Betroffene berichten Alleinerziehend und berufstätig in München: So soll's klappen

"Ich bin flexibel": Rita M. hat viel Freude im neuen Job. Bewerbungen schreibt sie dennoch weiter. Foto: Daniel von Loeper

Der Spagat zwischen Kind und Berufstätigkeit ist gerade für Alleinerziehende besonders groß. Ein Programm hilft seit nunmehr zehn Jahren, diese Herausforderung zu bewältigen. Zwei Erfahrungsberichte.

 

München - Den Job und die Kinder zu vereinen – für viele Familien in München ist das die große Herausforderung. Arbeits- und Betreuungszeiten sind meist schwer zu vereinbaren. Und am Ende muss – gerade im teuren München – genug Geld übrigbleiben.

Noch schwieriger ist das, wenn man keinen Partner hat, mit dem man die Aufgaben teilen kann. 141.900 Haushalte mit Kindern gibt es in München, in 28.380 davon lebt nur ein Elternteil, ein Anteil von 20 Prozent. Von diesen Alleinerziehenden beziehen laut Jobcenter 7.122, das sind 25 Prozent, "Leistungen der Grundsicherung für Arbeitssuchende", also Arbeitslosengeld II.

Alleinerziehend, arbeitslos - "das geht ganz schnell"

"Das man da hineinrutscht, geht ganz schnell", erzählt Jutta Elisabeth K. (46), die selbst alleinerziehend ist und – noch – ohne Arbeit. K., Mutter von zwei Kindern, hat einst studiert, war festangestellt, arbeitete viel im Homeoffice. Doch als ihr autistischer Sohn eingeschult wurde und sich dort schwer tat und zugleich die Betreuungseinrichtung der Tochter schloss, war sie bald am Ende ihrer Kräfte. Der Job war schließlich weg, drei Jahre lang war sie arbeitslos. Heute ist sie wieder auf dem Sprung in den Arbeitsmarkt– mit Hilfe des Programms "oktoFamily", einem Projekt des Jobcenters München und der Deutschen Angestellten Akademie (DAA).

Seit zehn Jahren hilft man dort Alleinerziehenden auf dem Weg zurück in den Job. Von der gut ausgebildeten Akademikerin bis zur jungen Mutter, die es nach dem Schulabschluss wegen der Kinder nicht geschafft hat, eine Ausbildung zu machen, ist alles dabei, erzählt Anette Farrenkopf, Geschäftsführerin des Jobcenters München.

Kinderbetreuung und Job schließen sich oft aus

Die Frauen werden geschult und fit gemacht, vom richtigen Bewerben bis zum Sprachzertifikat. Und: Es geht auch um sozialpädagogische und psychologische Unterstützung, sei es mit Methoden zur Stressbewältigung oder weil jemand Schulden hat. Die Belastungen für Alleinerziehende sind vielfältig, so ganzheitlich muss auch die Hilfe sein.

"Man hat sich die Situation nicht ausgesucht, es ist toll, dass man auch seelische Unterstützung bekommt", sagt Rita M. Die 48-Jährige ist eigentlich gelernte Fremdsprachenkorrespondentin, arbeitete als Anwaltsassistentin und zuletzt als Immobilienberaterin, doch die Betreuungszeiten ihrer kleinen Tochter und der Job waren nicht vereinbar. Auch Rita M. fand dank des Programms einen neuen Beruf – in einer ganz anderen Richtung.

Sie unterstützt nun ein behindertes Kind als Schulbegleiterin und ist begeistert. "Ich kannte das gar nicht, aber man muss flexibel sein", sagt sie. Weiter bewerben und beruflich weiterentwickeln, will sie sich trotzdem, vielleicht im sozialen Bereich, vielleicht in Richtung des alten Jobs. Anette Farrenkopf würde jedem Arbeitgeber Alleinerziehende empfehlen: "Sie sind echte Organisationstalente."


Job-Center-Chefin: "Minijobs sind eine Falle"

"Die Integration von Erziehenden und Alleinerziehenden in den Arbeitsmarkt ist uns im Jobcenter eine Herzensangelegenheit und ein Schwerpunkt", sagt Jobcenter-Geschäftsführerin Anette Farrenkopf.

Dabei wird schnell klar: Die Schwierigkeiten liegen vor allem bei der Ausbildung, der Betreuungssituation und beim Verdienst.

Von den rund 7.000 Alleinerziehenden, die das Jobcenter betreut, sei fast die Hälfte vier Jahre und länger im Leistungsbezug. "Das liegt meist weniger an der Person als an der Situation", so Farrenkopf. 35 Prozent der Alleinerziehenden in der Grundsicherung arbeiten, das Einkommen reicht jedoch nicht für den Lebensunterhalt. Das liegt auch daran, dass über 50 Prozent der sozialversicherungspflichtig Tätigen Teilzeit arbeiten. Gerade im teuren München ein Problem.

Schulabschluss aber kein Berufsabschluss

Ein weiterer Aspekt: Rund 71 Prozent der arbeitslosen Alleinerziehenden in der Grundsicherung haben keinen Berufsabschluss, trotz oft guten Schulabschlusses. Das Jobcenter versucht deshalb, auch mit Blick auf den späteren Verdienst, Aus- und Weiterbildungen zu fördern. Die Möglichkeit von Ausbildungen in Teilzeit etwa sei bei vielen Arbeitgebern noch zu wenig bekannt, so Farrenkopf. Sie warnt außerdem vor Minijobs: Das erscheine zwar oft unkompliziert, die Tätigkeiten seien aber oft unter Qualifikation und wegen des niedrigen Verdienstes "eine Falle".

Auch im Programm mit der DAA vermittelt man deshalb in sozialversicherungspflichtige Jobs. Seit Beginn vor zehn Jahren haben rund 2000 Alleinerziehende an dem Projekt teilgenommen, sechs von zehn gelang nach durchschnittlich acht Monaten der Einstieg in den Job. 84 Prozent behielten diesen auch.

Immer öfter droht sogar Obdachlosigkeit

Doch wie Betreuerin Heike Kuhfuß berichtet, gibt es seit zwei Jahren ein neues Problem: das Wohnen. Jede Zweite bringe das Thema zu Beginn der Beratungen mit. "Viele sind unfassbar traurig über ihre katastrophalen Wohnsituationen und wollen nur noch weg." Die Beraterin hilft deshalb bei Bewerbungen in die ganze Republik. Noch schlimmer: drohende Wohnungslosigkeit. Eine ihrer Klientinnen habe gerade ihre Wohnung verloren, lebe nun mit ihren Kindern in einer Pension. Zwei weiteren stehe dies in den nächsten Monaten bevor. Solche Ausnahmesituationen machten alle Bemühungen kaputt, so Kuhfuß.

Und es gibt auch Fälle, in denen sie weiß, dass sie während der zwölf Monate, in denen das Programm läuft, nicht wird helfen können: "Wenn eine Frau im September ohne Betreuungsplatz da steht, gibt es noch bis maximal November eine kleine Chance auf Nachrückplätze. Klappt das nicht, ist klar, dass es bis zum nächsten September keine Chance gibt."

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