Bewohner auf einer griechischen Insel Kárpathos: Ein Juwel des Mittelmeers

Eine windstille See mit türkisblauem Wasser bietet der Strand von Apela. Foto: Christoph Bartscherer

Wie die Bewohner der griechischen Insel Kárpathos der Finanzkrise die Stirn bieten und sich zu behaupten versuchen.

Kárpathos - Zweieinhalb Flugstunden von München entfernt liegt Kárpathos. Mit einer Länge von 149 km und einer maximalen Breite von 11 km ist diese Insel, die geografisch zu den Südlichen Sporaden zählt, wesentlich kleiner als Kreta und Rhodos, zwischen denen es eine Art längliches Bindeglied bildet. Nur 6500 Menschen leben auf diesem felsig-schroffen, von wuchtigen Felsmassiven und schwindelerregenden Abgründen beherrschten Eiland, dessen höchster Berg, der Kali Limni, immerhin eine Höhe von 1215 Metern erreicht.

Doch auch wenn Kárpathos die sanfte Anmut eines Südsee-Atolls fehlt, besitzt es einen herben Charme und eine Schönheit, die Trauminseln wie den Cook Islands oder Bora Bora in nichts nachsteht. Denn der Facettenreichtum der Insel ist beeindruckend. So gibt es auf ihr nicht nur spektakuläre Pass-Straßen mit archaischen Bergdörfern oder felsige Kiesstrände mit meterhohen Wellen, die zum Surfen einladen, sondern auch türkisblau schimmernde Buchten mit verschlafenen Kiefernhainen und malerische Fischerdörfer mit menschenleeren Stränden.

Aber ist diese äußere Schönheit nicht eine Fassade, hinter der sich die gnadenlose Wirklichkeit der griechischen Finanzkrise verbirgt? Wie geht es eigentlich den Menschen auf Kárpathos? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, suche ich das Gespräch mit verschiedenen Inselbewohnern.

„Der Mittelstand zahlt die Zeche, die Reichen haben Steuervorteile“

In einer Taverne am Meer begegne ich Kostas Lambridis, einem 39-jährigen Musiker aus Athen, der die Sommermonate auf Kárpathos als Kellner verbringt. Er ist ein höflicher, aber zurückhaltender Mann mit ausgesprochen guten Manieren und einer unaufdringlichen, bescheidenen Art. Acht Jahre lang hat er klassische Gitarre, Komposition und Arrangement in Athen studiert und eine Zeit lang für 600 Euro brutto pro Monat Privatunterricht erteilt. Aber da das für ihn und seine 7-jährige Tochter hinten und vorne nicht reicht, ist er seit mehreren Jahren gezwungen, auf Kárpathos im Sommer zu kellnern.

„Meinen Freunden und Bekannten in Athen geht es nicht besser“, erzählt er. „Denn 500 bis 600 Euro brutto verdienen die meisten von ihnen im Durchschnitt. Wer wie meine Schwester, die Rundfunkjournalistin und Liedtexterin ist, 1000 Euro im Monat bekommt, darf sich glücklich schätzen.“ Er berichtet, dass in der 6-Millionen-Metropole Athen, in der die Hälfte der griechischen Bevölkerung lebt, die Depression den Menschen mittlerweile ins Gesicht geschrieben steht – was bei einer Arbeitslosenquote von rund 25 Prozent kaum verwunderlich ist. „Der Mittelstand zahlt wie immer die Zeche und wird steuerlich belangt. Die Reichen bekommen hingegen wie zum Hohn auch noch Steuervorteile“, klagt er.

Als ich Kostas am nächsten Tag in einem Lokal wiedertreffe, will er sich von mir nicht einladen lassen. Vielmehr ist er es, der mir ein Bier spendiert.

Nach Einbruch der Dunkelheit begebe ich mich in die Cocktail-Bar „Stema“ im Zentrum von Arkássa, einem 500-Seelen-Dorf im Westen der Insel. Sie gehört Manolis Diakomihalis, einem Einheimischen, mit dem ich mich vor fünf Jahren bei meinem ersten Besuch auf Kárpathos angefreundet habe. Seine Bar, in der bei fetziger Tanzmusik bis zum Tagesanbruch exotische Drinks angeboten werden, lebt von seiner Herzlichkeit sowie der Attraktivität seiner drei Mitarbeiterinnen Evelina, Artemis und Alina.

Hier finden sich nicht nur Rucksacktouristen und Surfer aus ganz Europa ein, sondern auch zahlreiche Einheimische, um sich nach vollbrachtem Tagwerk zu entspannen. Dieses internationale Flair genießt Manolis, denn er selbst lebt den Winter und Frühling über in Kopenhagen, der Hauptstadt Dänemarks. Seit mehreren Jahren ist er mit Iben, einer eleganten dänischen Grafikdesignerin, verheiratet, mit der er ein fünfjähriges Töchterchen hat.

„Wenn wir die EU verlassen, dann sind wir tot“

Manolis ist einer, der es geschafft hat und der daher entsprechend optimistisch in die Zukunft blickt. „Eigentlich“, so gesteht er mir, „geht es mir als Bar-Betreiber von Jahr zu Jahr besser. Ich glaube: Wenn man Dinge mit dem Herzen und aus voller Überzeugung macht, dann kann man auch in Griechenland richtig erfolgreich sein.“ Obwohl die finanzielle Situation auf der Insel, die von der Flüchtlingsflut bislang verschont blieb, seit zehn Jahren relativ stabil ist, räumt er allerdings ein, dass die Lage vieler junger Menschen prekär ist. „Viele meiner Freunde arbeiten in den USA, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, aber den Sommer über sind sie dann wieder hier. Denn sie alle wissen: Kárpathos ist eine großartige Insel, sie ist der Diamant des Mittelmeerraums. Mich zum Beispiel hat sie zu dem gemacht, was ich bin. Deshalb bin ich auch glücklich und stolz, hier leben zu dürfen.“

Und wie soll die Zukunft aussehen? „Ich wünsche mir bessere griechische Politiker, denn die meisten von ihnen haben mein Land zerstört. Und ich wünsche mir aufrichtig, dass Griechenland EU-Mitglied bleibt: Denn wenn wir die EU verlassen, dann sind wir tot!“

Manolis ist wie die meisten Kárpathioten aufrichtig und warmherzig. Und gastfreundlich und hilfsbereit. Was griechische Hilfsbereitschaft bedeutet, das habe ich vor zwei Jahren erleben dürfen, als ich bei einem nächtlichen Ausflug zum Meer die Steintreppe hinunterstürzte, die zum Strand führte, und mir eine klaffende Wunde am Ellbogen zuzog.

Was tun? Immerhin war es bereits vier Uhr morgens. In meiner Not lief ich zur „Stema“-Bar, die zwar bereits geschlossen war, aber vor der sich noch zwei Freunde von Manolis unterhielten. Im Nu hatten sie den Ernst der Lage erkannt, mich in ein Auto gesetzt und in einer halsbrecherischen Fahrt in das einzige nennenswerte Krankenhaus der Insel in die Hauptstadt Pigádia gefahren. Da dort kein Operateur anwesend war, setzten sie das Personal so lange unter Druck, bis schließlich ein Arzt herbeigerufen wurde. Nach Begutachtung und Desinfizierung der Verletzung begann dieser sogleich damit, die Wunde zu nähen.

Nie haben meine beiden „Schutzengel“ eine Gegenleistung für ihre Hilfe von mir verlangt, und nie hat der mich behandelnde Arzt mir eine Rechnung geschickt. Auf meine Nachfrage teilte mir das Krankenhaus mit: „Das geht in Ordnung! Sie müssen uns nichts bezahlen!“

„Wenn Du juristische Probleme hast, werde ich Dich vertreten!“

An einem der nächsten Tage fahre ich mit einem Mietauto nach Ólympos, das als eines der schönsten Bergdörfer Griechenlands gepriesen wird. Vor einigen Jahren war die Fahrt dorthin – außer mit dem Schiff – nur mit einem Jeep möglich, da lediglich ein steil zum Meer abfallender Schotterweg in dieses abgelegene Dorf im Norden der Insel führte. Obwohl inzwischen viele Tagestouristen den Ort auf der gut ausgebauten Teerstraße besuchen, haben die Ólymbiten sich eine gewisse Autarkie bewahrt. Anders als die Südinsel, die ursprünglich von den Minoern und Mykenern besiedelt wurde, stammen die Einwohner von Ólympos von den Dorern ab, was sich an vielen sprachlichen Wendungen heute noch erkennen lässt.

Beim Gang durch das Dorf spricht mich eine Frau in traditioneller olymbitischer Tracht an und bietet mir ihre handgestickten Tücher an. Da sie mir einen fairen Preis nennt, kaufe ich ihr eine Tischdecke ab. An der Kasse ihres kleinen Geschäfts sitzt ihre hübsche Tochter Manuela, mit der sich ein unverbindlicher, aber von Sympathie getragener Dialog entspinnt.

Ob sie diese Arbeit gerne mache, möchte ich wissen. Eher nicht, meint sie. Sie habe soeben ihr Jurastudium abgeschlossen und werde in Kürze ein praktisches Jahr als Juristin auf Rhodos absolvieren. Danach werde sie sich dann entscheiden, ob sie Richterin, Staats- oder Rechtsanwältin werden wolle.

„Ich interessiere mich übrigens für deutsche Literatur“, sagt sie, „auch wenn ich kein Deutsch kann. Von Hermann Hesse habe ich z. B. ‚Siddhartha‘ und ‚Narziss und Goldmund‘ gelesen.“ Ich empfehle ihr, sich auch einmal mit Heinrich Böll und Friedrich Dürrenmatt zu befassen. Nächstes Jahr würde ich dann ihre Lektürekenntnisse überprüfen.

„Bis nächstes Jahr!“, antwortet sie mir lachend. „Und wenn Du einmal in Griechenland juristische Probleme haben solltest, werde ich Dich vertreten!“

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