Besuch in Asylbewerberunterkunft Frust auf sieben Quadratmetern: So geht es Flüchtlingen in München

Baracken, Wäscheleinen, Menschen, zur Untätigkeit verurteilt. Eine Münchner Asylbewerberunterkunft in der Franz-Mader-Straße. Foto: Mike Schmalz

Nach der spektakulären Hungerstreik-Aktion: Wie geht es Asylbewerbern in München? Langeweile, Misstrauen und Ungewissheit sind die schlimmsten Plagen für die Bewohner.

 

Neuhausen - Das Schlimmste, sagt Emeka, ist die Langeweile. Die junge Frau sitzt auf ihrem Bett und trinkt Saft aus einem Milchkännchen, ein Glas besitzt sie nicht. Die Schwangere wartet auf Asyl. Doch was Asyl ist, lernte die Nigerianerin erst in Deutschland. „Ich wusste nicht, dass ein Mensch illegal sein kann.“

Vier Baracken stehen versteckt im Grün des Postsportparks in Neuhausen. Die Franz-Mader-Straße ist eine von Münchens neun „Gemeinschaftsunterkünften“ – den Asylheimen. Etwa 95 Flüchtlinge leben hier, in ganz München sind es etwa 1100.

Zimmer reiht sich an Zimmer, die Wände sind so dünn, dass Emeka ihren Nachbarn im Schlaf atmen hört. Im Flur stehen Kinderwägen, vor den Türen liegen Dutzende von Schuhen.

Sieben Quadratmeter Wohnfläche pro Person – das ist der bayerische Mindeststandard. Vor 2010 waren es 3,5 Quadratmeter, damals drängten sich 190 Flüchtlinge in die kleinen Räume. Es ist ein Ort des Wartens. Einige Flüchtlinge sind schon seit Jahren hier. Sie sind geduldet, dürfen Deutsch lernen – aber nicht arbeiten. Andere warten auf ihr Asyl-Interview, wieder andere klagen gegen die Abschiebung. Eine Reiseerlaubnis fehlt den meisten, sie sind gebunden an eine Stadt, in der sie sich mit 150 Euro Taschengeld fast nichts leisten können.

Abenteuerliche und gefährliche Wege liegen hinter ihnen. Zu Fuß und mit dem Bus, erzählt Emeka, habe sie im Winter 2012 die Wüste Algeriens durchquert. In Tunesien bezahlte sie einen Schleuser, per Schiff kam sie nach Griechenland. Ein weiterer Schleuser versteckte sie in einem Lastwagen. In Trudering ließ man sie raus. 5000 Dollar hat sie bezahlt. Das Geld, sagt sie, hat sie erarbeitet. Wie, das will sie nicht erzählen.

Ob die Geschichten der Flüchtlinge stimmen, lässt sich nur schwer prüfen. Sie sind verpflichtet, Beweise über ihre Identität und ihre Reise vorzulegen – Geburtsurkunden etwa oder Folterspuren. Greift die Polizei einen Flüchtling in einem EU-Land auf, speichert sie seinen Fingerabdruck. Wenn die Behörden so herausfinden, dass der Flüchtling seinen Fuß bereits in ein anderes Land Europas gesetzt hat, schicken sie ihn zurück. Nur nicht mehr nach Griechenland. Dort ist es besonders schlimm für Asylbewerber. Das System funktioniert dort nicht mehr.

Reda und Gitti Zadran sind Zwillinge aus Afghanistan. Die damals 14 Jahre alten Mädchen fliehen vor ihrem Onkel, der ihren Vater umbrachte, und sie bedrohte. Sie landen am Flughafen München - und kommen in ein Kinderheim am Mangfallplatz. „Dort war es super“, sagen die 16-Jährigen.

Die Mädchen besuchen die Hauptschule, in ihrer Klasse ist kein einziger deutscher Schüler. Zum ersten Mal sehen sie Frauen ohne Kopftuch. In ihrer Freizeit gehen sie zu H&M und träumen von den Kleidern, die sie sich nicht leisten können. Nach einigen Monaten kommt die Mutter nach. Seitdem lebt die Familie in der Franz-Mader-Straße. Die Mädchen haben Deutsch gelernt, haben sich eingefunden. Nach ihrem Hauptschulabschluss wollen sie eine Ausbildung machen, zur Arzthelferin oder Bankkauffrau vielleicht. Sie mögen Deutschland – und wollen hier bleiben. In ihrem letzten Zeugnis hatten sie sehr gute Noten. Wenn sie ihren Hauptschulabschluss bestehen und einen Ausbildungsplatz ergattern, wird ihre Aufenthaltsgenehmigung verlängert. Dann, sagen sie, kann es sein, dass sie ihre eigene Wohnung bekommen.

Unter den Flüchtlingen, erzählen die Mädchen, herrscht kaum Vertrauen. Die Mädchen tragen ihre Schlüssel immer um den Hals. Ihre Zimmer sperren sie sogar von innen ab. Wenn sie in der Gemeinschaftsküche kochen, lassen sie ihre Töpfe und Pfannen nicht aus dem Auge; zu oft schon ist etwas verschwunden. „Da drüben“, sagt Reda und zeigt auf die gegenüberliegende Baracke, „wohnen lauter Afrikaner. Ich kenne dort niemanden“. Viele Flüchtlinge teilen ein ähnliches Schicksal – und doch teilen sie es kaum miteinander. Der Innenhof ist am lauen Abend menschenleer.

Vielleicht waren die Bewohner auch deswegen verwundert, als Ashkan Khorasani, der Sprecher der Flüchtlinge vom Hungerstreik, in die Baracken kam. Er verteilte Flyer und hängte Poster auf. Er plädierte für bessere Verhältnisse – und Solidarität.

„Er wollte, dass ich mitstreike“, erzählt Emeka. „Weil ich schwanger bin, sei das besonders effektiv.“ Khoransani wurde vielfach kritisiert, die Flüchtlinge instrumentalisiert zu haben. „Es ist nicht der richtige Weg“, sagt Emeka. Sofortiges Asylrecht stehe niemanden zu, findet sie. Dass sie warten muss, sieht sie ein. Andere Flüchtlinge haben von dem Hungerstreik nichts mitbekommen, als sie davon hören, schütteln sie nur ihren Kopf. „Jetzt“, sagt ein Mann aus Somalia, „werden sie doch erst recht abgeschoben“.

Emeka sitzt auf ihrem Bett. Im Fernsehen läuft ein deutscher Spielfilm, aber um was es geht, weiß sie nicht. Nur selten versteht sie mal ein Wort, dann schaut sie es im Wörterbuch nach und schreibt es sich auf. Sie möchte Deutsch lernen, arbeiten, ein Leben anfangen. Vor allem aber will sie, dass die Langeweile aufhört.

 

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