Blitzkritik Viel Lärm um nichts: Immer die Pistolen im Anschlag

"Viel Lärm um nichts" als Mafia-Ballade Foto: Thomas Dashuber

Im Residenz Theater inszenierte Jan Philipp Gloger Skakespeares Komödie "Viel Lärm um nichts" überzeugend als Mafia-Ballade

 

Vermummte Männer mit Pistolen im Anschlag, ein italienisches Mafia-Lied beschwört die „Gesetze des Blutes“: Da weiß man doch gleich, wo man ist. Shakespeare lässt sein Stück „Viel Lärm um nichts“ im sizilianischen Messina spielen, und der junge Regisseur Jan Philipp Gloger nimmt ihn beim Wort. Er inszenierte die Komödie im Residenz Theater als Mafia-Ballade. Das Konzept ist verblüffend schlüssig und stellt die Liebeshändel vor eine düstere Folie. Nach zwei spannenden Stunden großer Applaus.

Messina, das ist hier nur eine große Wand in der Mitte der genial einfachen Drehbühne von Franziska Bornkamm, auf der die Bilder nahtlos ineinander fließen. Leonato (Ulrich Beseler), Gouverneur von Messina, empfängt den Prinzen Pedro (Stefan Wilkening), Repräsentant der Krone, der auf der Rückkehr aus einem siegreichen Krieg mit seinem Gefolge Quartier bei ihm nimmt. Wie weit man sich trotz aller Freundschaftsbezeigungen traut, beweist Pedros Zögern vor dem angebotenen Sektglas: Er greift sich lieber ein anderes vom Tablett.

Der junge, eitle Heißsporn Claudio (Andreas Christ) verliebt sich sofort in Leonatos schöne Tochter Hero (Lucy Wirth) und in ihr reiches Erbe. Den Ehevertrag lässt sich Leonato mit einem Blutstropfen Claudios unterzeichnen. Komplizierter gestaltet sich das bei Leonatos aufmüpfiger Nichte Beatrice und dem Eheverächter Benedict, die sich gegenseitig mit scharf geschliffenem Wortwitz zu übertrumpfen suchen. Um deren intellektuelle Kabbeleien zum amourösen Feuer anzufachen, bedarf es einer handfesten Intrige. Stephanie Leue als Beatrice und Shenja Lacher als Benedict sind ein Skeptiker-Paar von herrlich trockener Komödiantik: Sie spröde, kratzbürstig und temperamentvoll zugleich, ungläubig gegenüber den eigenen Gefühlen. Er linkisch hinter seiner Hornbrille, erst überlegen und selbstsicher, dann zögernd bereit, auf Freiersfüßen über seinen Schatten zu springen, um bei der ersten Entmutigung sofort die Rosen wegzuschmeißen.

Doch die Liebeskomödie tritt in Glogers stringenter Fassung in den Hintergrund, wenn Shakespeares Schurken zuschlagen. Der weinerliche Finsterling Don John (Frank Siebenschuh) und sein Gehilfe Borachio (Thomas Gräßle) verleumden Hero als untreu. Wenn sie zur Trauung schreitet, ist in der Mitte eines an die Wand gemalten roten Herzens der verräterische Handschuh mit einem Dolch genagelt. Daneben klatscht Claudio wütend die Hochzeitstorte. Hier nehmen die Machenschaften der dunklen Ehrenmänner die Dimensionen einer Tragödie an, und Gloger zeigt klar, welcher menschenverachtende Ehrenkodex dahinter steckt. Versöhnlich zeigt sich nur Leonatos Bruder Antonio (Alfred Kleinheinz). Aber als die Intrige aufgedeckt ist, schreibt Hero mit dem Blut des erschossenen Borachio „vendetta“ – Rache – an die Wand.

Gloger hat Adolf Wilbrandts Übersetzung aus dem 19. Jahrhundert klug gestrichen. Er braucht keine Nebenfiguren in seiner schnörkellosen, Inszenierung, die mit wunderbar einfachen Theatermitteln die Balance zwischen Komödie und Tragödie findet. Sizilianische Mafia-Lieder, die „canti di malavita“, schaffen eine bedrohliche Atmosphäre, in der es um Leben und Tod geht, wenn man die Regeln der ehrenwerten Gesellschaft bricht. Da ist es nur logisch, dass die Männer gleich nach dem Happy End wieder mit gezückten Pistolen in den Krieg ziehen.

Gabriella Lorenz

Residenz Theater, 23., 27. Jan. (20 Uhr), 7. Feb. (15 Uhr), 10., 24. Feb., 4. März (20 Uhr), Tel. 21 85 19 40

 

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