Bergsteiger im AZ-Interview Reinhold Messner: "Ich war bereit zu sterben"

Reinhold Messner gehört zu den bekanntesten Bergsteigern überhaupt. Im AZ-Interview spricht er über den tragischen Verlust seines Bruders Günther, der 1970 auf dem Nanga Parbat im Himalaya starb. Foto: Roland Weihrauch/dpa

Am 27. Juni vor 50 Jahren beginnt das tödliche Drama um die Messner-Brüder am Nanga Parbat. Der Bergsteiger teilt mit der AZ seine Erinnerungen, Emotionen und den Kampf gegen Anfeindungen.

 

Reinhold Messner (75) gehört zu den bekanntesten Bergsteigern weltweit. Er war der Erste, der im Himalaya und im angrenzenden Karakorum auf allen Achttausendern stand.

AZ: Guten Tag, Herr Messner. Wie geht es Ihnen?
REINHOLD MESSNER: Ich lebe noch.

AZ: An diesem Samstag vor 50 Jahren nahm Ihr Schicksal einen brutalen Lauf. Sie waren mit Ihrem Bruder am Nanga Parbat unterwegs, stiegen vom letzten Lager zur Rupalwand auf. Ihr geschwächter Bruder Günther verunglückte dann beim gemeinsamen Abstieg auf der Diamirseite tödlich. Wie geht es Ihnen, wenn Sie heute daran zurückdenken?
REINHOLD MESSNER: Ich habe mich ein Leben lang dafür verteidigen müssen. Es hieß, ich hätte meinem Ehrgeiz folgend den Bruder geopfert, um den Nanga Parbat zu überschreiten. Wer aber opfert seinen Bruder, um eine verrückte Sache zu machen? Wir hatten gerade die höchste Wand der Welt durchstiegen – als Erste. Eine größere Herausforderung gab es damals nicht. Warum sollten wir diesen Erfolg aufs Spiel setzen, indem wir etwas taten, was tödlich sein könnte? In meinem Buch „Mein Schlüsselberg Nanga Parbat“ ist im Grunde jedes Detail mit Bildern nachprüfbar, warum wir damals so und nicht anders gehandelt haben. Wenn man keine Chance mehr hat, über einen anderen Weg runterzukommen, geht man auch den gefährlichsten Weg.

Sie nennen ihn Schlüsselberg – warum?
Dort habe ich das Sterben erlebt, den Verlust des Bruders, die absolute Verzweiflung. Es war das schlimmste Abenteuer meines Lebens. Umgekehrt war es auch einer der glücklichsten Momente, als wir zusammen am Gipfel standen.

Lassen einen die Erinnerungen irgendwann los?
Eine dramatische Geschichte wie der Tod des Bruders bleibt bis zum Lebensende in mir. Aber ich lebe auch mit meinem Erinnerungspaket: Wir haben ja Hunderte, wenn nicht Tausende Klettertouren zusammen gemacht, vor allem daheim in den Dolomiten.

Reinhold Messer: Ich bin der Einzige, der etwas über Tod meines Bruder erzählen kann

Sie waren zum Schluss zu zweit unterwegs. Über die Jahre gab es zig Spekulationen, was wirklich am Berg passiert ist. Es hieß etwa, Sie hätten ihn geschwächt zurückgelassen und allein zur Rupalseite zurückgehen lassen.
Ich bin der Einzige, der mit dem Bruder abgestiegen ist. Also bin ich auch der Einzige, der darüber erzählen kann. Natürlich könnte ich dabei lügen, wie es andere tun. Aber diese anderen können nur lügen, weil sie die Erfahrung des Abstiegs nicht kennen. Warum die Medien denen ein Ohr geschenkt haben und mich – überspitzt gesagt – zum Brudermörder abgestempelt haben, verstehe ich immer noch nicht. Es war Rufmord.

Wie ist Ihre Familie damit umgegangen? Meine Mutter und mein Vater haben das alles gehört, gelesen und mussten es ertragen. Dass die Familie daran nicht zerbrochen ist, lag nur daran, weil sie mir geglaubt hat. Die Eltern waren leider nicht mehr am Leben, als der Bruder schließlich gefunden wurde und damit die Geschichte aufgeklärt war.

Minus 40 Grad, kein Zelt und Schlafsack

Wie haben Sie es geschafft, die Strapazen am Nanga Parbat durchzuhalten?
Ich war im Vorfeld hochtrainiert und wir hatten gelernt, tagelang ohne Essen auszukommen. So erging es mir dann auch – eine knappe Woche ohne Essen bei höchster Anstrengung. Das Nächtigen – Schlafen kann man das nicht nennen – auf 8.000 Metern Meereshöhe und bei fast minus 40 Grad ohne Zelt, ohne Schutz, ohne Schlafsack hätte tödlich enden können. Dass ich zuletzt überlebt habe, ist ein Wunder.

Was hat Sie immer weiter gehen lassen?
Allein der Selbsterhaltungstrieb hat uns gezwungen, es zu versuchen. Mein Bruder war angeschlagen durch die Höhenkrankheit. Wir sind Stück für Stück runter, ich bin vorausgegangen, um den Weg zu suchen. Wenn es weiterging, habe ich meinen Bruder nachgewunken. Wenn ich nicht weiterkam, bin ich ausgewichen nach oben, links, rechts – so habe ich ihm doppelte und dreifache Wege erspart. Am Ende irrten wir durch ein fürchterliches Gletschergebiet. Dann kam die Lawine.

Das sagten sich die Messner-Brüder vor Günthers Tod

Was ist das Letzte, woran Sie sich mit Ihrem Bruder erinnern?
Das letzte Gespräch haben wir an einem kleinen Hang vor einer großen Mulde geführt. Ich habe gesagt, ich gehe voraus und schaue, ob man da durchkommt. Ich ging und suchte und wartete – der Bruder war nicht zu sehen. Ich wartete weiter, ich war selbst todmüde. Der Bruder kam nicht. Als er auch nach weiterem Rufen und Winken nicht auftauchte, bin ich zurück und habe die Lawinentrümmer gesehen.

Was ging bei diesem Anblick in Ihnen vor?
Ich konnte und wollte nicht glauben, dass er unter der Lawine ist. Ich habe angefangen – wie irre geworden – nach ihm zu suchen und zu rufen. Ich habe ihn in meinen Halluzinationen auch gehört. Diese Halluzinationen blieben, bis ich wieder zu den ersten Menschen kam.

"Ich habe ihn in meinen Halluzinationen auch gehört"

Wie haben sich diese noch geäußert?
Ich habe immer wieder Pferde mit Reitern gesehen oder auch Menschen, die Mutter – als ich in ihre Nähe kam, war da nichts. Es waren nur Sträucher.

Dreht man da nicht durch?
Zum Glück nicht. Ich war physisch am Ende. Ich war zum Schluss auch bereit zu sterben. Aber immer wenn ich aufgewacht bin, kroch ich trotz meiner Erfrierungen und der Müdigkeit ein Stückchen weiter.

Wie ging es nach dem Abstieg für Sie weiter?
Mir wurden sieben Zehen amputiert. Ich konnte nicht mehr so klettern wie vorher. Meine Eltern sagten: Geh zurück zur Uni, mach dein Studium fertig, suche dir einen bürgerlichen Beruf.

Aber?
Ich hatte mit meinem Bruder am Nanga Parbat viele Pläne geschmiedet für die nächsten Jahre. Wir wollten zusammen eine Bergsteiger-Schule und Expeditionen machen. Ich habe dann beschlossen: Ich bleibe beim Bergsteigen, aber spezialisiere mich aufs Höhen-Bergsteigen, weil ich dafür die Zehen nicht unbedingt brauche. Acht Jahre später bin ich ganz allein nochmal auf den Nanga Parbat – mit neuer Route und ohne Unterstützung.

"Ich werde nicht mehr klagen und mich nicht mehr rechtfertigen"

Am Nanga Parbat wurde dann 2005 die Leiche Ihres Bruders eben auf der Diamirseite gefunden. Wie wichtig war das für Ihr Seelenheil?
Natürlich war es wichtig, dass der Bruder gefunden wurde. Es war der Beweis dafür, dass die anderen gelogen hatten und dass ihre Rufmordkampagne zum Ziel hatte, mir zu schaden, mich kaputt zu machen. Alle Brüder und meine Schwester sind zum Nanga Parbat gereist, wir haben dort von meinem Bruder Abschied genommen. Damit war die Sache für uns Frieden. Was ich nie wieder machen werde: Wenn die Kolporteure aufstehen, werde ich nicht mehr klagen – das habe ich ja schon getan und habe die Prozesse gewonnen – und ich werde mich auch nicht mehr rechtfertigen. Das habe ich nicht mehr nötig. Ich kenne die Wahrheit. Ich habe mein Leben über Tage eingesetzt, um den Bruder zu retten.

Was werden Sie an diesem Samstag machen?
Ich werde allein am Berg sein, gehe immer dorthin, wo alle anderen nicht sind.

Lesen Sie auch: Gemütlich Wandern im Allgäu mit tollem Panoramablick

 

1 Kommentar

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading