Brasilien Rio de Janeiro: Schwebende Bauten

Ein bisschen wie ein Ufo sieht das Museum für Gegenwartskunst aus - es ist ein Muss für jeden, der die architektonischen Meisterwerke von Oscar Niemeyer sehen will. Foto: dpa

Rio de Janeiro - Ist es eine fliegende Untertasse? Ein Kreisel? Oder ein Opferkelch, der sich zum Himmel öffnet? Es lässt sich vieles in das futuristische Museum für zeitgenössische Kunst hineindeuten, das Oskar Niemeyer 1996 gebaut hat. Der Architekt verglich es mit einem weißen Vogel. Flügel hat er keine. Aber er schwebt: Mit ungeheurer Leichtigkeit erhebt sich die Betonschale über dem Wasser der Guanabara-Bucht. Auch wenn es in der Nachbarstadt Niterói steht und man erst mit dem Katamaran die Guanabara-Bucht durchqueren muss - das Museu de Arte Contemporânea ist ein Muss für jeden kulturinteressierten Rio-Besucher. Im Innern empfangen einen runde Räume mit geschwungenen Wänden, über die sich die Sammlung von Joao Sattamini mit Werken zeitgenössischer Künstler verteilt, durch die Panoramafenster fällt der atemberaubende Blick auf die Metropole auf der anderen Seite der Bucht.

Ganz in der Nähe säumen noch andere Niemeyer-Bauten das Ufer: die kreisrunde, weiße Katamaranstation Charitas mit Aussichtsrestaurant, ein Stück weiter der Caminho Niemeyer, der sogenannte Niemeyer-Weg. Mit ihm wird in den letzten Jahren eine ehemalige Brache am Wasser nach und nach mit Kulturbauten gespickt: einem Volkstheater, einem Filmmuseum, der Gedenkstätte Roberto Silveira, einer Kirche, der Fundação Niemeyer und einem Panoramaturm. Mag sein, dass das Gebäude-Ensemble in aseptischem Weiß nicht so gelungen ist wie das benachbarte Museum. Doch trägt es unverkennbar die Handschrift des Pritzker-Preisträgers. Seine Markenzeichen sind der Stahlbeton und die runden Formen. „Was mich anzieht, sind die freien, sinnlichen Kurven“, wurde er nicht müde zu beteuern.

Charakteristisch ist vor allem die Brise-Soleil-Technik der Fassade

Tatsächlich sind die Kurven, Wellen und Rundungen Niemeyers Beitrag zur eher rationalistisch geprägten Avantgardearchitektur des 20. Jahrhunderts. Sie prägen viele seiner mehr als 600 Werke. Nicht nur in Brasilia, der Hauptstadt, deren Gesicht er maßgeblich prägte, auch in seiner Heimatstadt Rio de Janeiro. Die Stadtlandschaft mit den runden Buchten und Bergen inspirierte ihn. Nicht weit von hier entfernt nahm seine Entwicklung ihren Lauf. 1907 als Sohn deutschstämmiger Einwanderer geboren, wächst er im Stadtteil Laranjeiras auf und beginnt 1929 an der Escola Nacional de Belas Artes, der nationalen Kunstakademie, zu studieren. Nach dem Studium arbeitet er im Büro seines Lehrers Lúcio Costa und bekommt bald Gelegenheit, am Edifício Capanema mitzuwirken. Mitten im quirligen Centro soll das Erziehungsministerium, benannt nach dem damaligen Bildungsminister Gustavo Capanema, entstehen und eine Art Visitenkarte des modernen Brasiliens werden. Auch wenn hier ein ganzes Team von Architekten unter der Regie von Lúcio Costa und Le Corbusier am Werk ist und Oscar Niemeyer eher die Rolle des Praktikanten zufällt, lassen sich viele Elemente ausmachen, die bei späteren Gebäuden wieder auftauchen. „Charakteristisch ist vor allem die Brise-Soleil-Technik der Fassade“, erklärt Gionia Belmonte, die als Guide in Rio de Janeiro arbeitet. „Sie sieht aus wie eine Jalousie und lässt das Tageslicht herein, ohne dabei zu blenden.“ Doch nicht nur deshalb wurde das um 1947 fertiggestellte Gebäude zu einer Ikone der brasilianischen Moderne.

Mit seinen 14 Stockwerken ruht es auf schlanken Säulen und zeichnet sich trotz seiner Monumentalität durch Leichtigkeit und Eleganz aus. Ganz unauffällig wirkt dagegen die Obra do Berço, eine Kinderkrippe im Lagoa-Viertel, die Niemeyers erstes eigenständiges Werk war. Erst bei näherem Hinsehen zeigt sich die Originalität des Entwurfs. „Hier hat er die Brise-Soleil-Technik wieder aufgegriffen“, meint Gionia, „aber statt in horizontaler dieses Mal in vertikaler Form.“ Sie erzählt, dass die Arbeiter den Auftrag während Niemeyers Abwesenheit zunächst falsch ausgeführt hätten. Als der Architekt zurückkam, bezahlte er die baulichen Veränderungen aus der eigenen Tasche, obwohl er für seine Pläne gar kein Honorar in Rechnung gestellt hatte. Anders dürfte es sich beim Firmensitz des Banco Boavista im Stadtzentrum verhalten haben.

Zwischen 1946 und 1948 entstanden, weist es wieder die jalousieartigen Glasfassaden und schlanken Säulen auf, dazu gewellte, kurvige Wände. Weniger elegant wirkt das Monumentalgebäude, das er 1987 realisiert, als er nach dem Ende der Militärdiktatur aus dem französischen Exil zurückgekehrt ist: Bei dem Sambódromo, Schauplatz der Karnevalsparaden, das bereits Millionen von Menschen aufgenommen hat, empfängt einen eine geballte Ladung Beton. Außerhalb des Karnevals wirkt es leblos und steril. „Aber vielleicht ist bei einem Gebäude von fast einem Kilometer Länge auch nicht viel mehr drin als Funktionalität“, mutmaßt ein Besucher. Angenehmer ist dagegen der Abstecher in den Stadtteil São Conrado, wo ein Kleinod die Zeit überdauert hat: die Casa das Canoas, Niemeyers zwischen 1951 und 1953 entstandenes Privathaus, in dem er etwa zehn Jahre mit seiner Familie wohnte. Inzwischen ist es für Besucher geöffnet und erweist sich als sein persönlichstes Werk. Inmitten von dichtem Grün sticht ein weißes, nierentischförmiges Flachdach ins Auge, das über einer gläsernen, kurvigen Fassade schwebt. Die Casa das Canoas ist eine friedliche Oase in der lärmigen Stadt. Und der richtige Ort, um die Werke des Architekten noch einmal Revue passieren zu lassen.

Sicherlich lässt sich manches kritisieren. Dass seine Bauten oft selbstverliebten Skulpturen gleichen, dass Niemeyer es nicht verstand, ökologisch und nachhaltig zu bauen. Doch hat er Architekturikonen geschaffen, die Geschichte gemacht haben. Wer seine Werke in Rio sieht, versteht, warum er schon zu Lebzeiten eine Legende war.

 

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