Betroffene aus München berichten Kurzarbeit wegen Corona: "Das Hochzeitsgeld rettet uns"

Kurzarbeit wegen Corona: Betroffene aus München berichten. Foto: privat

Circa 33.000 Münchner befinden sich aufgrund der Coronavirus-Pandemie in Kurzarbeit. Die AZ hat mit betroffenen gesprochen und sie zur aktuellen Situation befragt. 

 

München - Die Coronavirus-Pandemie hat immer größere Auswirkungen für die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt. Immer mehr Arbeitnehmer befinden sich in Kurzarbeit und müssen so in den kommenden Monaten auf wichtige Einnahmen verzichten.

Die AZ hat mit Menschen aus verschiedenen Branchen gesprochen und sich mit ihnen über ihre aktuelle Lage ausgetauscht.

Das sagt eine Projektmanagerin

Katharina (34): "Ich arbeite als Projektmanagerin und Kundenberaterin in einer kleinen Werbeagentur. Unsere Kunden kommen fast alle aus der Modebranche und müssen ebenfalls jetzt in Kurzarbeit gehen. Letzte Woche gab es zumindest noch ein bisschen was zu tun bei uns, seit Montag ist das vorbei, ich bin jetzt daheim. Auf Abruf. Aber dafür müssen ja erst einmal Aufträge reinkommen. Nächsten Monat werde ich auf zehn Prozent meiner Arbeitszeit gehen. Finanziell ist die Situation schwierig für mich. Ich wohne allein und zahle fast 800 Euro Miete. Mit dem Kurzarbeitergeld wird das wirklich knapp werden.

Nach Abzug der Miete habe ich damit noch 400 Euro für Strom, Internet, Versicherungen und Essen. Und für meine beiden Katzen, die auch versorgt werden wollen. Dazu kommen die ganzen Verträge, die man nicht sofort kündigen kann, das Fitnessstudio zum Beispiel. Um mir all das leisten zu können, habe ich jetzt erstmal meine Rentenbeiträge heruntergeschraubt. Im Notfall werde ich meine Eltern um Hilfe bitten müssen. Aber toll ist das nicht, immerhin bin ich schon Mitte 30. Ich finde, zumindest für die Leute in den großen, teuren Städten müsste das Kurzarbeitergeld aufgestockt werden.

Da kann man sich ja schon allein wegen der Mieten kein finanzielles Polster anlegen und ist damit jetzt aufgeschmissen.Klar, die Bundesregierung hat angekündigt, die nächsten Monate keine Zwangsräumungen durchzuführen – aber jetzt einen Berg Schulden anzuhäufen, den man dann den Rest seines Lebens abtragen muss, ist auch keine gute Perspektive. Ich werde jetzt wohl versuchen, mir einen zweiten Job zuzulegen. Vielleicht kann ich irgendwo Regale einräumen oder so – für meinen jetzigen Arbeitgeber wäre das in Ordnung, solange ich das zeitlich mit ihm abstimme.

Aber wir müssen sowieso hoffen, dass unsere Firma überhaupt die nächsten Monate überlebt. Für die ganzen kleinen Firmen geht es jetzt ums Überleben. Auch für die, in der ich arbeite. Am schlimmsten finde ich die Ungewissheit. Dass niemand sagen kann, wie lange das jetzt noch geht, das macht mich richtig fertig."

"Ich arbeite gezielter"

Lina Haas (26): "Ich arbeite in einer Consulting-Firma, die Trainings für Führungskräfte, Workshops und Coachings anbietet. Vor zwei Wochen sind wir in Kurzarbeit gegangen – die meisten unserer Trainings sind nur im persönlichen Kontakt möglich. Nächsten Monat werden wir in Winterschlaf gehen und unsere Arbeitszeit auf Null runterschrauben.

Ich komme mit den 60 Prozent meines Gehalts, die ich jetzt bekomme, noch ganz gut über die Runden. Vor allem, weil ich Glück mit meiner Wohnung hatte und meine Miete halbwegs bezahlbar ist. Aber für viele meiner Kollegen wird es jetzt finanziell eng, gerade für die, die Kinder daheim haben.

Vor der Corona-Krise haben wir nach Vertrauensarbeitszeit gearbeitet. Jetzt, in der Kurzarbeit, muss ich plötzlich meine Stunden ganz akribisch auflisten. Das hat mir einen ganz neuen Tagesablauf beschert. Ich arbeite jetzt gezielter an einzelnen Projekten, mache nicht mehr sieben Dinge gleichzeitig, sondern arbeite einen Punkt nach dem anderen ab.

Unser Team videokonferiert aktuell quasi täglich. Und wir werden sicher auch in Kontakt bleiben, wenn unsere Arbeitszeit auf Null runtergegangen ist, dann eben privat. Wir haben jetzt schon drei neue Whatsapp-Gruppen und schicken uns regelmäßig Updates über unser Leben. Wir mögen uns."

"Ich bin nur ein Verkäufer-Seelsorger"

Jürgen Elsne (56), Serviceleiter in einem Münchner Gastronomie- und Bäckereiunternehmen: "Wir sind letzte Woche in Kurzarbeit gegangen. Der Betrieb, in dem ich arbeite, ist ein Einzelhandelsunternehmen mit integrierter Gastronomie. Das bedeutet, wir mussten einen Teil unseres Geschäfts schließen. Vor allem, dass wir die Sonnenterrasse zumachen mussten, trifft uns finanziell hart. All unseren 450-Euro-Jobbern wurde deshalb gekündigt, der Rest der Belegschaft ist in Kurzarbeit. Ich arbeite jetzt drei bis vier Tage die Woche. Damit habe ich einen Verdienstausfall von 20 bis 30 Prozent. Ob wir diese Arbeitsmenge werden halten können, wird sich erst am Monatsende zeigen.

Die freie Zeit nutze ich, um Dinge zu machen, zu denen man sonst nie kommt: Dokumente sortieren, Wohnung umräumen... Schade, dass der Baumarkt zu hat, sonst wäre ich da gleich vorbeigefahren. Die Dimension der Veränderungen, die grade passieren, finde ich unglaublich! Diese Verletzlichkeit, die wir plötz lich alle zu spüren bekommen – die hätte sich vorher niemand so vorstellen können. Ich merke auch, wie die Krise den Umgang der Menschen miteinander verändert hat. Alle sind jetzt ängstlich, aber auch ehrlicher. Die Floskelhaftigkeit ist verschwunden.

In der Arbeit versuche ich, unseren Kunden ein gewisses Gefühl von Normalität zu vermitteln. Viele wollen reden, alte Menschen, Risikogruppen, verunsicherte Touristen. Ich verkaufe ihnen einen Kuchen und versuche, Optimismus zu versprühen. Gewissermaßen bin ich seit ein paar Wochen ein Verkäufer-Seelsorger."

"Hochzeitsgeld rettet uns"

Sabina Stulajterova (27), Köchin in der "Lekkerei": "Bei uns im Betrieb ist die Krise sehr schnell eingeschlagen. Als Cateringservice beliefern wir eigentlich große Events und Firmenveranstaltungen. Aber schon vor Beginn der Ausgangssperre haben viele Unternehmen auf Heimarbeit umgestellt und ihre größeren Veranstaltungen gecancelt.

Deshalb haben wir unseren Betrieb zu einem Lieferservice umgebaut. Für mich ist das eine Umstellung. Vorher habe ich für Hunderte Leute gleichzeitig gekocht, jetzt bereite ich Gerichte für Einzelpersonen vor. Wir haben eine komplett neue Karte, eine neue Homepage und ganz neue Arbeitsabläufe. So ist es uns gelungen, zumindest einen Teil des Betriebes aufrecht zu erhalten.

Mein Freund ist auch Koch, der hatte nicht so ein Glück. Bei ihm wurde einfach von einem Tag auf den anderen der Betrieb eingestellt, er ist jetzt ebenfalls in Kurzarbeit – mit null Stunden Arbeitszeit. Finanziell ist das hart. Denn es ist ja nicht nur der Lohn, der auf 60 Prozent runtergeht. Es fallen auch die ganzen Zuschläge weg, Abendzuschläge, Wochenendzuschläge und so weiter.

Eigentlich wollten wir Anfang Juni heiraten. Das Geld, das wir für die Hochzeit gespart hatten, verwenden wir nun, um irgendwie über die Runden zu kommen. Auf diese Art werden wir noch drei oder vier Monate durchhalten können, das Hochzeitsgeld rettet uns. Was danach kommt, weiß ich auch nicht.

Von der Bundesregierung erwarte ich mir nichts. Die hat ja bisher auch nicht geholfen. Die Schulschließungen kamen viel zu spät, da war das Virus schon verbreitet. Weil die Regierung nicht rechtzeitig gehandelt hat, werden wir jetzt viel länger nicht arbeiten können. Alles Geld geht an die großen Konzerne, kleine Betriebe wie unserer werden im Stich gelassen. Immerhin hält unser Team zusammen. Jetzt in der Krise versuchen alle im Betrieb, sich gegenseitig zu unterstützen, wir sind wie eine große Familie. Das ist toll. Und: Plötzlich habe ich mal Zeit für meinen Freund und meine Familie. Man verbringt ja sonst so viel Zeit mit Arbeiten, dass man darin vollkommen untergeht. Da ist bei allen Sorgen einmal ein wenig Zeit für das richtige Leben zu haben, schon ganz schön."

Lesen Sie hier: Münchner Pflegeheime starten Aufruf 

 

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