Boxen Robin Haxhi Krasniqi: "Magst du Schmerzen?"

Fing in der Boxfabrik in München an: Haxhi Krasniqi. Foto: ho

Vor dem München-Fight spricht Robin Krasniqi im AZ-Interview über seine Box-Anfänge, die Familie und den Freitod von Besim Kabashi.

 

AZ: Herr Krasniqi, Sie, die aktuelle Nummer 2 der Weltrangliste im Halbschwergewicht, haben zwar in München das Boxen gelernt, haben aber seit vier Jahren keinen Fight mehr hier bestritten. Jetzt geht es gegen den Polen Dariusz Sek. Können Sie sich eigentlich noch an Ihren ersten Kampf hier erinnern?

ROBIN HAXHI KRASNIQI: Natürlich, das war sehr blöd, denn ich habe ihn gleich verloren. Ich war 17 Jahre alt, hatte davor erst drei, vier Monate trainiert, keinen einzigen Amateurkampf bestritten und Roland Suttner, der Besitzer der Boxfabrik, wo ich gelernt habe, hat mich gleich in den Ring geschickt. Und nicht nur das. Ich wog 75 Kilo, mein Gegner 95. Das war Suttners Art, mich zu erziehen, mich auf Herz und Nieren zu prüfen. Er sagte mir damit: Das ist Boxen, das sind die Schmerzen, die du erleben wirst. Magst du es wirklich? Oder bist du auch nur einer, der sich Boxer nennen will, aber nicht die Eier hat, dafür den Preis an Schmerzen, an Aufopferung zu zahlen? Er hat dann sehr schnell gesehen, dass ich den Willen habe, es weit zu bringen.

Zwei Niederlagen in den ersten drei Fights, danach starteten Sie aber durch, boxten sogar 2013 gegen Nathan Cleverly schon um die WM.

Ich habe in meiner Karriere nie zu einem Kampf nein gesagt. Als ich 19 war, hat mich Suttner gegen Barry Butler, die Nummer 13 der Welt, in den Ring gesteckt. Ich habe auch da nicht nein gesagt. Ich gehe niemandem aus dem Weg, aber ich habe dann München verlassen und beim Boxstall SES angeheuert, weil die mich einfach auf eine ganz andere boxerische Stufe bringen konnten.

Erst Sek, dann soll es gegen Jürgen Brähmer gehen. Um die WM, Ihr zweiter Versuch.

Ja, Sek ist gut, aber ich lasse mich von meinem Ziel nicht abbringen. Und Brähmer hat es drauf. Er schlägt Kombinationen wie aus dem Lehrbuch und macht auch immer wieder Dinge, die vollkommen neu sind. Er ist wirklich gut. Aber ich sehe das immer so: Er hat auch nur zwei Arme und zwei Beine. Er ist aus Fleisch und Blut. Er schwitzt, wenn er sich anstrengt, er blutet, wenn er sich schneidet. Er ist kein Übermensch, kein Gott. Er ist auch nur ein Mensch. Und alles, was ein Mensch erreichen kann, kann ich auch erreichen. So ist meine Lebensphilosophie. Grenzen setzen sich die Menschen selber im Kopf, meist nicht der Körper.

Den ersten WM-Fight gegen Cleverly haben Sie in London aber noch verloren....

Ja, ich war vielleicht noch zu grün, noch zu unreif. Es war für mich so schwer zu verkraften, zu verarbeiten. Denn ich wollte unbedingt Geschichte schreiben, der erste Box-Weltmeister sein, der aus dem Kosovo stammt. Als ich dann verloren habe – zu Recht verloren habe –, habe ich mich erst fast nicht auf die Straße getraut. Ich dachte, ich hätte die Menschen, die auf mich setzen, im Stich gelassen, verraten. Aber als ich dann im Kosovo war, wurde ich gefeiert. Dort sind Kampfsportler sehr angesehen. Die Menschen dort haben gesehen, dass ich die Niederlage wie ein Mann nehme, bis zur letzten Sekunde nicht aufgeben. Das hat sie stolz gemacht. Und eines Tages werde ich ihnen den WM-Gürtel bescheren.

Ihr Vater wird natürlich wieder in Unterschleißheim am Ring sitzen.

Ja, er ist mein größter Fan und mein größter Förderer. Als er gesehen hat, wie sehr ich den Boxsport liebe, haben er und mein Bruder gesagt: Kümmer’ du dich nur um Boxen. Wir sorgen dafür, dass du genug Geld hast, wir sponsoren dich. Er sagte: „Ich als Vater will nie sehen, dass du übel verprügelt wirst. Also tue ich alles dafür, dass du nur boxen musst, und deine Aufgabe ist es, immer alles zu geben, damit du dich und uns nie blamierst.“ Er war da auch sehr streng. Er hat immer wieder Kontrollbesuche im Gym gemacht, ob ich auch wirklich trainiere. Das hat mich anfangs genervt, weil ich mich überwacht fühlte, aber heute weiß ich, dass ich ohne diese Kontrolle vielleicht nie so weit gekommen wäre.

Und die Mama? Die war noch nie bei einem Kampf?

Nein, die ist schon ein paar Tage vorher immer mit den Nerven fertig. Wenn ich dann kämpfe, schließt sie sich im Zimmer ein, stellt den Fernseher ab und betet, dass mir nichts passiert. Ihr ist es egal, ob ich gewinne, nur unverletzt soll ich bleiben.

Sie sprachen den Kosovo an. Ihr guter Freund, der Thaibox- Champion Besim Kabashi, stammte auch von dort. Doch 2011 hat er sich in München das Leben genommen.

Das war einer der dunkelsten Momente meines Lebens. Er war mein Freund, mein Motivator, mein großes Vorbild. Ich habe so viele Fights von ihm gesehen. Er war eine Kampfmaschine. Es gab einige Momente, wo er im Ring durch die härtesten Prüfungen ging, wo er am Rande eine Niederlage war, aber am Ende doch in sich die Kraft fand, den Fight noch zu drehen. Er wurde bei uns vergöttert, er war eine Legende. Als ich dann erfuhr, dass er versucht hat, sich das Leben zu nehmen, war ich schockiert. Mir fehlen die Worte, um zu beschreiben, was ich fühlte, als ich ihn auf der Intensivstation liegen sah. Ich war mit seiner Familie und engsten Freunde dort, als er seinen letzten Atemzug tat. Dass dieser Mann, der so ein Kämpfer war, der so eine Stärke ausstrahlte, das Leben nicht ertrug, ist eine Tragödie. Aber der Freitod hat nichts an seinem Legendenstatus bei uns geändert. Es war den Menschen egal, wie er starb, es ist nur erschütternd, dass er nicht mehr da ist. Ich hoffe, er hat jetzt seinen Frieden gefunden.

 

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