Beschwerdestelle der Stadt Das läuft schief in Münchens Pflege

Immer mehr Menschen in München sind auf Hilfe angewiesen. Einige sind mit der Pflege unzufrieden. Foto: Oliver Berg/dpa

Schlechte Versorgung, Personal-Wirrwarr, undurchsichtige Rechnungen. 3.000 Mal im Jahr mischen sich Expertinnen der Stadt ein, wenn Senioren nicht gut behandelt werden. Die Mängelliste.

 

München - Die Mutter, die im Pflegeheim wund liegt. Der Großvater, dem beim Wassertrinken nicht geholfen wird, obwohl er auszutrocknen droht. Die demente Frau, deren Zahnersatz immer wieder vom Nachtkästchen verschwindet, weil das Personal nicht darauf aufpasst – oder nicht aufpassen kann, weil es zu wenig Zeit hat. Der Kummer, den Angehörige haben, wenn ihre Lieben in Münchner Heimen oder auch zuhause betreut werden, ist groß. Und das Leid der Betroffenen auch.

Das belegt der Tätigkeitsbericht 2017/2018 der städtischen "Beschwerdestelle für Probleme in der Altenpflege", der nächsten Mittwoch dem Stadtrat vorgelegt wird, und den die AZ sich vorab angeschaut hat.

Ludwig: "Wir als Fachleute haben oft mehr Gewicht"

Etwa 3.000 Mal pro Jahr mussten die sechs Expertinnen der Beschwerdestelle tätig werden, um rund 200 Fälle pro Jahr zu regeln und die Lage für die betroffenen Pflegebedürftigen erträglicher zu machen – das sind ein Drittel mehr Fälle als noch vor zehn Jahren.

Sie haben dazu mit den Senioren und Angehörigen gesprochen, im Hintergrund recherchiert – und die Heime oder Pflegedienste gezwungen, auf die Vorwürfe zu reagieren. "Wenn wir einschreiten, haben wir als Fachleute mehr Gewicht als Angehörige", sagt Beschwerdestelle-Chefin Birgit Ludwig zur AZ, "auch durch unsere Kontakte zur Heimaufsicht". Denn dorthin meldet sie die gravierendsten Fälle, wenn gefährliche Mängel im Spiel sind – oder sogar Gewalt.

Probleme in der Pflege: Die häufigsten Vorwürfe

Bei der Versorgung in den Pflegeheimen listet der Bericht zuvorderst die altbekannten Mängel bei der "Körperpflege, Ernährung und Ausscheidung" auf – ein Drittel aller Klagen bezieht sich darauf. So beschreiben Angehörige die Hilfe des Pflegepersonals hier als "unzureichend". Immer wieder werde beschrieben, "dass Inkontinenzeinlagen zu selten gewechselt wurden". Die Folge ist, dass die Menschen oft wund liegen. "Das ist besonders schlimm bei Diabetikern", sagt Ludwig.

Kritisiert wird auch, wenn das Personal so häufig wechselt, dass am Ende niemand mehr die Wünsche oder Vorlieben eines Pflegebedürftigen kennt. "Da steht dann wieder Kaffee am Bett, obwohl klar sein müsste, dass die Dame, die nicht mehr sprechen kann, keinen Kaffee trinken mag, sondern Tee", erklärt Birgit Ludwig.

Der Personalmangel in der Pflege, die schlechte Bezahlung, mitunter auch Überlastung blieben einfach "ein riesiges Problem". Besonders angestiegen seien die Beschwerden über ambulante Pflegedienste. Bei einem Drittel der Fälle seien "Leistungsdokumentation und Abrechnung nicht transparent", heißt es im Bericht.

"Die Rechnung erschien den Beschwerdeführern zu hoch", Kosten hätten sich "ohne vorherige Absprache" erhöht, merkwürdige "Privatleistungen und Gebühren" wurden abgerechnet. Auch der "Ton", den Pflegedienste anschlagen, wird häufig als "nicht angemessen" kritisiert, Zusagen würden nicht eingehalten und auf Beschwerden werde nicht reagiert.

Was den Experten in der Beschwerdestelle zudem Sorgen macht: Die Zahl der Menschen, die sich nicht auf die Hilfe von Angehörigen verlassen können, nimmt zu. Ihr Anteil sei "kontinuierlich auf 37 Prozent gestiegen" und habe sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt.

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Gibt es Pflegeprobleme bei Ihrem Angehörigen? Die Beschwerdestelle für Probleme in der Altenpflege befindet sich in der Burgstraße 4 (1. Stock). Telefon 089/23 39 69 66.

 

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