Mehrheit im Kongress etwas zu gestalten.

Warum war es für Sie genau jetzt so wichtig, ein Buch über das deutsch-amerikanische Verhältnis zu schreiben?
Zum einen habe ich mir gesagt: Ich bin Korrespondent in den USA, und es gibt viele Aspekte von den Geschichten, die ich gemacht habe, die noch weiter erzählt werden können. Es war für mich auch der Reiz zu sehen, ob ich mich in dieser Form publizistisch äußern kann. Aber der Grund – auch für den Titel des Buches – ist, dass ich das Gefühl hatte, das deutsch-amerikanische Verhältnis ist in eine Schieflage geraten. Nicht, dass ich das durch ein Buch alleine retten könnte. Mir wäre es wichtig, die Leute mehr aufzuklären und diese Erwartungshaltung gegenüber den Amerikanern zu brechen. Es gibt viele Probleme auf dieser Welt, die wir gemeinsam mit den USA am besten anpacken können. Das Buch ist keine Abrechnung mit den USA. Ich möchte, dass wir ein möglichst differenziertes Bild voneinander bekommen.

Was ist dabei der größte Unterschied zwischen Deutschland und den USA?
Die Einstellung zur Sicherheit. Wir haben auch Sicherheitsbedenken und auch in Europa Terror-Anschläge, aber die Amerikaner blicken viel mehr durch die sicherheitspolitische Brille. Das ist auch der Grund, warum so wenige Flüchtlinge aufgenommen wurden in den letzten Monaten und Jahren. Einfach weil der Prozess, sie auf Herz und Nieren zu prüfen, viel länger dauert. Das ist ein großer Unterschied. In Europa sind wir genötigt, uns mit unseren Nachbarn zu befassen. In den USA hat man Tausende von Kilometern, bis irgendein anderes Land kommt. Das ist die Einstellung, die ein bisschen unterschiedlich ist.

Sie waren die letzten Jahre als Korrespondent in den USA. Seit Oktober moderieren Sie die „Tagesthemen“ und sind zurück in Deutschland. Hat sich für Sie Deutschland in dieser Zeit verändert?
Die Flüchtlingskrise und die darauf folgenden Entwicklungen haben dieses Land doch gewaltig geändert. Zum einen hat sich das Stadtbild durch die Flüchtlinge vielerorts verändert. An anderen Orten überhaupt nicht, trotzdem gibt es auch dort Widerstand gegen Flüchtlinge. Auch die Wahrnehmung von Medien hat sich verändert. Den Begriff „Lügenpresse“ hatte ich vor meiner USA-Zeit so nicht gehört. Ich glaube, da ist ein gewaltiger Umbruch. Das ist eine Herausforderung für uns Medien.

Das Amt wird Trump, wie jeden, ganz schön schleifen

Können wir von den Entwicklungen in den USA etwas für Deutschland lernen?
Wir Medien können lernen, wie Medien mit Trump & Co. umgegangen sind. Es wurde offenbar nicht erkannt, welche Wucht und welche Verbreitung das hat – nicht nur bei den Hinterwäldler in West-Virginia, sondern durch alle Schichten. Wir müssen auch aufpassen, dass wir in keine Überheblichkeitsfalle tappen. Es sind oft einfach Menschen, die sich Sorgen über ihre unmittelbare Zukunft machen. Sie sind keine Rassisten, keine schlechten Menschen, aber gehen einfachen Botschaften auf den Leim. Wir müssen uns immer wieder vor Augen halten, dass es einfach kein Schwarz und Weiß gibt. Es gibt keine einfachen Antworten. Es geht nur durch Dialog und das Hochhalten der gemeinsamen Werte. Immer wieder darauf zu achten, was es denn heißt, wenn wir jetzt Menschen zurückschicken in den Bürgerkrieg. Wir müssen uns immer wieder klarmachen, dass die Welt differenzierter ist. Wir müssen Kompromisse finden, auch die andere Seite verstehen und uns da reindenken. Das gilt für beide Seiten.

Wie wird sich die Beziehung zwischen Deutschland und Amerika verändern?
Schwer zu sagen, weil Trump besonders schwer einzuschätzen ist. Es gibt überhaupt keinen Erfahrungswert, keine Blaupause, weil er noch nie politisch aktiv war. Es ist das erste Mal, dass ein Präsident weder ein Amt vorher innehatte noch im Militär gedient hat. Ich würde mir wünschen, dass wir noch enger zusammenarbeiten. Dass die republikanische Regierung den Klimawandel nicht als Hirngespinst abtut, sondern ernst nimmt. Die Pfade, die wir eingeschlagen haben, nicht verlässt. Ich habe den Eindruck, dass es eine One-Term-Presidency wird. In vier Jahren ist er schon 74. Dieses Amt wird ihn, wie jeden, ganz schön schleifen. Das sieht man auch an Obama oder Bush, wie die sich verändert haben. Das ist echt ein Knochenjob. Aber ein so gutes Verhältnis wie zwischen Obama und Merkel wird es sicherlich erstmal nicht. Das war schon erstaunlich, dass eine deutsche Regierungs-Chefin einen amerikanischen Präsidenten nun mahnt, an die Menschenrechte zu denken. Wichtig ist aber auch, dass wir Amerika jetzt nicht abschreiben.


Ingo Zamperoni stellt „Fremdes Land Amerika“ (Ullstein, 336 Seiten, 20 Euro) am Donnerstag, 17. November, im Literaturhaus vor, Restkarten an der Abendkasse

 

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