Brigitte Fassbaender inszeniert "Der junge Lord" im Gärtnerplatztheater

Hans Werner Henzes "Der junge Lord" im Gärtnerplatztheater. Foto: Christian Pogo Zach

Hans Werner Henzes komische Oper „Der junge Lord“ in der Inszenierung von Brigitte Fassbaender

 

In seiner Autobiographie schrieb Hans Werner Henze dreißig Jahre nach der Uraufführung über seine Oper „Der junge Lord“, dass die Musik darin „langsam schwärzer“ würde, nachdem man bemerkt habe, „dass es da wohl einen doppelten Boden oder so was“ geben muss.

Genau diesen doppelten Boden lässt die Regisseurin Brigitte Fassbaender in ihrer Neuinszenierung im Gärtnerplatztheater nicht resonieren. Im Gegenteil lebt die biedere Gesellschaft auf sicherem Grund. Geschäftig trippeln die Kleinstädter umher, schwatzen, zeigen sich so ehrlich liebenswürdig wie vernünftig gastfreundlich und tragen dabei Zylinder, Melonen und mintfarbene Kleider: ein intaktes 19. Jahrhundert wie direkt aus dem Kostüm-Fundus.

Die vielen Ensembleszenen, in denen der Gärtnerplatz-Chor brilliert, sind sorgfältig inszeniert und durch hübsche Details belebt. Ironische Brechungen aber finden nicht statt. Geschickt werden die Zuschauer zu den Szenenwechseln mitgenommen: Zu Henzes symphonischen Zwischenspielen werden Videos auf den Vorhang projiziert, in denen eine Kamera durch ein Holzmodell der verlassenen Kleinstadt fährt. Auf der Bühne illustrieren eine stilisierte Kutsche, eine stilisierte Teekanne, eine stilisierte Musikkapelle die einzelnen Bilder, und der Zirkus sieht wie ein Zirkus aus (Bühne und Kostüme: Dietrich von Grebmer).

Die blauen Augen der Regie 

Dass sie keine Aktualisierung der Handlung vornahm, kann man Fassbaender nicht an sich vorwerfen. Die Blauäuigkeit der Regie harmoniert durchaus mit der bloß milden Satire, die Henze und seine Librettistin Ingeborg Bachmann im Sinn hatten. 1965 war die bundesrepublikanische Welt offenbar noch weitgehend in Ordnung.

Heute stellt sich die Situation anders dar, und da mutet es doch harmlos bis weltfremd an, wenn das Schlimmste, was den Außenseitern angetan wird, das auf ihr Haus geschmierte Wort „Schande“ ist. Auch die Gewalt, die der junge Lord (Maximilian Mayer), der in Wirklichkeit ein dressierter Affe ist, der mädchenhaften Luise (Mária Celeng) antut, wird nur verdruckst angedeutet.

Der Protest des Studenten Wilhelm (Lucian Krasznec) läuft ins Leere, weil die Gesellschaft mit ihren honorigen Vertretern, der Baronin Grünwiesel (Ann-Katrin Naidu), der Frau Oberjustizrat (Jennifer O’Loughlin) und dem Bürgermeister (Levente Páll), zu pittoresk, zu spielfreudig, zu belanglos gezeichnet wird. Die jamaikanische Köchin (Bonita Hyman) ist eine bloße Charge, einen Hauch von Dämonie verbreitet allein der aalglatte Sekretär von Christoph Filler.

Ohne doppelten Boden

Dazu kommt, dass es der Komponist Henze dem Zuhörer nur scheinbar leicht gemacht hat mit seiner anspielungsreichen, manchmal wunderschönen, über weite Strecken aber auch reichlich geschwätzigen Musik. Das Orchester des Gärtnerplatztheaters unter Anthony Bramall lässt keine Wünsche offen, es ist hellwach mit der Bühne verzahnt, schärft die allgegenwärtigen Ostinati griffig und treibt damit die Handlung so gut voran, wie es angesichts deren tendenzieller Statik geht.

Am Schluss aber weiß man nicht recht, für was diese Parabel, so liebevoll und aufwändig sie hier auf die Bühne gebracht wurde, eigentlich stehen soll. Für eine Satire ist sie hoffnungslos zu zahm, für ein lyrisches Stück fühlt man zu wenig mit den Hauptfiguren mit, für eine Komödie gibt es zu wenige Pointen. Den doppelten Boden, den Henze später für sein Erfolgsstück behauptete, blieb er selbst, bleibt aber auch diese Produktion schuldig.

Weitere Aufführungen am 26., 30. Mai (18 Uhr) sowie am 5., 8., 14. Juni (19.30 Uhr), Karten: (089) 2185 1960 sowie unter www.staatstheater-tickets.bayern.de

 

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