"Bornholmer Straße" So erlebte Schauspieler Charly Hübner die Wende

Harald Schäfer (Charly Hübner) spricht zu den DDR-Bürgern, die vor dem Schlagbaum die Ausreise fordern Foto: MDR/UFA Fiction/Nik Konietzny

In der Tragikomödie "Bornholmer Straße" verkörpert Charly Hübner den DDR-Grenzschützer Harald Schäfer. Im Interview zum Film erklärt er, warum er kurz nach der Grenzöffnung nach Berlin gefahren ist.

 

Berlin - Schauspieler Charly Hübner (41, "Unter Nachbarn") hat derzeit viel zu tun: Am Sonntag löste er im "Polizeiruf" (Das Erste) einen dramatischen Fall und am morgigen Mittwoch wird er die Grenze in Berlin öffnen. Im Interview mit spot on news zur Tragikomödie "Bornholmer Straße - die wahre Geschichte von Oberstleutnant Harald Schäfer" (5. November um 20.15 Uhr im Ersten) verrät der Schauspieler, der 1972 in Neustrelitz, Mecklenburg-Vorpommern, das Licht der Welt erblickte, warum er selbst gleich nach der Grenzöffnung in den Westen gefahren ist. Hübner erklärt aber auch, was ihn mit dem Mann verbindet, der am 9. November 1989 als diensthabender Leiter am Grenzübergang Bornholmer Straße befehlswidrig die Kontrollen einstellen ließ und damit die Berliner Mauer öffnete.

Was haben Sie während des Mauerfalls gemacht?

Charly Hübner: Ich habe mit ein paar Freunden für eine Art Fassnacht mit satirischen Büttenreden am 11. November geprobt, am 9. November war die Generalprobe.

Wann haben Sie davon erfahren und wie sehr hat es Sie damals berührt?

Hübner: Am Tag nach der Generalprobe haben wir es im Fernsehen gesehen. Allein die Information, dass die Mauer, die für uns Anfang der 1970er Jahre geborene immer da war, nicht mehr fix ist, war aufregend genug. Ich habe weder gejubelt, noch war ich traurig. Ich war einfach nur gespannt darauf, was als nächstes passieren wird.

Wollten Sie dann gleich nach West-Deutschland?

Hübner: Wir waren schon sehr neugierig und als wir mitbekommen haben, dass die Schule nicht so einen Heribert macht, wenn man mal fünf Tage nicht im Unterricht ist, sind wir sofort nach Berlin und haben uns den bunten Westen angeguckt. So schlimm, wie sie uns immer erzählt hatten, war es dort aber gar nicht. Im Gegenteil, endlich konnten wir die tollen BASF-Kassetten kaufen, die die Musik viel besser wiedergegeben haben, als die Kassetten bei uns.

Unterscheiden Sie noch zwischen Ost und West oder ist die Grenze im Kopf inzwischen auch verschwunden?

Hübner: In meinem Lebensalltag gibt es keinen Unterschied mehr. Für die älteren Generationen ist die Trennung aber noch ganz klar und auch für diejenigen aus meiner Generation, die Mecklenburg nicht verlassen haben. Und allein dass es Markierungsworte wie "Ossi", "Wessi" oder "von drüben" noch gibt, zeigt schon, dass die Trennung unterbewusst im Kollektiv noch da ist. Das wird sich aber auflösen. Außerdem gibt es mindestens so große Unterschiede zwischen Schleswig-Holstein und Bayern.

Würden Sie sich eher als Ossi oder als Norddeutscher bezeichnen?

Hübner: Als Mecklenburger.

Sie leben in Hamburg und Mecklenburg-Strelitz. Warum nicht in Berlin?

Hübner: Weil da alle anderen schon sind (lacht). Ich habe mehr Ruhe im Norden.

Was verbindet Sie vom Naturell her mit Oberstleutnant Harald Jäger, den Sie in der ARD-Tragikomödie "Bornholmer Straße" spielen?

Hübner: Ich versuche, in stressigen Momenten die Ruhe zu bewahren. Selbst wenn der Hurrikan nur einen Meter von mir entfernt ist, drehe ich nicht gleich durch. Da schau ich mir dann erst mal an, in welche Richtung er sich überhaupt bewegt. Das ist auch ein Wesenszug von Harald Jäger, den ich sehr nachvollziehen konnte.

Würden Sie sagen, die Öffnung des Grenzübergangs war mutig?

Hübner: Es war mehr als mutig. Er ist über seinen Schatten gesprungen, obwohl das rein physikalisch gar nicht geht, wie wir wissen. Auf einer Metaebene hat er es aber getan. So etwas ist sehr anstrengend und bewundernswert.

Der Stress schlägt dem Oberstleutnant auf den Magen. Was hilft Ihnen bei zu viel Stress?

Hübner: Schlafen! Egal, wo ich bin, lege ich mich einfach hin und schlafe.

Im Film wird, wie in der damaligen Zeit auch, immer und überall geraucht. Was halten Sie davon und von der aktuellen Entwicklung?

Hübner: Ich war selber mal Raucher. Irgendwann war es für mich aber besser, nicht zu rauchen und inzwischen kann ich sehr gut ohne leben - auch wenn ich nach wie vor finde, dass rauchen toll und total sexy aussieht.

Was halten Sie von diesem Film-Dialog: "Hast du deine Darmuntersuchung vergessen?" (Ehefrau) - "Ich hab heute Nacht die Grenze aufgemacht!" (Oberstleutnant Harald Jäger) - "Darüber macht man keine Witze!" (Ehefrau)

Hübner: Weil der ein oder andere vielleicht findet, dass man keinen komödiantischen Film über dieses Thema machen darf, gefällt mir dieser Dialog am Ende eines streitbaren Filmes ganz besonders gut. Das war eine sehr schlaue Idee von den Autoren. Der echte Dialog soll übrigens ganz ähnlich verlaufen sein.

 

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