Beziehungsdrama „Königin“ Frei von allen Konventionen?

Die Anwältin Anne (Trine Dyrholm) lässt sich auf ihren minderjährigen Stiefsohn Gustav (Gustav Lindh) ein. Foto: SquareOne Entertainment

Im Beziehungsdrama „Königin“ beginnt eine Anwältin mit ihrem 16-jährigen Stiefsohn eine Affäre – und macht das Publikum „Königin“ zur Richtern

 

Eine Frau, die alles im Griff hat: Das ist Anne, Anwältin für Familienrecht. Sie führt mit ihren beiden gut geratenen Zwillingstöchtern und ihrem Ehemann, einem erfolgreichen schwedischen Arzt, ein perfektes Leben. Eine „Königin“ im schicken Haus auf dem Land wie aus einem Schöner-Wohnen-Katalog, die gerne ihre liberalen Freunde einlädt und sich im Wohlfühlambiente bequem eingerichtet hat.

Der sorgsam gesponnene Kokon zerbricht, als der Sohn aus erster Ehe ihres Gatten in die Idylle kommt. Der rebellische Gustav beklaut die Familie, pflegt dubiose Freundschaften und hasst seinen Vater, der ihn über die Jahre ignoriert hat. Bald empfindet die über Vierzigjährige mehr als mütterliche Gefühle und verführt den 16-Jährigen. Durch die leidenschaftliche Affäre gerät ihre sichere Welt aus den Fugen. Ein Sündenfall mit tragischen Folgen.

Diese amourösen Verwicklungen sind im Kino nicht neu, aber May el-Toukhy (Tochter einer dänischen Mutter und eines ägyptischen Vaters) gelingt in diesem Melodram über subtile familiäre Machtstrukturen ein emotional spannendes Meisterstück mit der international renommierten Schauspielerin Trine Dyrholm („Das Fest“, „Die Kommune“, „Love is all you need“). In atmosphärischer Dichte spielt sie ihr Können in Höchstform aus und hat mit Gustav Lindh einen jungen, aber dennoch ebenbürtigem Partner neben sich. 

Die Lust ist im Lauf der konventionellen Ehe fast zerbröselt

Trine Dyrholm agiert als Jurstin auf zwei Seiten – und das grandios Wenn sie ihren reifen Körper im Spiegel betrachtet, erst skeptisch und dann doch stolz, spürt man die Selbstsicherheit und vielleicht auch Arroganz einer Frau, die gewöhnt ist, beruflich und privat zu bestimmen und plötzlich Gefallen am Risiko findet. Die sehr intimen Sexszenen rutschen nie ins voyeuristische oder pornografische, sondern strahlen Natürlichkeit und Lust aus. Eine Lust, die im Lauf der konventionellen Ehe fast unbemerkt zerbröselte.

Es ist bewundernswert, wie Dyrholm den Spagat schafft – zwischen arrivierter Anwältin, die für ihre Mandantinnen durchs Feuer geht, seien es Vergewaltigungsopfer oder unter familiärer Gewalt leidende Mädchen, und der Frau, die eigentlich ihren Stiefsohn „missbraucht“, der ihr sexuell ausgeliefert ist. Auch ein Opfer.

In einem improvisierten Interview fragt er sie mal: „Was ist deine größte Angst“. Ihre entlarvende Antwort lautet „Dass alles verschwindet“. Und in dem Moment als die Wahrheit ans Licht kommt und ihre bürgerliche Existenz in tausend Stücke zu zerspringen droht, entpuppt sie sich als egoistische Bewahrerin ihres Lebensstils – auf Kosten eines für dieses Spiel gefühlsmäßig nicht ausgerüsteten jungen Menschen. Was bleibt, sind Scham, Schuld und eine große Einsamkeit.

 

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