Blitzkritik Die Unentrinnbarkeit eines Albtraums

Jochen Schölch Foto: Archiv

Jochen Schölch kleidet den „Woyzeck“ nach Büchner in faszinierend düstere Bilder

 

Zwei Männer aus dem Westen treffen einen deutschen Dramatiker des 19. Jahrhunderts: Vor zwei Jahren erlebte die dritte Zusammenarbeit von Bob Wilson und Tom Waits Premiere in Kopenhagen mit einer Zubereitung des Dramenfragments „Woyzeck“ von Georg Büchner aus Darmstadt seine Uraufführung. Damals bekam das Werk als „Büchner für Arme“ schlechte Noten. Am Metropol-Theater und inszeniert von Jochen Schölch scheint die schaurig-traurige Musicalfassung des „Woyzeck“ unter der musikalischen Leitung von Andreas Lenz von Ungern-Sternberg nun ihre Heimat gefunden zu haben.

Mit der opulenten Stilisierung der Wilson-Bilderwelt hält sich Schölch erwartungsgemäß nicht lange auf, aber trotz des Kunsthessisch, das hier gebabbelt wird, findet auch kein Naturalismus statt. Bühnenbildnerin Heike Meixner baute einen Raubtierkäfig, in dem die Fetzen, die die Gestalten am Leibe tragen, davon erzählen, dass hier mal militaristischer Glanz geherrscht haben muss (Kostüme: Cornelia Meurer, Ruth Jäger).

Den Soldaten Franz Woyzeck, der sich, um über die Runden zu kommen, als Barbier eines Hauptmanns (Georg Stephan) und bei einen Arzt (Benedikt Zimmermann) für medizinische Experimente verdingt, spielt Fabian Stromberger weit weg vom naheliegenden Kinski-Wahnsinn. Der freundliche junge Mann hat aber gelernt, dass „der Mensch ein Abgrund“ ist, in den „zu blicken schwindelt“. Der Mord an seiner Frau Marie (Agnes Kiyomi Decker) nach der Affäre mit dem feschen Tambourmajor (Sebastian Fritz) erscheint hier „normal“. In faszinierend düsteren Bildern, geschaffen durch schauspielerische Intensität, unaufdringlich spektakulärer Bühnentechnik und mit der Unentrinnbarkeit eines Albtraums löst Schölch das unheilvolle Versprechen des Eröffnungssongs „Misery Is The River Of The World“ ein.

Mathias Hejny

Metropol-Theater, Samstag und 24.-26.6., 30.6., 1.-3.7., 8.-10.7., 14.-17.7., 20 Uhr

 

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