Biographie über Enoch zu Guttenberg Mit Temperament und Haltung

Enoch zu Guttenberg und die Chorgemeinschaft Neubeuern Foto: M. Hurek

Vor zwei Jahren starb Enoch zu Guttenberg. Nun ist Georg Etscheits Biografie des Dirigenten und Umweltschützers erschienen

 

Er mochte ihn. Aus jedem Satz spricht eine persönliche Zuneigung. Das ist nur allzu gut verständlich. Wer Enoch zu Guttenberg erlebt hat, als flammender Dirigent und Redner, als geistvoller Festival-Begründer und Ensemble-Leiter, konnte sich seinem unbeugsamen Idealismus und ethischen Humanismus nicht entziehen. Umso verstörender war sein plötzlicher Tod vor zwei Jahren am 15. Juni 2018 im Alter von 71 Jahren. In seinem Buch „Musizieren gegen den Untergang“, ein „biografisches Porträt“ des Dirigenten und Umweltschützers, ist Georg Etscheit dem Phänomen Guttenberg auf der Spur. Auf 260 Seiten ergründet der Journalist, ein studierter Politologe sowie Osteuropa-Historiker, das Werden, Sein und Wollen dieser Persönlichkeit. Dabei sind die Erörterungen dort am stärksten, wo es um die Wechselwirkungen zwischen der Familientradition und dem persönlichen Denken Guttenbergs geht. Minutiös dröselt Etscheit die Ursprünge auf, allen voran der Widerstand der Familie im Nationalsozialismus, der katholische Glaube und die Naturliebe.

Gegen Atomkraft und gegen Windräder 

Er nimmt Guttenberg ernst, manchmal zu ernst. Bisweilen fehlt Etscheit eine humor- und liebevolle Distanz, um auch das Skurrile einzufangen. So war Guttenberg früh ein energischer Gegner der Atomkraft, um später ebenso energisch gegen die Stromgewinnung aus Windkraft und Sonnenenergie zu Felde zu ziehen. Die Windräder und Photovoltaik-Anlagen würden ganze Landstriche verschandeln und massiv in die Natur eingreifen, so seine Kritik. Eine Antwort auf die Frage, woher der Strom alternativ kommen soll, blieb Guttenberg schuldig und sprach lieber von „Verzicht auf überzogenen Wohlstand“. Einem Baron fällt das sicherlich leichter als Hartz-IV-Empfängern, ganz zu schweigen von dem Lebensstil des Genussmenschen Guttenberg. Etscheit, wie Guttenberg ein Kritiker der Energiewende, sieht diese Widersprüche, um sie oftmals nur zu dokumentieren: so auch im Fall der Plagiatsaffäre um den Guttenberg-Sohn und früheren Verteidigungsminister Karl-Theodor. Zwar ist es ausgesprochen ehrenhaft, dass Guttenberg seinem Sohn vorbehaltlos den Rücken stärkte. Mit einigen verzichtbaren Medien-Auftritten hat Guttenberg jedoch den Verlust der eigenen Glaubwürdigkeit riskiert. Das galt auch für das nervige, höfische Livreen-Gehabe bei den Herrenchiemsee-Festspielen, mit denen die klugen Programme konterkariert wurden. Wer zudem frühzeitig zu einem Guttenberg-Konzert auf Herrenchiemsee anreiste, konnte schon mal lautes Proben-Gebrüll aus dem Spiegelsaal vernehmen. In solchen Momenten gerierte sich Guttenberg wie ein kleiner Arturo Toscanini, und davor waren auch Kollegen nicht sicher. Noch in bleibender Erinnerung ist ein Gastspiel der Bamberger Symphoniker 2006 unter Jonathan Nott. Als dieser nach der todesdüsteren Symphonie Nr. 15 von Dmitri Schostakowitsch einen schmissigen „Ungarischen Tanz“ von Johannes Brahms als Zugabe dirigierte, drehte Guttenberg durch. Er war eben ein „Bekenntnismusiker“, mit viel Haltung und Temperament. Als solcher hat es Guttenberg geschafft, aus der Chorgemeinschaft Neubeuern ein Spitzen-Vokalensemble zu formen. Mit der KlangVerwaltung konnte er ab 1997 auch seinen Instrumentalstil schärfen.

Sein kritischer Geist fehlt

In chronologischer Detailarbeit skizziert Etscheit die Entwicklung Guttenbergs zum Dirigenten: von den ersten Konflikten mit dem Vater bis zur Freundschaft mit Kent Nagano. Doch leider fehlt eine profunde Analyse von Guttenbergs Interpretationsstil. So ist die Bemerkung Guttenbergs gewiss erhellend, wonach man das Handwerkzeug von Dirigenten wie Nikolaus Harnoncourt oder John Eliot Gardiner „gut nutzen“ und gleichzeitig „sehr viel stärker emotionalisieren“ sollte. Auch ist es fraglos richtig, dass sich der „Spätstil Guttenbergs“ historisch informiert gibt: samt dosiertem Vibrato. Weitaus erhellender ist aber die Tatsache, dass Guttenberg seinen Lieblingssymphoniker Anton Bruckner ähnlich vibratolos gestalten ließ wie Roger Norrington. Auf Norrington kommt Etscheit nicht zu sprechen. Bei Gardiner fehlt hingegen der wichtige Hinweis, dass Guttenbergs Sicht auf das Mozart- und Verdi-Requiem eng mit dessen Interpretationen verbunden sind. Gerade das Verdi-Requiem zeigt zudem, dass Guttenberg in seinen Sichtweisen weitaus stabiler war, als Etscheit schreibt. Es reicht eben nicht aus, für die musikalische Seite Kritiken und Programmhefte durchzuforsten. Dafür aber offenbart das dennoch lesenswerte Buch schmerzlich, wie sehr Guttenbergs wacher, kritischer Geist und seine integre, kompromisslose Persönlichkeit fehlen.

Georg Etscheit, „Musizieren gegen den Untergang. Der Dirigent und Umweltschützer Enoch zu Guttenberg“ (Schott, 264 Seiten, 24.99 Euro)

 

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