Brauchtum Gstanzl in der Grundschule

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In einer Münchner Grundschule belegen Kinder einen Bairisch-Kurs. Auch Weißwurst-Frühstück, Gstanzl-Singen und Fingerhakln stehen auf dem Stundenplan. Die AZ war vor Ort

München - Auch ein stilechtes Weißwurst-Frühstück will gelernt sein. Da sitzen sie also, die Grundschüler: Einige üben die hohe Kunst des Zuzelns. Andere pfriemeln die Haut mit batzigen Fingern ab oder wählen den einfachsten Weg und essen die Weißwurst im Ganzen. Dazu gibt’s Brezn, „siaßn Senf” und Malzbier. Eine Unterrichtsstunde der anderen Art.

Seit diesem Schuljahr wird in der Grundschule an der Burmesterstraße im Münchner Norden die Arbeitsgemeinschaft „Bairisch für Anfänger” angeboten. 14 Kinder aus der ersten und zweiten Klasse besuchen den Kurs von Kerstin Scheiblhuber – die sich von den Schülern auf gut Bairisch mit Frau „Scheibehuaba” anreden lässt.

Die Hälfte der Buam und Madln hat Migrationshintergrund. Daheim wird zum Beispiel russisch, tschechisch oder vietnamesisch gesprochen. Ansonsten reden die Kleinen hochdeutsch.
Und jetzt kommt also eine dritte Sprache dazu: „I hoaß Laila”, sagt ein afrikanisches Mädchen in perfektem Dialekt. Heute hat sie extra ihr lila Dirndl angezogen. Schwerer tut sich eine Mitschülerin ohne ausländische Wurzeln bei der Vorstellungsrunde: „I heiß’...” – der Name bleibt jetzt mal geheim. Alle sind mit großem Eifer dabei.

Der Kurs, zu dem die Eltern ihre Sprösslinge angemeldet haben, ist freiwillig. Genauso gut könnten die Grundschüler eine Arbeitsgemeinschaft zu einem anderen Thema besuchen oder heimgehen. Doch für sie steht dienstags Brauchtum auf dem Stundenplan.

Deshalb kennen sie sich jetzt zum Beispiel schon gut mit Radi aus – einer Wurzel, die die meisten von ihnen vorher noch nie gesehen haben. Zusammen haben sie den Radi geschnitten, gesalzen, „woana lassn” und gegessen.

Auch ein Turnier in einer bayerischen Extremsportart haben die Erst- und Zweitklassler schon ausgetragen: im Fingerhakln. Bei den Madln setzt sich Nadine durch, ein resolutes Persönchen. Die Kursinhalte: „Boarisch gredt, gessn, gsunga und gspuit”. Von einem ähnlichen Angebot an anderen Schulen weiß man in der Burmesterstraße nichts. Was Kerstin Scheiblhuber ihren Schützlingen beibringt, denkt sie sich selbst aus. Ihr Wunsch: „Die Kinder sollen sich in die Sprache reinhören und etwas von der bayerischen Lebensweise und vom Lebensgefühl kennen lernen.”

Es ist also wieder Dienstag, 12.15 Uhr. Diesmal geht’s um die Wurst. In der Bibliothek ist schon gedeckt. Praxistest. Doch zuerst vermittelt Frau Scheiblhuber noch ein bisserl Theorie. „Wann miassn d’ Weißwiaschd gessn werdn?” Im Alltag spricht die 55-jährige Lehrerin, eine echte Münchnerin, nach eigener Auskunft übrigens nur „eingefärbt”. Jetzt „übertreibt” sie ein bisserl, damit die Kinder das Bairische besser lernen.

Doch zurück zur Weißwurst-Frage. Nadine weiß Bescheid: „Die darf man nur vor zwölf Uhr essen.” Diese Empfehlung stammt zwar noch aus der Zeit vor der Erfindung der Kühltechnik, hält sich aber wacker im kollektiven Gedächtnis der Bayern.

Dann geht’s ans Schlemmen, auch wenn das Mittagsläuten schon vorbei ist. „I mog a Weißwuaschd” – wer den Satz gemeistert hat, bekommt „oane”. Ein schüchternes Mädchen flüstert auf Bairisch, als es an der Reihe ist. Besteck gibt’s keines. „An Guadn” wünschen sich die Kinder, dann zuzeln die ersten los. Nur eine Schülerin ruft: „An Gurkn” – da besteht noch dringender Übungsbedarf. Für viele ist es die erste Weißwurst ihres Lebens. Allen schmeckt’s, bis auf Viktor, einem Buben aus einer russischen Familie. Trotzdem isst er brav auf.

Nicht nur „Frau Scheibehuaba” bringt ihren Schützlingen das Bairische näher. Auch Schulleiterin Dorothea Wilhelm ist darum bemüht – dabei stammt sie selbst aus Mecklenburg-Vorpommern. Mit der 4a hat sie Gstanzl einstudiert, im Mathe-Unterricht werden die Stücke für ein paar Minuten geübt. „Es ist so eine schöne, melodische Sprache”, findet Wilhelm. Eine Sprache, die nur noch eine Minderheit der Schüler spricht. Und die bei manchen Gstanzln zum echten Zungenbrecher werden kann: „Und da Floh und a Fliagn, de san so schwar zum kriagn, hätt’ da Floh d’Flügl von da Fliagn, war a no schwara zum kriagn.”

Einer, der ganz begeistert vom Engagement der Schule ist, heißt Horst Münzinger vom Förderverein Bairische Sprache und Dialekte. Für ihn ist München zur „Dialekt-Wüsten-Stadt” geworden. Kinder, die Bairisch sprächen, würden „angenehm auffallen.” Münzinger freut sich, dass auch Schüler mit Migrationshintergrund den Kurs von Kerstin Scheiblhuber besuchen. „Denen vermittelt sie ein Stück ihrer neuen Heimat. Und das auf spielerische Art – ein Traum!”

 

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