Birgit Kober "Aus jedem Mist kann Dünger werden"

Birgit Kober wirft bei der Behinderten-WM um Gold – wieder mal trotz Schwierigkeiten

 

LYON „Klar”, sagt Birgit Kober. „Natürlich werfe ich um Gold.” Das ist einerseits sehr erstaunlich, weil sie noch am Montag mit einer Entzündung der Ohrspeicheldrüse im Hotelbett lag – und andererseits ganz typisch für die zweifache Goldmedaillengewinnerin bei den Paralympics von London im vergangenen Jahr. Mit widrigen Umständen, ja, Schicksalsschlägen hat sie schon ihre Erfahrungen gemacht. Und dabei erstaunlichen Optimismus und ein riesiges Kämpferherz entwickelt.


„Ich würde auch mit 40 Grad Fieber an den Start gehen”, sagt Kober, sie tritt in Lyon bei der Leichtathletik-WM der Behindertensportler im Speerwurf (Dienstag, 17.25 Uhr) und im Kugelstoßen (Freitag, 9 Uhr) an. Am Speer ist sie die Favoritin, wirft meist um die fünf Meter weiter als die Konkurrenz. „Ich will nicht überheblich klingen”, sagt Kober. „Aber selbst wenn ich wegen der Schmerzen nur 24 Meter schaffe – die anderen werfen nur 20.”


Kober ist ein Vorbild geworden für Sportler, für Menschen mit Behinderung allgemein. Schwerhörig nach einer Antibiotika-Behandlung mit 16, erste epileptische Anfälle mit 17, Studium unterbrochen, um die krebskranke Mutter bis zum Tod zu pflegen. Zwei Monate nach deren Tod 2007 musste Kober wegen einer Epilepsie ins Krankenhaus, versehentlich erhält sie zwischenzeitlich die 25-fache Dosis eines Medikaments. Seitdem sitzt sie im Rollstuhl mit einer Ataxie, einer Bewegungs- und Koordinationsstörung.


Eine Geschichte, deren Tragik für mehrere Leben reicht. Und an deren, vorläufigen Höhepunkt, dennoch zwei paralympische Goldmedaillen stehen. Die Menschen hören Kober gerne zu, sie spricht eloquent und lebendig. Und sie erinnert mit ihrem ganzen Wesen daran: Du darfst niemals aufgeben, egal wie schlimm es aussieht.


Deswegen ist Kober, Münchens Sportlerin des Jahres 2012, mittlerweile gern gesehener Gast im Fernsehen. Sie war bei Beckmann, bei Maybrit Illner, viele andere Fernsehteams besuchten sie. „Am Anfang war es komisch, wenn man sich so im Fernsehen sieht”, sagt sie: „Inzwischen habe ich mich an meinen Anblick gewöhnt.”


Inzwischen geht Birgit Kober auch gerne in die Öffentlichkeit. Nicht aus Eitelkeit, sondern weil sie anderen Mut machen will. Allein schon, weil viele nun auf ihre Geschichte schauen, werde sie nicht aufgeben, berichtet sie, „sonst denken andere vielleicht, sie brauchen gar nicht anzufangen”. Natürlich zehrt der emotional aufwühlende Prozess gegen die Klinik, die sie falsch behandelte. Als ihr vor Gericht vorgeworfen wurde, es sei inzwischen ein rein psychisches Problem, brach sie gar zusammen. Doch Birgit Kober hat schon so viel erlebt, sie steht immer wieder auf. Ganz nach ihrem Lebensmotto: „Aus jedem Mist kann Dünger werden.”


Oder, derzeit ganz konkret: Auch mit einer Ohrentzündung kann man Weltmeisterin werden.

 

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