Belgien Häuser, die aus der Reihe tanzen

Brüssel - Hat dieser Mensch doch tatsächlich Schlafmohn an die Fassade malen lassen! Zwischen den krautigen Blättern und kugeligen Kapselfrüchten räkelt sich ein degoutantes Weib mit gülden geschmücktem, rotem Haar. „Im Jahr 1900 ein Skandal: Drogen als Sgraffito-Fassadenmalerei“, sagt Stadtführer Sacha Seggaï (39). Das schmale Haus Nummer 83 in der Brüsseler Rue Faider hat Paul Roosenboom, ein Schüler des Art-nouveau-Begründers Victor Horta (1861-1947), entworfen. Ein Teil der einst aufsehenerregenden Wand ist abgefallen, das Haus scheint unbewohnt. Mehr Leben herrscht gleich um die Ecke, in der Rue Defacqz 48. Frisch renoviert strahlt die mit Blattgold prunkende Fassade des Ciamberlani-Hauses.

 

Ein Werk des Architekten Paul Hankar von 1897. Hinter den riesenhaften, runden Fenstern ist Spielzeug zu erkennen. „Hier wohnt eine Familie mit Kindern“, erzählt der Stadtführer. Knapp 500 Gebäude im Art-nouveau-Stil (in Deutschland wird die Kunstrichtung nach der 1896 gegründeten Münchner Wochenschrift „Die Jugend“ als Jugendstil bezeichnet) haben Kriege und Baumboom der Nachkriegszeit überstanden. Diese Zahl macht die belgische Hauptstadt zu Europas Jugendstil-Metropole. Besonders geballt finden sich die steingewordenen Zeugnisse des Fin de Siècle in den Vierteln Saint-Gilles und Ixelles. Um 1900 mauserte sich die Gegend links und rechts der Avenue Louise zum eleganten Quartier.

„Durch diese Verwendung von Metall waren kühne Gestaltungen möglich“

Wer es sich leisten konnte, zog raus in die südlichen Vororte, auf halbem Weg zum Park Bois de la Cambre. Zur damaligen Zeit wurde in Europa im Stil des Historismus gebaut - ein Nachahmen von klassisch-strengen Formen der Antike. Eine Gruppe belgischer Architekten wollte aber nicht geradlinig arbeiten, wenn zeitgleich Wissenschaft und Technik enorme Kapriolen schlugen. Zum Fortschritt musste eine neue Architektur her: Art nouveau. Geschwungene Linien, eiserne Blumen, Schnörkel im Stein, sichtbares Eisen. „Durch diese Verwendung von Metall waren kühne Gestaltungen möglich“, sagt Sacha Seggaï. In den eleganten Wohnstraßen Brüssels in Saint-Gilles reiht sich ein Stadtpalais an das andere.

Die meisten wie mit dem Lineal gezogen, dazwischen immer wieder eines, das aus der Reihe tanzt. Jugendstil - in Auftrag gegeben von Professoren, Freimaurern, Schöngeistern, Künstlern. „Der Baustil war beliebt bei ungewöhnlichen Menschen, die nicht so wohnen wollten wie jedermann “, sagt Sacha Seggaï. Eben mit runden Fenstern und Schlafmohn an der Wand. Eine neue Kunst für eine neue Lebensform. Heute hat sich daran nicht viel geändert. Die einst elegante Avenue Louise ist zwar inzwischen mehr vielbefahrene Ausfallstraße als prächtige Antwort auf die Pariser Champs-Élysées, doch zu ihren Seiten liegen noch immer die In-Viertel. Man könnte die Gegend auch den „Prenzlauer Berg von Brüssel“ nennen.

Ähnlich wie in dem Berliner Bezirk wohnen hier vor allem hippe Großstädter - die Bourgeois-Bohemiens, kurz Bobo. Leute mit Geld, die dennoch rebellisch sein möchten. Doch im Gegensatz zu anderen Großstädten haben die Bobos in Brüssel nicht ehemalige Arbeiterviertel luxussaniert und so die alteingesessenen Bewohner vertrieben. „Die soziale Struktur der Gegend war schon immer eher gehoben“, so Sacha Seggaï. Dementsprechend hübsch sind die Straßenzüge. Süßlichen Waffelduft und fotografierende Japaner auf der Suche nach Manneken Pis gibt es hier, nur wenige Kilometer von der berühmten Grand- Place entfernt, nicht. Dafür schieben junge Belgierinnen oder Gattinnen von Luxus-Immigranten in Diensten der Europäischen Union den Nachwuchs im 1000-Euro-Buggy zum Wochenmarkt auf der Place du Chatelain. Die quirlige Rue Bailli prunkt mit alternativen Modegeschäften, Buchläden, Kunsthandlungen, Cafés. Und Jugendstil-Perlen.

Geld spielte keine Rolle

In der Rue Paul Emile Janson 6 schlug 1893 die Geburtsstunde der Art nouveau. Eingeklemmt zwischen zwei klassizistischen Bauten steht das Hôtel Tassel des belgischen Architekten Victor Horta. Es gilt als das erste reine Jugendstilgebäude der Welt. Der Name verwirrt etwas, denn es handelt sich um ein Wohnhaus. „Horta baute es für den Professor Emile Tassel, der darin mit seiner Großmutter wohnte“, erzählt Sacha Seggaï. Tassel hatte diverse Sonderwünsche, ein Labor zum Entwickeln von Filmen, einen Rauchsalon, Geld spielte keine Rolle. Horta schuf eine lockere Fassade mit imposanten Bogenfenstern und Fensterstürzen aus lindgrünem Metall. Hôtel Tassel ist ein Gesamtkunstwerk, in dem von der Türklinke bis zum Fenstergriff alles speziell entworfen wurde.

Sein Kollege Henry van de Velde trieb dieses Modell der Sonderanfertigung später auf die Spitze und kreierte für seine Auftraggeber auch die komplette Einrichtung - bis hin zum Besteck. Hôtel Tassel, das seit dem Jahr 2000 zum Unesco-Welterbe gehört, kann man nur von außen bewundern. Es sei denn, man hat einen Termin beim European Food Information Council (Eufic), das in dem Gebäude logiert. Oder man ergattert einen Platz bei den Besichtigungstouren der Art nouveau Biennale, die seit 2001 alle zwei Jahre stattfindet (dieses Jahr am 26. und 27. Oktober).

Wer ohne Voranmeldung sehen möchte, wie Victor Horta Licht durch Glasdächer von oben ins Haus holte, kann dessen ehemaliges Wohnhaus und Atelier in der Rue Americaine 23-25 besuchen. Das Ensemble von 1898 gilt als Höhepunkt seines Schaffens und beherbergt heute ein Museum. Um ein zentrales, sehr repräsentatives Treppenhaus herum ordnete Horta halbstöckige Wohnebenen an und schuf so auf kleinem Platz maximale Wohnfläche. „Das Haus ist erstaunlich modern und hat sogar eine Luftumwälzanlage“, erklärt Sacha Seggaï. Weitere Gimmicks: eine beheizte Sitzbank oder ein im Schrank verstecktes Pissoir direkt neben Hortas Bett. Für dringende nächtliche Bedürfnisse. Hier baute ein wirklicher Individualist.

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