Blitzkritik Beste Stadtheaterqualität

"Der ferne Klang" in Augsburg Foto: A.T. Schaefer

Was sich München nicht traut, wagt Augsburg: Das Stadttheater zeigt eine rundum ordentliche Aufführung von Franz Schrekers „Der ferne Klang.“

 

Gelassen haben vier hiesige Staatsopernchefs die in den Siebzigern einsetzende Renaissance der Opern von Franz Schreker an sich abperlen lassen. Selbst Kent Nagano, der 2005 eine hervorragende Aufführung der „Gezeichneten“ in Salzburg dirigierte, scheint diese rauschhafte Musik aus dem Fin de siècle mittlerweile vergessen zu haben.

Nun schafft es Schreker wenigstens bis Augsburg, wo traditionell jedes Jahr eine Rarität ausprobiert wird. Die bejubelte Premiere von der „Der ferne Klang“ erfreute durch beste Stadttheaterqualität. Es war eine schöne Geste, im Zwischenspiel des dritten Aktes mittels einer Spiegelfolie das Philharmonische Orchester zu zeigen, das unter Dirk Kaftan die Not von nur acht ersten Geigen in die Tugend leicht unterkühlter Durchsichtigkeit verwandelte.

„Der ferne Klang“, 1912 in Frankfurt uraufgeführt, traf den Nerv der Zeit. Das Werk war so erfolgreich wie die Opern von Richard Strauss, ehe noch vor dem Bann der Nazis die Faszination wieder schwand. Erzählt wird vom Komponisten Fritz, der seine Geliebte um der Kunst willen zurückweist. Grete beginnt eine Karriere als Prostituierte in einem venezianischen Edelbordell, dessen Venusberg-Schwüle mit Fernchören und einer Zigeunerkapelle aufwändig ausgemalt wird.

Schrekers Riesenorchester fächert den Klang flirrend auf, statt auf orgiastische Ausbrüche zu zielen. Das Waldweben beim sexuellen Erwachen Gretes am See wird seltsamerweise durch Eisenbahnlärm verfremdet. In historischen Aufnahmen ist zu hören, wie nahe Schrekers Kantilenen seinen italienischen Zeitgenossen um Puccini stehen. Die hochachtbare Sally du Randt (Grete) und der heldische Mathias Schulz (Fritz) sangen ein wenig hart und trocken, das Chargenaufgebot imponierte durch die scharfe Zeichnung der vielen Nebenfiguren.

Die kurzfristig eingesprungene Regisseurin Renate Ackermann zeichnete die Handlung klar nach. Bis zur letzten Viertelstunde verkniff sie sich deutende Arabesken. Im Schlussduett kehrte dem auf Dr. Sigmund Freuds Couch lagernden Fritz die verdrängte Liebe als Vision zurück. Ackermann verweigerte ihm den Tod und der romantischen Liebe die Tragik. Sie inszenierte ein unklar offenes Ende Wer hören will, was an Schreker dran ist, sollte sich aber keinesfalls vom Kurzausflug nach Augsburg abhalten lassen.

Robert Braunmüller

Theater Augsburg, wieder am 3. und am 14., 28. März, 6., 16. April, Tel. 0821/324 49 00

 

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