Besuch in Schaltleitung Die Strom-Wärter: Angst vor dem Blackout

In der Schaltleitung von Tennet in Dachau wird die bayerische Stromversorgung überwacht. Die AZ war vor Ort und sprach mit den Menschen, die eine der wichtigsten Aufgaben Bayerns erfüllen

 

Dachau - Auf dem Weg ins Allerheiligste: Zu viert quetschen wir uns in den engen Raum zwischen den Türen und warten bis die Sicherheitsschleuse uns freigibt – die erste von dreien, die wir überwinden müssen, um in den Überwachungsraum der Schaltleitung zu kommen. Hier wird das gesamte Stromübertragungsnetz Bayerns überwacht. Wenn hier was schief läuft, gehen in Bayern buchstäblich die Lichter aus. Beim Netzbetreiber Tennet in Dachau riecht es steril, wie in der Zahnarztpraxis. Im Überwachungsraum gibt es drei Arbeitsplätze, rund um die Uhr besetzt, jeder mit mehreren Bildschirmen, die komplizierte Netzpläne zeigen. Andreas Schiller ist der Chef der Schaltleitung – in letzter Zeit ein immer nervenaufreibender Job.

Seit beachtliche Mengen Ökostrom durch unserer Leitungen fließen, schnellt Schillers Adrenalinpegel öfter mal in die Höhe. Das Erneuerbare Energien-Gesetz schreibt Tennet wie auch den anderen Netzbetreibern vor, so viel Ökoenergie ins Netz einzuspeisen wiemöglich. Doch Elektrizität aus Wind- oder Sonnenenergie ist vomWetter abhängig, kann auch mal von einer auf die andere Stunde ausfallen – anders als Strom aus Atom-, Gas- oder Kohlekraftwerken. „Wir müssen immer öfter in das Netz eingreifen“, berichtet Schiller. „Im vergangenen Jahr rund tausend Mal. Es verging kaum ein Tag ohne Eingriff.“

Ein Eingriff ist ernst, ganze Leitungen werden zu- oder abgeschaltet, Windparks vomNetz genommen. Anders als früher spielt die Wettervorhersage eine immer größere Rolle. Wenn etwa viel Wind weht, kann das täglich die Strommenge von 20 Großkraftwerken ausmachen. Doch wann genau wird wieviel Wind wehen? Selbst die genaueste Prognose ist für die Strom-Manager unter Umständen nicht verlässlich genug. „Eine unserer Hauptaufgaben ist, das Gleichgewicht zwischen Erzeugung und Verbrauch von Strom zu erhalten“, sagt Andreas Schiller. Als Puffer hat er die Energie aus „Regelkraftwerken“ – zum Beispiel Gaskraftwerke, die einigermaßen schnell hoch- oder runtergefahren werden können. Am einfachsten wäre es für Tennet, Strom einfach irgendwo zwischenzuspeichern – aber das ist sehr aufwendig. Also versucht Schiller nach Kräften, Stromverbrauch- und Einspeisung im Netz aufeinander abzustimmen – etwa dann, wenn die Fotovoltaikanlagen auf Bayerns Hausdächern viel Strom liefern. „Es kann vorkommen, dass wir an Wochenenden bei schönem Wetter die Sonne aus Bayern raus transportieren.“ Das Schlimmste wäre ein Blackout, ein Stromausfall, weil die Netze streiken. „Wenn man Gegenmaßnahme für Gegenmaßnahme trifft und es reicht nicht, kann es schon sein, dass die Anspannung steigt“, sagt Schiller. „Die allerletzte Möglichkeit um Schlimmeres zu verhindern wäre, dass wir einzelne Verbraucher vom Netz nehmen, etwa einzelne Stadtbezirke. Das ist aber nochnie vorgekommen.“ Zum Glück. lku

 

2 Kommentare