Boxen Stahlhammer Klitschko: "Dann gehen die Lichter aus!"

Box-Weltmeister Wladimir Klitschko. Foto: dpa

Im AZ-Interview spricht Co-Trainer Bashir über Wladimirs Fight gegen Kubrat Pulev, sein Training mit Muhammad Ali, die Unruhen in Ferguson, den Rassismus in den USA und Malcolm X.

 

AZ: Herr Bashir, Sie bereiten zur Zeit zusammen mit Chefcoach Johnathon Banks Weltmeister Wladimir Klitschko auf seine Titelverteidigung gegen Kubrat Pulev vor. Der dürfte eine der größten Herausforderungen für Klitschko in den letzten Jahren sein.

JAMES ALI BASHIR: Das sehe ich genauso. Er ist ein gut ausgebildeter Boxer, aber was noch viel wichtiger ist, er glaubt an sich selbst, das habe ich in seinen Augen gesehen. Er ist überzeugt, dass er gewinnen wird. Er ist gut. Nicht in Klitschkos Liga, aber gut. Wenn Boxen ein Wolkenkratzer ist, lebt Wladimir oben im Penthouse, Pulev wohnt nicht im Erdgeschoss, er lebt in einem Apartment in der Mitte.

Was macht Wladimir so stark?

Sein Kopf. Viele glauben, dass Boxen ein Sport der Schlagkraft ist, das ist Bullshit, es ist ein Sport des Kopfes. Aber es gibt in unserem Sport so viele, die nur reden, weil sie sich einbilden, etwas zu sagen zu haben. In Wirklichkeit sondern sie nur heiße Luft ab. Viele sagen: Ich weiß, wie man Wladimir ausknockt, ich zerbreche sein Glaskinn. Ach ja? Habt ihr nicht verstanden, dass Boxen keine Einbahnstraße ist? Um überhaupt an sein Kinn heranzukommen, wirst du Schläge fressen, bis du erbrechen musst. Und wenn dich der Stahlhammer trifft, sind die Lichter aus. Mich regen Schwätzer auf.

Sie selber sind 63 und seit 43 Jahren Trainer.

Ja, und das sage ich auch den Leuten, die sich als Boxexperten ausgeben. Habt ihr mit 20 alles hingeschmissen, um euch dem Boxen zu widmen? Habt ihr tausende Dollar verloren, weil ihr alles in Boxer investiert habt? Zwei Ehen sind daran zerbrochen, dass ich mit dem Boxsport verheiratet war, die Frauen es nicht mittragen konnten, dass ich mehr im Flieger und im Auto gewohnt habe, als ich daheim war. Ich mache ihnen keinen Vorwurf, aber Boxen ist mein Leben. Ich kam von Trainingslagern zurück und die Schlösser an meinem Haus waren ausgetauscht, weil ich die Raten nicht mehr hatte zahlen können und das Haus zwangsversteigert werden sollte. Ich habe in meinem Auto gelebt, habe mir für die Nacht eine ruhige, sichere Gegend gesucht und im Auto geschlafen. Wenn ihr all das gemacht habt, um dem Boxen zu dienen, dann könnt ihr mir Boxen erklären.

Sie begannen Ihre eigene Karriere im Trainingslager von Muhammad Ali.

Ja, wir hingen in seinem Gym rum und schauten ihm zu. Sein Trainer Angelo Dundee wollte uns vertreiben. Aber Ali war anders. Er hat nie jemanden abgewiesen, er hat jeden wie einen König behandelt und dafür werde ich ihn lieben bis zu dem Tag, an dem ich sterben werde. Er gab uns Schwarzen Stolz, ein Selbstverständnis. Und er war mutig. Was er getan, was er gewagt hat, war damals für Farbige undenkbar. Er war unser Symbol, mein Held. Es hat in den USA lange gedauert, bis man anderen Hautfarben und Glaubensrichtungen Respekt entgegenbrachte.

Wie sehr erschüttern Sie die Vorfälle in Ferguson, wo ein Schwarzer von der Polizei erschossen wurde und seitdem der Ausnahmezustand in der Stadt herrscht?

Ich bin ein Kind der Bürgerrechtsbewegung, meine Mutter, meine Tanten, meine Onkel haben mich so erzogen, dass wir keine Diener sind, dass wir gleichwertige Menschen sind. Aber Amerika ist auf dem Fundament von 200 Jahren übelstem Rassismus erbaut. Europa hat seinen Rassismus größtenteils überwunden, in Amerika wurde er nur übertüncht. Viele Weiße sehen sich weiter als Herrenrasse. Was in Ferguson passiert ist, ist tägliche Realität in den USA. Ein Schwarzer wird von weißen Polizisten getötet. Und in diesem Fall, sechs Kugeln abzufeuern! Das ist Overkill, das ist Mord.

Der Fall wird gerade von den Behörden untersucht.

Ja, und am Ende werden die Beamten davonkommen. Dann heißt es, dass der Erschossene eine schnelle Bewegung gemacht hat, dass der Beamte sich bedroht fühlte, dass er ein glänzendes Objekt gesehen hat, das wie ein Messer aussah, das aber dann nie gefunden wird. Das kennen wir alles zur Genüge. Auf dem Emblem der Polizei steht „to serve and to protect“ – dienen und beschützen. Sie dienen nicht den Menschen und sie beschützen sie nicht. Jetzt wird wieder aus diesem Protest eine Rassensache gemacht. Versteht endlich: Es geht nicht um schwarz oder weiß. Es geht um richtig oder falsch! Die Situation ist so explosiv, wir leben in den USA auf einem Pulverfass, das kann jederzeit losgehen. Ich verachte Gewalt, aber wenn sich nicht bald was ändert, wird die meistgehasste Farbe das Blau der Polizei sein. Malcolm X hat in den 60er Jahren schon davor gewarnt. Ich habe mir viele seiner Reden angehört, leider haben sie an ihrer Aktualität nicht verloren.

Malcom X war radikal, gilt auch als Prediger des Hasses.

Ich denke, um wirklichen Wandel zu bewirken, braucht es einen Malcolm X und einen Martin Luther King. Einen, der aufrüttelt, einen der vermittelt. Leider passiert Wandel nie von sich aus. Keine Demokratie entstand, ohne dass dafür gekämpft werden musste.

Sie selber haben Rassismus am eigenen Leib erfahren.

Oft. Als ich Boxer war, wurde ich auf dem Weg zum Ring bespuckt, nur, weil ich schwarz war. Ich kannte Rassismus nicht groß, bis ich 13, 14 war, weil ich in einem Viertel aufwuchs, wo es alles gab. Schwarze, Weiße, Mexikaner, Asiaten. Danach erst erlebte ich Rassenhass. Meine Mutter hat mir aus Angst befohlen, nach der Schule gleich nach Hause zu kommen, möglichst im Schatten zu gehen. Zu der Zeit wurden Schwarze gelyncht. Man hat mit verboten, gewisse Toiletten zu benutzen, weil sie nur für Weiße waren. Will mir wirklich einer sagen, dass die Pisse der Weißen wertvoller ist als meine, dass sie besser riecht? Ich bin froh, dass viele Weiße jetzt im Zuge von Ferguson eine Allianz bilden. Es geht um unser aller Menschen- und Bürgerrechte.

Sie sind vor Jahrzehnten zum Islam konvertiert, in dessen Namen im Moment im Irak, in Nigeria fürchterliche Verbrechen begangen werden.

Das trifft mich tief in meiner Seele. Haben diese Leute nie den Koran gelesen? Der Prophet Mohammed sagt, „in der Religion darf es keinen Zwang geben“. Diese Verbrecher nennen sich Gotteskrieger und töten, foltern, verstümmeln im Namen Gottes. Sie gehören gestoppt – mit allen Mitteln. Sie repräsentieren nicht den Islam, sie missbrauchen ihn. In Nigeria wurden kleine Mädchen entführt und in die Prostitution gezwungen. Welcher Gott würde das verlangen? Wenn es einen solchen Gott geben würde, dann gehört er bekämpft. Diese Extremisten dürfen nicht das Bild des Islam prägen.

Sie sind ein Freund klarer Worte.

Meine Mutter hat gesagt: Wenn du sicher bist, dass du die Wahrheit erzählst, sprich sie aus. Wenn nötig oft, wenn nötig laut. Nur Lügen sind es nicht wert, erzählt zu werden.
 

 

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