BR-Chefdirigent im Interview Diesen Kuss der ganzen Welt - Jansons dirigiert Neujahrskonzert

Mariss Jansons während einer Probe für das Neujahrskonzert mit den Wiener Philharmonikern. Foto: dpa

Der Lette Mariss Jansons leitet heuer zum dritten Mal das weltweit im Fernsehen übertragene Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Noch immer ist Ereignis auch für ihn etwas ganz Besonderes.

 

Wien - Im Jubiläums-Jahr wird erneut ein Millionen-Publikum dem Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker lauschen. Zum dritten Mal nach 2006 und 2012 dirigiert der 72-jährige Mariss Jansons den bunten Reigen aus populären Stücken der Walzer-Familie Strauss. 75 Jahre nach dem ersten Konzert steht für den Chefdirigenten des BR-Symphonieorchesters der weltumspannende Charakter des Konzerts im Mittelpunkt.

Mariss Jansons wurde 1943 in Riga geboren. Schon sein Vater war ein berühmter Dirigent, seine Mutter war eine Sängerin. Er ist Chefdirigent von Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, sein Vertrag läuft bis 2021.

AZ: Herr Jansons, ist das Neujahrskonzert auch für Sie noch etwas Besonderes?

MARISS JANSONS: Etwas Besonderes, keine Frage. Schließlich hören einem ja Millionen Menschen in aller Welt zu, weil das Konzert in mehr als 80 Länder übertragen wird. Außerdem ist Neujahr, und an diesem Tag sollten die Menschen eigentlich besonders gute Laune haben und uns mit Freude zuhören. Nicht zu vergessen den großartigen Goldenen Saal des Musikvereins mit seiner überragenden Akustik und die unvergleichlichen Wiener Philharmoniker. Das ergibt alles zusammen eine sehr festliche Mischung.

Die Tradition der Neujahrskonzerte der Philharmoniker begann vor 75 Jahren. Damals herrschten in Österreich die Nazis, und der Erlös des Konzerts ging an Nazi-Einrichtungen. Stört Sie das?

Solch ein wunderbares Konzert mit einer solch wunderschönen Musik wie der von Johann Strauss und anderen darf man nicht politisch denken. Dieses Konzert hat im Laufe der Zeit längst die Bedeutung einer Botschaft der Völkerverständigung und des Friedens bekommen. Ich wünsche mir, dass die Leute im Sinne eines weltumspannenden Miteinanders die mitreißende Musik der Strauss-Familie und derer Zeitgenossen genießen und wir uns alle freuen, dass wir dieses außerordentliche Konzert erleben dürfen.

Welche neuen Stücke stehen dieses Jahr auf dem Programm neben dem traditionellen Donauwalzer und dem unvermeidlichen Rausschmeißer Radetzkymarsch?

Das darf ich nicht verraten. Soviel kann ich aber sagen: Das Programm ist immer eine ausgewogene Mischung aus populären Evergreens, Werken die schon einmal zu diesem Anlass gespielt wurden, aber nicht so oft, und dann auch jedes Mal aus ein paar neuen Stücken.

Braucht es jedes Jahr einen berühmten Dirigenten wie Sie beim Neujahrskonzert? Schließlich wurden die Konzerte viele Jahre von dem Konzertmeister der Philharmoniker, Willy Boskovsky, geleitet.

Eine eine interessante Frage. Ja, ich glaube, es braucht dafür einen erstklassigen Dirigenten. So wie auch Boskovsky einer war. Er hatte diese Musik im Blut und den Wiener Walzerton wunderbar beherrscht.

Kann man interpretatorisch etwas Neues aus den Walzern und Märschen der Strauß-Dynastie herauskitzeln?

Gut, man kann die Musik nicht mit einer Symphonie von Mahler oder Brahms vergleichen. Aber man muss das nicht mechanisch herunterspulen. Es wäre ein Fehler zu sagen, das ginge mit der linken Hand. Musik von Johann Strauss beispielsweise ist nicht leicht. Das muss man dirigieren wie ein normales Konzert, nicht als Begleitungsmusik zum Tanzen.

Auch in München endete das Jahr für Sie gut: Der von Ihnen geforderte Konzertsaal wird gebaut, die Standortfrage ist geklärt.

Wir müssen darauf achten, dass wir jetzt mit dem Saal das absolut Beste bekommen, hinsichtlich der Akustik und auch der Architektur. Falls man beim Raumprogramm spart oder bei der Akustik, wäre das eine große Blamage, ein Skandal. Dann hätten wir zwölf Jahre geredet, und am Ende käme ein Saal heraus, mit dem niemand wirklich zufrieden ist.

Sie wollten den Saal lieber im Finanzgarten. Haben Sie Ihren Frieden mit dem Werksviertel hinter dem Ostbahnhof gemacht?

Der Finanzgarten wäre die beste Lösung gewesen, aber wir müssen jetzt nach vorne schauen.

Werden Sie das Eröffnungskonzert dirigieren? Vielleicht klappt es ja bis Ende 2021?

Wenn der Saal in meiner Zeit fertig würde, würde ich mich natürlich sehr freuen. Schließlich habe ich viel meiner Energie, meiner Zeit und auch meiner Gesundheit in das Projekt investiert. Andererseits: Es ist für mich keine Tragödie, wenn das ein anderer macht. Die Hauptsache wäre, dass wir es geschafft haben. Und dass wir dann in München einen perfekte Raum zum Musizieren haben, einen der besten und modernsten Konzertsäle der Welt.

 Übertragung im ZDF, 1. Januar, ab 11.15 Uhr. Die Wiener Philharmoniker gastieren am 17. Februar unter Valery Gergiev mit Werken von Peter Tschaikowsky im Gasteig, Karten unter % 93 60 93

 

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