Biografie des Bayern-Verteidigers Dante: "Ich komme von ganz unten"

Dante vor dem Hafen seiner Heimatstadt Salvador. Die Biografie „Ich, Dante“ (riva Verlag), ist seit 9.5. im Handel. Dante schrieb sie zusammen mit AZ-Reporter Patrick Strasser. Foto: privat

In „Ich, Dante“ beschreibt der Bayern-Star seine Kindheit in Brasilien und was die Familie für ihn bedeutet. Die AZ druckt exklusiv Auszüge.  

 

VON DANTE

Die Leute in meiner Heimat behaupten, ich sei ein typischer Mann aus Bahia. Was das heißen soll? Ich will versuchen, es zu erklären: Den Menschen aus meiner Region ist Materielles nicht so wichtig, dafür stehen die Familie, die Freunde und der Spaß am Leben über allem. Egal, wie es ihnen geht oder wie viel sie zum Leben haben, die Bahianos sind immer fröhlich und locker.

Wir brauchen nicht viel Geld, es ist die Lebensfreude, die zählt. Von daher unterscheidet sich das Leben ziemlich von dem in Europa. Ich sage es mal so: Wir können auch ohne Geld glücklich sein. Aber ohne Musik? Nein! Ohne Fußball? Unmöglich! Fußball ist Lebensfreude. Fußball ist Brasilien.

Und der Fußball lässt viele Menschen ihre Armut vergessen. 

Auch ich komme von ganz unten. Als ich ein kleiner Junge war, haben Mama und Papa, ein Kunstrestaurator, umgerechnet etwa 150 Euro im Monat verdient. Nachdem sich meine Eltern scheiden ließen – da war ich gerade zwei Jahre alt – arbeitete meine Mutter als Verkäuferin in einem Bekleidungsgeschäft und erhielt lediglich etwas mehr als den gesetzlichen Mindestlohn. Ich weiß also, was es bedeutet, mit sehr wenig auskommen zu müssen.

Und nicht nur das, ich bin zum Teil ohne Vater aufgewachsen, denn er zog von Salvador weg nach Belém, in den Norden Brasiliens, über 2000 Kilometer von meiner Geburtsstadt entfernt. Seine Firma gab ihm eine Festanstellung als Kunstrestaurator in Belém. Natürlich war er immer für mich da, aber dennoch weit weg.

Also kümmerte sich meine Mama allein um mich.

Wir blieben im Haus von Oma und Opa, den Eltern meines Vaters, und lebten auf wenigen Quadratmetern in einer kleinen Wohnung in einem Viertel, das Binóculo heißt. Ein armes Viertel, doch zum Glück sind es nicht die Favelas der Stadt, dort leben die Ärmsten der Armen.

Wir haben stets zu mehreren in einem Zimmer geschlafen, die kleine Küche war gleichzeitig der Aufenthaltsraum, weil im Wohnzimmer außer dem Sofa und dem Fernseher nicht viel reinpasste. Bis zu meinem 13. Lebensjahr war dies mein Zuhause. Danach konnte Mama sich eine eigene kleine Wohnung für meine zwei Jahre jüngere Schwester Dandara und für mich leisten.

Wo wir zuvor ohne die Großeltern gelebt hätten? Auf der Straße? Gut möglich.

Ich weiß es nicht. Nachdem Papa uns verlassen hatte, wurde ich als der ältere Bruder für Dandara eine Art Vaterersatz, zu ihrer Hauptbezugsperson. Natürlich habe ich sie hin und wieder ein wenig herumkommandiert und irgendwelche Regeln aufgestellt, wenn Mama nicht da war. Ansonsten hat immer sie für Ordnung gesorgt und unsere Schulaufgaben kontrolliert. Ihr ist nichts entgangen. Sie war auch relativ streng, schließlich musste sie uns ja ihre Autorität zeigen.

Ich erinnere mich noch gut an ein Beispiel: Mein Lieblingsgetränk hieß „Tubaína“, das war eine pappsüße, ungesunde Limonade, die in einer kleinen Flasche verkauft wurde, die wie eine Bierflasche aussah. Da wir die eigentlich nicht trinken durften, haben wir manchmal heimlich „Tubaína“ gekauft und dann umgefüllt. Aber Mama kannte natürlich den Trick, und wenn sie von der Arbeit nach Hause kam, hat sie uns manchmal aufgefordert: „Hey, lasst mich mal sehen, was in den Flaschen drin ist.“

Meistens ging es zwar gut und sie hat nichts gemerkt, aber wenn doch, dann gab es Ärger und Strafen – Fußballverbot etwa. Da meine Mutter von acht Uhr morgens bis 20 Uhr abends arbeiten musste, haben sich in der Zeit Oma und Opa um Dandara und mich gekümmert. Gestritten haben wir nur um Leckereien, gefüllte Teigtaschen etwa. Im Ernst: Sie hat das Haus in Schuss gehalten, ich war der Aufpasser.

Von Einbrüchen oder Überfällen sind wir zum Glück verschont geblieben. Wenn ich einmal ganz allein im Haus war, hatte ich Angst. War Dandara da, musste sie immer an der Haustüre Wache schieben – etwa wenn ich geduscht habe.

In der Pubertät kam dann ein anderes „Problem“ dazu: Dandaras erster Freund. Ich war sehr eifersüchtig, keiner der Jungs durfte ihr zu nahe kommen.

Wenn sie sich mit einem Jungen getroffen hat, blieb ich oft einfach mit im Raum und saß nur da, stumm, wie ein Bodyguard. Das ist eben der Beschützerinstinkt eines älteren Bruders. Ihren ersten Freund kannte ich vorher auch nicht, denn er stammte nicht aus meinem Bekanntenkreis. Das machte die Sache nicht gerade einfacher. Neben Dandara, die heute in einem Krankenhaus arbeitet, habe ich väterlicherseits noch zwei Halbbrüder: Lucas Luan und Ian Vital.

Was für verrückte Namen sich unser Vater immer ausgedacht hat! Zu Lucas, der sieben Jahre jünger ist als ich, habe ich heute einen sehr guten Draht. Er studiert in Salvador Umwelttechnik, war sogar ein Jahr auf einer Universität in Australien. Wie Papa hat er Dreadlocks, hört Reggae und surft. In den Schulferien kamen sie aus Belém meist nach Salvador, dann habe ich den ganzen Tag mit Lucas verbracht.

Natürlich wollte er mir, dem älteren Bruder, alles nachmachen. Er schaute zu mir auf und wollte immer mit in meinem Bett schlafen. Wir sind oft zum Strand gegangen, auf Portugiesisch „Praia“, haben Fußball gespielt oder Musik gemacht. Ich konnte ihm ein paar Samba-Rhythmen auf dem Pandeiro, dieser Rahmentrommel, beibringen.

Der Strand von Ondina, einem Stadtteil von Salvador, war unser Treffpunkt: Dort konnten wir uns austoben, Spaß haben, essen und trinken. Die „Praia" ist das Zentrum der Lebenslust, der Freudenort aller Brasilianer. Auch Silvester haben wir immer dort gefeiert. (...)

Weil Mama ja den ganzen Tag gearbeitet hat und erst spätabends nach Hause kam, war Opa João im Grunde mein Papa.

Er war immer für mich da, ebenso meine Oma Odair, sie war auch sehr, sehr wichtig für mich. In Abwesenheit von Mama hat sie mich erzogen. Beide haben mir viel beigebracht. Die Großeltern haben alles für mich gemacht, in der Zeit habe ich sie irgendwie als meine Eltern angesehen. Klar, wir haben ja auch in ihrem Haus gelebt.

 

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