Boaznsterben in München Tony’s Stüberl macht dicht: Autor Friedrich Ani verneigt sich

Der Chef muss zusperren: Antonio De Almeida an seinem Tresen. Er räumt in diesen Tagen seine Boazn aus. Friedrich Ani (kleines Bild) lebt in Giesing – und geht dort gerne aus. Foto: Jasmin Menrad/AZ

Das nächste Opfer der Aufwertung: In München-Giesing muss Tony’s Stüberl schließen. Hier verneigt sich Autor Friedrich Ani zum Abschied vor Wirt und Wirtschaft.

 

Giesing - In jüngster Zeit ging ich fast jeden Abend rüber zum Tony, um mich vor sein Stüberl zu setzen und mir einen Sonnenuntergangsprosecco zu genehmigen. Natürlich in Form einer Augustiner-Halben. Meistens auch drei oder vier Proseccos. Die Sonne über Giesing geht oft wahnsinnig langsam unter, fast, als würde sie verweilen wollen, weil der Anblick dieses Stadtteils ihr so viel Freude bereitet.

Man hat so seine Gedanken beim Prosecco. Tony äußert auch oft Gedanken, nicht immer leicht zu verstehen, das gebe ich zu. Andererseits ist er der Wirt und hat immer recht. Vor langer Zeit kam er mit einer Baufirma aus Südafrika nach München. Geboren wurde er in Portugal, weswegen er sich das treffliche Pseudonym "Der Portugiesinger" zulegte.

Nachdem er genug gebaut hatte, wechselte er in die Gastronomie, landete irgendwann beim Trepperlwirt an der Tegernseer Landstraße und übernahm schließlich den "Zauberwürfel", einen ehemaligen Rocker-Treffpunkt, den er in seiner unnachahmlichen Art umtaufte. Von nun an hieß die Kneipe "Zum Tony’s Stüberl". Warum nicht? Früher gab es in Schwabing ein Lokal, das hieß "Zum Zum". Herzlichen Glückwunsch.

Ein Roter als Zaungast in Tony's Stüberl

Beim Tony in seinem Stüberl habe ich eine Unzahl von Abenden und Nächten verbracht, beschallt von Radio Arabella und den ineinander strudelnden Stimmen der Gäste, auf der Suche nach der Weltenformel. Ich blieb Zaungast – sehr witzig angesichts der Enge des Raums – vor allem in einer Hinsicht. Im Gegensatz zu 99,9 Prozent der Gäste war ich kein Sechzger, sondern das Schlimmste: ein Roter. Doch niemand wusste das, nur Tony, der mich nie verraten hat. Einen höheren Grad an Gnade kann man in einem Giesinger Stüberl nicht erlangen.

Jetzt muss Antonio De Almeida schließen. Das ganze Ensemble an der Martin-Luther-Straße wird abgerissen, der Hausbesitzer zieht neue, teure Wohnungen hoch, die alte Geschichte. Angeblich hat der Wirt ein neues Lokal in Aussicht. Er nannte mir die Adresse, und ich habe es mir angesehen: Könnte passen. Bis es so weit ist, trinke ich meine Sonnenuntergangsproseccos notgedrungen daheim, und auf das Wohl des einzigartigen Portugiesingers jedes Mal mindestens vier bis sechs. Möge es nützen, Tony!


Friedrich Ani hat im Juni den Roman "All die unbewohnten Zimmer" (Suhrkamp) veröffentlicht.


Aus für Tony's Stüberl: Das sagt der Wirt

Am 10. August gibt Antonio De Almeida den Schlüssel für sein Stüberl ab, acht Jahre hat er dann seine kleine Boazn betrieben. "Das Boaznleben in München ist vorbei", sagt De Almeida. "Seit dem Rauchverbot gehen die kleinen Boazn kaputt. Wenn sie sich halten, wie meine, kommen Investoren aus Hamburg und reißen alles ab."

Im Bezirksausschuss Obergiesing (BA) war der Abriss der Häuserzeile noch kein Thema. Der oberhalb gelegene Grünspitz aber bleibt mindestens noch bis 2020 als Freifläche für das Viertel erhalten. "Und wir hoffen, auch darüber hinaus", sagt BA-Chefin Carmen Dullinger-Oßwald (Grüne). min/fm

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